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Fussball
Langweilige Pressekonferenzen? Nicht mit Wollitz!

Wollitz: „Journalisten müssen jeden Tag liefern.“
Wollitz: „Journalisten müssen jeden Tag liefern.“ FOTO: Steffen Beyer / imago/Steffen Beyer
Cottbus. Der Mainzer Trainer Sandro Schwarz hat die Qualität der Fragestunden kritisiert. Eine Bestandsaufnahme bei Energie Cottbus. Von Frank Noack und Steven Wiesner

Es gibt für uns Journalisten wichtige und unwichtige Termine. Und es gibt Pressekonferenzen. Das sind die ganz wichtigen Termine – sollte man meinen. Weil wir Journalisten hier unsere Fragen loswerden können, aus denen dann im besten Fall wieder Geschichten werden. Donnerstagmittag im Stadion der Freundschaft: Claus-Dieter Wollitz sitzt auf dem Podium des Presseraums und spricht über das Spiel von Regionalliga-Tabellenführer FC Energie Cottbus an diesem Samstag bei Wacker Nordhausen (13.30 Uhr, LR-Liveticker). Über Veranstaltungen dieser Art hat sich Wollitz‘ Trainerkollege Sandro Schwarz vom Bundesligisten FSV Mainz 05 kürzlich überaus negativ geäußert. „Wie das vor den bisher zehn Liga- und den beiden Pokalspielen ge­laufen ist, das finde ich total unbefriedigend“, wird Schwarz zitiert. Die Fragen der Journalisten seien langweilig, statisch und erwartbar.

Die RUNDSCHAU wollte es ­deshalb genau wissen und hat FCE-Trainer Wollitz am Donnerstag am Ende der Pressekonferenz einfach mal direkt gefragt: Wie schätzt er die Qualität der Fragestunden ein, die stets zwei Tage vor dem Spiel und natürlich auch nach der jeweiligen Partie stattfinden? „Es ist ein Geben und Nehmen. Auch die Journalisten müssen ja jeden Tag liefern. Wenn ich dazu beitragen kann, ohne jemand zu verletzten – dann tue ich das gern. Es geht hier sehr respektvoll zu, sowohl in den Fragen als auch in den Antworten.“

Respektvoll heißt aber nicht, dass es immer einfach ist. Für beide ­Seiten nicht. Und das soll es ja auch gar nicht sein. Mit seiner ausführlichen Beschreibung der Verletzung von Torjäger Streli Mamba beispielsweise vor zwei Wochen in der Pressekonferenz hat Wollitz jede Menge Wirbel ausgelöst, weil diese Geschichte natürlich ein großes ­mediales Interesse nach sich zog. Der Coach steht nach wie vor zu ­seiner schonungslosen Offenheit: „Ich wollte Mamba nicht vorführen. Ich wollte jene Transparenz rüberbringen, für die Energie Cottbus seit dem bitteren Abstieg aus der 3. Liga steht. Aber ich kann nicht nur ­offen sein, wenn ich Geld und Sponsoren brauche, sondern auch bei solchen Dingen.“

Klar, in der aktuellen Situation mit der souveränen Tabellenführung fallen sowohl Fragen als auch Antworten leichter als im Abstiegskampf. Claus-Dieter Wollitz gehört ohnehin zu jener Kategorie Trainer, die solche Pressekonferenzen als Bühne für ihre Kommunikation und nicht als Belastung ansehen. Auch wenn bei ihm viele Antworten und Statements sehr spontan rüberkommen – ausschließlich aus dem Bauch heraus agiert er bei seinen öffentlichen Auftritten nicht, versichert Wollitz: „Mit einer Pressekonferenz ist es so wie mit einer Mannschaftssitzung. Da kannst du als Trainer auch nicht unvorbereitet reingehen. Heutzutage funktioniert es nur über eine gute Kommunikation. Sowohl mit der Mannschaft als auch mit den Journalisten.“

Allerdings hat die Offenheit auch Grenzen – die wir Journalisten uns selbst auferlegen. Denn in Zeiten, in denen die Vereine mit ihren ­eigenen Kanälen via Facebook live gehen, kann die ganze Welt mit­hören. Journalisten vertagen deshalb ihre Fragen auch gerne mal auf das Vier-Augen-Gespräch nach der Pressekonferenz, um den exklusiven Mehrwert zu schützen.

Übrigens: Seitdem die Energie-Pressekonferenzen via Facebook live übertragen werden, gehören auch die Spieler selbst zu den regelmäßigen Zuschauern, um sich in der Mannschaftskabine vor dem Training noch schnell zu informieren, was ihr Trainer sagt und plant. Pressekonferenzen, die länger als eine halbe Stunde dauern, stellen deshalb ein kleines Problem dar. „Weil die Mannschaft dann vor Trainingsbeginn mit unserem ­Athletik-Trainer noch in den Kraftraum geht“, berichtet Wollitz. Und die Spieler deshalb nicht bis zum Schluss schauen können.

Auch diesmal redet Claus-Dieter Wollitz bereitwillig über Tiefe im Spiel und Breite im Kader. Über die Kompaktheit des nächsten Gegners Nordhausen, der in 13 Spielen erst sechs Gegentore kassiert hat. Und er wünscht sich wieder mehr Konzentration von seinem Team: „In den letzten Spielen konnten wir das kaschieren. Diesmal brauchen wir Konzentration und Power über die gesamten 90 Minuten.“ Alles taktische Dinge, für die man als Fußballfan ein Faible hat – oder eben nicht.

Doch selbst dann sind Pressekonferenzen mit Wollitz nie langweilig. Weil er eloquent und emotional seinen Standpunkt vertritt und damit auch polarisiert. Legendär ist der Abbruch der Pressekonferenz im Februar 2014, als Wollitz mit ­Viktoria Köln bei den Sportfreunden Lotte spielte und von zwei Dutzend Anhängern seines Ex-Vereins VfL Osnabrück massiv beleidigt worden war. Die Pressekonferenz wurde daraufhin vorsorglich abgebrochen. Damals war es eine Extremsituation für den Coach, heute kann er darüber schmunzeln: „Ich hätte weitergemacht. Aber nach dem Abbruch der Pressekonferenz bin ich halt ­gegangen. Und außerdem bin ich nach wie vor der erfolgreichste ­Trainer des VfL Osnabrück.“

Osnabrück ist Vergangenheit, die Zukunft für Wollitz und Energie Cottbus heißt Nordhausen, also das Spitzenspiel des Tabellenführers gegen den Dritten. Zwei Tage vorher bei der Pressekonferenz im Stadion der Freundschaft ist nach reichlich einer halben Stunde nur noch eine einzige Frage offen: ­Welche Frage hätte der Journalist Wollitz eigentlich dem Trainer Wollitz in so einer Runde unbedingt noch gestellt? Seine Antwort: „Ich hätte die Frage der Regionalliga-Reform gestellt. Darauf war ich vorbereit“, grinst der Coach und lenkt den Fokus damit noch einmal bewusst auf eines seiner Lieblingsthemen der vergangenen Wochen. Die aktuelle Tendenz, dass der Deutsche Fußball-Bund eine Zusammen­legung der Nordstaffel mit Nordost erwägt, um damit allen vier Staffelsiegern den Aufstieg zu ermöglichen, erzürnt Wollitz geradezu. Seine sarkastische Antwort auf die selbst gestellte Frage:­ „Natürlich wieder die Kleinen aus dem Nordosten, weil da hinten ja sowieso nichts los ist! Warum legt man nicht Bayern, West und Südwest zusammen?“ Langweilig und erwartbar ist jedenfalls anders.