| 19:09 Uhr

Interview mit Marc Stein
„Ich hätte da einen Club für Dich“

Marc Stein ist bei Energie Cottbus der ruhende Pol in der Innenverteidigung. Auch abseits des Platzes spielt der Kapitän eine wichtige Rolle.
Marc Stein ist bei Energie Cottbus der ruhende Pol in der Innenverteidigung. Auch abseits des Platzes spielt der Kapitän eine wichtige Rolle. FOTO: O.Behrendt / imago/Contrast
Cottbus. Energie-Kapitän Marc Stein spricht im RUNDSCHAU-Interview über ein Wechselgerücht aus Stuttgart und verrät, wie manche Berater den Spielern den Kopf verdrehen.

Energie Cottbus ist am Samstag im Viertelfinale des Landespokals beim Ludwigsfelder FC klarer Favorit (13 Uhr/live im Videoticker bei FuPa). Für Kapitän Marc Stein ist die Ausgangsposition kein Grund zum Zurücklehnen. Der 32-Jährige spricht im RUNDSCHAU-Interview über das große Ziel und auch die schwierige Situation des Vereins.

Marc Stein, in der „Stuttgarter Zeitung“ wird über Ihre Rückkehr zu den Stuttgarter Kickers spekuliert. Sie werden zitiert: „Früher oder später werden meine Familie und ich unseren Lebensmittelpunkt wieder in Stuttgart haben.“ Gefällt es Ihnen nicht in der Lausitz?

Stein: Das hat damit doch gar nichts zu tun. Wir fühlen uns hier sehr wohl, hatten aber schon immer vor, irgendwann in Stuttgart zu ­leben. Klar habe ich gesagt, dass ich die Kickers mit einem weinenden Auge verlassen habe. Aber aktuell ist das für mich überhaupt gar kein Thema. Ich konzentriere mich auf Energie. Es wäre ja Quatsch von einem Verein wegzugehen, der die Chance hat, aufzusteigen.

Sie haben sich im Sommer 2016 für Energie entschieden, obwohl beim FCE vieles ungewiss war. Wie bewerten Sie die Entscheidung im Nachhinein?

Stein: Als absolut richtig, ohne jede Frage. Ich habe mich für Energie Cottbus entschieden, weil ich große Lust darauf hatte, hier etwas zu bewirken. Ich habe eine Führungsaufgabe übertragen bekommen, es gab einen kompletten Neuaufbau, die Mannschaft sollte sich entwickeln. Das alles hat mich sehr gereizt.

Als Kapitän sind Sie sehr um den Zusammenhalt im Team bemüht. Warum ist das so wichtig?

Stein: Weil man mit mannschaft­licher Geschlossenheit viele Sachen kaschieren kann. Egal ob bei der Fitness oder der Qualität der einzelnen Spieler. Und in der Regionalliga ist das noch wichtiger als sonst.

Wieso?

Stein: Weil es am Ende der Saison möglicherweise darum geht, in den Relegationsspielen die Leistung auf dem Punkt abzuliefen. Da darf es keine Baustellen im Team geben. Da sehe ich uns aber auf einem ­guten Weg. Alle haben verstanden, ­worum es geht.

Was meinen Sie konkret?

Stein: Unser Kader hat eine interessante Konstellation: Einer hat es woanders vielleicht nicht geschafft; einer will nach einer Verletzung zurückkommen; die nächsten wollen sich entwickeln. Aber alle haben das gleiche Ziel: Sie wollen einen Schritt nach vorne machen! Davon profitieren alle – wenn es jeder kapiert.

Ist das ein Lerneffekt?

Stein: Gut möglich. Ich sage den Jungs immer wieder: Es ist egal, ob der eine drei Tore mehr macht und der andere drei Vorlagen weniger. Wenn Energie auf dem ersten Platz steht, dann stehen auch die Spieler X, Y oder Z auf Platz eins.

Bei vielen Spielern im FCE-Kader würde sich der Vertrag automatisch verlängern, wenn Energie aufsteigt. Ist das ein Segen oder ein Fluch?

Stein: Es ist für alle Spieler eine Chance. Wenn es gut läuft, sie sich weiterentwickeln und ihren Beitrag dazu leisten, dass der Verein nach oben geht – dann haben sie die Verhandlungen selbst für sich geführt.

Aber ist da nicht auch eine Gefahr? Dem einen oder anderen Profi ist es vielleicht lieber, wenn Energie nicht aufsteigt. Dann könnte er nach dieser starken Saison ablösefrei wechseln – und womöglich zu einem höherklassigen oder finanziell stärkeren Club gehen.

Stein: Ja, klar. Aber die Vereine suchen nicht erst nach der Relegation.

Genau, die suchen jetzt. Und gerade deshalb könnte das für ziemlich viel Unruhe bei Energie sorgen.

Stein: Versuchen wir es mal aus der anderen Richtung zu sehen: Wir sind ein Verein, der einen Spieler von Energie haben will. Die haben aber zwölf Punkte Vorsprung, die spielen möglicherweise Relegation, der Spieler hat auch noch einen Vertrag, der sich verlängert, wenn sie aufsteigen. Da müssen wir ja bis Anfang Juni warten und dann wissen wir noch nicht einmal, ob wir der ­Verein sind, der den Spieler kriegt. Das ist nicht das, was wir wollen.

