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Mit Vollgas auf der Felge

Tim Kleindienst erzielte seinen zwölften Saisontreffer – obwohl ihm die Verantwortlichen ganz gern eine Pause gegönnt hätten.
Tim Kleindienst erzielte seinen zwölften Saisontreffer – obwohl ihm die Verantwortlichen ganz gern eine Pause gegönnt hätten. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. Nach fünf sieglosen Spielen in Folge hat Energie Cottbus die Negativserie beendet: Beim 2:0 (2:0) gegen die Stuttgarter Kickers überzeugten die Lausitzer endlich wieder mit Energie-Fußball. Tim Kleindienst glänzte als Vorbereiter und Vollstrecker – obwohl sein Trainer ihn gern geschont hätte. Jan Lehmann

Seit vergangener Woche steht es nun auch in den Akten der Straßenverkehrsbehörde: Tim Kleindienst hat die Lizenz zum Gas geben, er hat seinen Führerschein bestanden. In Drittliga-Statistiken ist derweil zu erkennen, dass der 19-Jährige nunmehr schon seit knapp einem Jahr im Profi-Fußball richtig Gas gibt. Am Samstag gegen die Stuttgarter Kickers war er wieder der entscheidende Mann beim FC Energie: Erst bereitete der Abiturient den Treffer von Leonhard Kaufmann (25.) vor, dann traf er selbst zum vorentscheidenden 2:0 (37.). Kleindienst freute sich nach seinem zwölften Saisontreffer: "Dieser Sieg tut der Mannschaft richtig gut - gerade nach dem Aufwand, den wir heute betrieben haben."

Tatsächlich absolvierte Kleindienst wie seine Kollegen ein großes Laufpensum. Er hatte damit großen Anteil daran, dass Energie nach einer Serie von fünf sieglosen Spielen in Folge endlich wieder Vollgasfußball zeigte. Dabei hatte Trainer Stefan Krämer vor dem Spiel betont: "Der arme Tim Kleindienst bräuchte eigentlich mal eine Pause." Und der Sportliche Leiter Roland Benschneider hatte erklärend hinzugefügt: "Der Junge geht auf der Felge."

Doch selbst auf der Felge entwischte Kleindienst immer wieder der Kickers-Abwehr - und bei seinem Treffer zum 2:0 auch noch deren Torhüter Korbinian Müller. Weil der Gästekeeper erst herausstürmte, dann aber zu lange zögerte, nutzte Kleindienst seine Vollgas-Qualitäten. Er sprintete in die Lücke, spitzelte den Ball über Müller und schoss ihn dann ins leere Tor. Der Energie-Angreifer berichtete: "Ich habe natürlich darauf spekuliert, den Ball zu bekommen. Der springt ein bisschen unglücklich für den Torhüter auf, der hat sich dann wahnsinnig verschätzt."

Mit Vollgas auf der Felge, das galt am Samstag für die gesamte Energie-Mannschaft. Trotz der verletzten Stammspieler Manuel Zeitz (Fuß-Operation), Sven Michel (Muskelfaserriss) und Ronny Garbuschewski (muskuläre Probleme) und des abgehakten Aufstiegs zeigte die Krämer-Elf endlich wieder Energie-Fußball. Der Coach lobte erleichtert: "Ich muss meinen Spielern, die in den vergangenen Wochen auch zu Recht in der Kritik gestanden haben, ein Riesenkompliment machen. Genau das ist das, was wir im Stadion sehen wollen: Laufbereitschaft, hohes Verteidigen, Gegenpressing - damit kriegst du auch die Zuschauer."

Krämer selbst hatte an diesem Auftritt einen großen Anteil, denn er entzauberte eine der spielerisch besten Mannschaften mit einem taktischen Kniff. Er ließ sehr mannorientiert verteidigen und nahm den Kickers somit die Chance, ihre gefährlichen Kurzpässe durch die Abwehr zu stecken. Gäste-Trainer Horst Steffen gab deshalb auch unumwunden zu: "Unser Plan ist nicht aufgegangen. Wir haben uns immer wieder festgelaufen." Während der Stuttgarter Motor sich also festfuhr, lief Energie nach dem erlösenden Führungstreffer und dem Tribünenverweis für Trainer Krämer richtig heiß. Lange nicht mehr hat man die Cottbuser so konzentriert im Passspiel und so resolut in den Zweikämpfen erlebt.

Eine Personalentscheidung spielte dabei eine wichtige Rolle: Krämer schickte erstmals Thomas Hübener neben Uwe Möhrle in die Innenverteidigung. Cedrick Mimbala hingegen agierte als Rechtsverteidiger. Der Deutsch-Kongolese erinnerte mit seiner wuchtigen, nicht immer ganz grazilen Spielweise an vergangene Zeiten: War nicht einst auch Publikumsliebling Vragel da Silva so an der rechten Außenlinie entlanggestürmt?

Mit dieser Aufstellung überraschte Krämer im Übrigen nicht nur den Gegner, sondern auch die eigene Mannschaft. Fanol Perdedaj verriet: "Das haben wir so nicht trainiert und auch erst in der Mannschaftsbesprechung erfahren." In der Nacht vorm Spiel hatte Krämer diese überraschende Entscheidung mit seinem Stab getroffen. Er begründete: "Ich wollte mit Hübener und Möhrle unsere beiden erfahrensten Spieler in der Innenverteidigung haben. Auf das Tempo und die Wucht von Mimbala wollte ich aber auch nicht verzichten." Dass Energie erstmals in diesem Jahr zu Null spielte, gab dem Coach in dieser Entscheidung Recht.

Die wichtigste Erkenntnis vom Samstag ist derweil so simpel wie verheißungsvoll: Wenn Energie weiter Vollgas gibt, dann gibt es auch Punkte. Eine Wechselbeziehung, die sich Tim Kleindienst gut einprägen sollte - für die Verkehrssünderdatei in Flensburg.