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| 02:41 Uhr

Lepsch: Vom Retter zur Zielscheibe der Kritik

FOTO: LR (Archiv)
Cottbus. Ulrich Lepsch hat am Mittwochabend für einen Paukenschlag gesorgt. Der Präsident des designierten Absteigers Energie Cottbus steht für einen Neuaufbau in der 3. Liga nicht zur Verfügung. Die Bilanz des 55-Jährigen ist umstritten: Lepsch rettete den FCE vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Er verantwortet aber eben auch den sportlichen Niedergang. Frank Noack und Jan Lehmann

Über dem Stadion der Freundschaft strahlte am Mittwochabend die Sonne. Was für ein trügerisches Bild! Denn sportlich gesehen stehen dunkle Wolken über Fußball-Cottbus. Wenn es schlecht läuft, dann steigt der FCE bei einer Niederlage gegen den FC St. Pauli schon an diesem Donnerstag in die 3. Liga ab. Also genau dorthin, von wo aus im Jahr 1997 der atemberaubende Aufstieg bis hinauf in die Bundesliga begann.

Am Mittwochabend gegen 19.30 Uhr erlebte die rot-weiße Fußballwelt ein weiteres Beben: Präsident Ulrich Lepsch verkündete seinen Rückzug aus der Energie-Chefetage zum Ende seiner turnusmäßigen Amtszeit Ende Mai. "Für eine neuerliche Amtszeit stehe ich unabhängig vom Ausgang der Saison nicht zur Verfügung", wird Lepsch in der vom Verein verbreiteten Pressemitteilung zitiert. Die Nachfolge soll der bisherige Vize Wolfgang Neubert übernehmen.

Dass Lepsch seinen Rückzug ausgerechnet am Vorabend des wohl endgültigen Abstieges aus der 2. Liga bekannt gibt, legt den Schluss nahe: Er wollte damit dem mutmaßlichen Frust der Fans bei einer Niederlage gegen St. Pauli zuvorkommen. Denn der Chef der Sparkasse Spree-Neiße ist quasi zur personifizierten Zielscheibe des Unmutes der Anhänger über den sportlichen Niedergang geworden. Die immer größer werdende Kluft zwischen einem Großteil der Fans und dem Vereinschef erreichte nach dem Heimspiel gegen Dynamo Dresden vor zwei Wochen ihren vorläufigen Höhepunkt.

Lepsch räumte schon damals ein: "Ich bin auch am Fanblock vorbeigegangen. Da habe ich Sachen gehört - da fasst man sich an den Kopf und fragt sich: Warum tut man sich das eigentlich noch an?" Damals wurde ein Linienrichter durch einen Gegenstand am Kopf verletzt. Der Deutsche Fußball-Bund sanktionierte dieses Fehlverhalten mit der Sperrung von drei Blöcken der Nordwand für das Spiel gegen St. Pauli. Auch hier musste Lepsch in den vergangenen Tagen jede Menge persön liche Kritik einstecken. Sie dürfte den Rückzug beschleunigt haben. "Ich habe mich im Verein gern engagiert und wollte ihn stets voranbringen, statt ihm im Weg zu stehen. In jüngster Vergangenheit konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dies in Abrede gestellt wird", ließ der scheidende Vereinschef einen Einblick in seine Gefühlswelt zu.

Die Bilanz seit dem Amtsantritt im Jahr 2006 ist vielschichtig - aber eben auch sehr umstritten. Mit der Sparkasse im Rücken rettete er den Verein damals vor dem finanziellen Kollaps und sorgte Schritt für Schritt für eine funktionierende Infrastruktur. Unter seiner Regie erhielt Energie die Lizenz sieben Mal in Folge ohne Auflagen und Bedingungen.

Aber Lepsch verantwortet auch den sportlichen Abstieg seit dem Aus in der 1. Liga im Jahr 2009. Mit ihm als Präsident hatte der FCE seitdem mit mehreren Trainern und vor allem Sportdirektoren wenig Glück. Die Kritik, dass die sportliche Kompetenz in der Vereinsführung nicht zuletzt aus Spargründen sukzessive ausgedünnt wurde, wuchs stetig.

Seine Kritiker werfen dem Machtmenschen Lepsch vor, dass er die Seele des Vereins nüchternem Kaufmannsdenken geopfert hat. Dass er Energie kaputtgespart hat. Jenes Kaufmanns denken, dass dem FCE zunächst das Überleben gerettet hat, wurde Lepsch am Ende zum Verhängnis. Denn zum Fußball gehören neben dem Kaufmannsdenken auch Emotionen. Und diese Emotionen hatte Lepsch zuletzt mehr und mehr gegen sich.