Gibt es da nicht aber trotzdem ein Problem? Oder haben Sie im Team so eine interne Abmachung: Wir ziehen das gemeinsam durch?

Stein: Das ist in diesem Geschäft schwierig. Man darf nicht vergessen, dass da auch die Spieler­berater mit am Tisch sitzen. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie das bei uns ist. Aber manche Berater verdrehen den Spielern den Kopf: „Du hast zehn gute Spiele gemacht, ich hätte da einen Verein für Dich.“ Dann fängt der Spieler an, zu grübeln. Dabei weiß er nicht: Was verdient er dort? Setzt der Trainer auf ihn? Alles ist ungewiss. Aber klar: Wenn ein Spieler die Chance für eine höhere Liga hat, versucht er, die zu nutzen.

Sprechen Sie in der Kabine über solche Sachen?

Stein: Wenn man gut befreundet ist, dann sagt man schon mal: „Wenn das Angebot ganz gut ist, werde ich wohl bleiben. Wie sieht es bei Dir aus?“ Aber mehr wird da in der ­Regel nicht ausgetauscht.

Man muss nicht allzu mutig sein, um zu prognostizieren, dass ­Energie den Regionalliga-Titel holt.

Stein: Naja. Es geht hier zwar in die richtige Richtung. Aber wir müssen in etwa nochmal die gleiche Anzahl von Punkten holen, die wir bisher haben. Die anderen Mannschaften sagen doch nicht im Winter: ,Macht Ihr das mal mit der Relegation.‘ Im Gegenteil: Alle sind heiß darauf, uns als Erster zu schlagen. Und die letzten Spiele waren schon enger. Vielleicht weil wir Verletzungssorgen haben. Aber gewiss auch, weil sich die Gegner besser auf unsere ­Qualitäten eingestellt haben.

Sie sprechen in der Kabine noch nicht über die Relegation?

Stein: Dafür ist es einfach noch zu früh. Es geht darum, dass wir uns alle weiterentwickeln. Und das nicht nur im sportlichen Bereich, sondern auch im persönlichen Bereich. Fußballspielen können die Jungs in den ersten vier Ligen alle. Es geht darum, zu wissen: Wie schaffe ich es, ­meine Stärken in den 90 Minuten am Wochenende auszuspielen? Man muss sich immer verbessern, um die Leistung beständig auf den Platz zu bringen.

Also ein kleiner Stufenplan bis hin zu den Aufstiegsspielen?

Stein: Ja, genau. Viele sagen ja, dass es kontraproduktiv ist, wenn man früh Meister ist und dann nicht mehr die Spannung für die Relegationsspiele hat. In den vergangenen Jahren war es aber im Nord­osten meist relativ klar und die Teams konnten sich gut vorbereiten.

Trotzdem ist die Relegation eine Art Glücksspiel. Wie sollte der FCE aus Ihrer Sicht die Zukunft planen?

Stein: Der Verein muss neue Wege gehen. Aber das ist kein Problem von Energie Cottbus. Das ist bei vielen Ost-Vereinen so. Da geht es nicht ­darum, ob man Spieler XY mit ein paar Euro mehr halten kann.

Sondern?

Stein: Darum, sich wieder neu und solide aufzustellen. Rein sportlich gesehen haben wir den Niedergang der vergangenen Jahre jetzt erst mal gestoppt. Rein finanziell jedoch wird man das nur mit der Rückkehr in die 3. Liga schaffen können. Dabei sehe ich Energie langfristig sogar als möglichen Zweitligisten. Und es geht ja in die richtige Richtung.

Was macht Sie so zuversichtlich?

Stein: Der Verein hatte jetzt anderthalb Jahre lang ein bisschen mehr Ruhe. Man hat dem Trainer und dem Team viel Zeit gegeben. Energie hat ja nicht den klassischen Weg gewählt, also abspecken, abspecken, abspecken. Im Gegenteil. Man hat gesagt: Wir wollen ein ordentliches Trainerteam. Und wir wollen auch die Mannschaft nicht jedes Jahr umbauen. Man setzt auf eine Entwicklung. Da erntet man jetzt die ersten Früchte.

Welche Rolle spielt dabei Trainer Claus-Dieter Wollitz für Sie?

Stein: Er ist extrem wichtig als Führungspersönlichkeit. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es immer besser ist, wenn jemand eine klare Ansprache hat. Manchmal ist es schade, dass er viele Sachen ­alleine stemmen muss, die er auf einem anderen Niveau nicht machen müsste. Im Moment dankt es ihm die Mannschaft, dass er den Druck meist auf sich zieht und die Spieler sich im Hintergrund in Ruhe entwickeln können.

Am Samstag ist Energie im Landespokal-Viertelfinale beim Sechst­ligisten Ludwigsfelder FC klarer
Favorit. Wie groß ist die Gefahr, dass in einem solcher vermeintlich leichten Spiele doch mal der Schlendrian durchkommt?

Klar könnte man sich ein bisschen zurücklehnen. Ist ja schließlich Länderspielpause. Und in der Liga hat man genügend Vorsprung. Aber gerade in solchen Wochen kann man für sich persönlich viel rausholen, den nächsten Schritt machen. Und ich bleibe dabei: Das ist das Entscheidende als Profi.

Mit Marc Stein
sprach Jan Lehmann

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Logo FC Energie Cottbus FOTO: FC Energie Cottbus / LR