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| 10:00 Uhr

Kommentar
Muss Energie jetzt das Halbfinale wiederholen?

Cottbus. Ein kurioser Elfmeter in der Halbzeitpause des Spiels zwischen Mainz und Freiburg heizt die Diskussionen um den Videobeweis wieder an. RUNDSCHAU-Reporter Jan Lehmann erklärt in seinem Kommentar, welche Probleme durch diese neue Regelung entstehen und was das letztlich sogar für Energie Cottbus bedeuten könnte. Von Jan Lehmann
Dieser Elfmeter von Pablo de Blasis für Mainz erhitzt die Gemüter. Wegen des nachträglichen Videobeweises fand er quasi in der Halbzeitpause statt.
Dieser Elfmeter von Pablo de Blasis für Mainz erhitzt die Gemüter. Wegen des nachträglichen Videobeweises fand er quasi in der Halbzeitpause statt. FOTO: dpa / Arne Dedert

Energie Cottbus kann sich schon mal bereit machen – für das Halbfinale im DFB-Pokal. Warum? Weil jetzt doch eigentlich die Verlängerung des Spiels zwischen dem MSV Duisburg und dem FCE vom 1. März 2011 auch nachgeholt werden könnte. Schließlich kann doch jetzt per Videoschiedsrichter nachträglich erkannt werden, dass der Kopfball von Uwe Hünemeier in der 90. Minute doch über der Linie des Duisburger Tores war. Es stünde jetzt also 2:2, alles wieder offen.

Na gut, das ist nur ein Scherz, wie er seit Montagabend in vielfältiger Form durch Fußball-Deutschland geht. Weil beim Bundesliga-Montagsspiel in Mainz Schiedsrichter Guido Winkmann den SC Freiburg in der Halbzeitpause noch einmal aus der Kabine holte, um nachträglich einen Elfmeter ausführen zu lassen. Der Mainzer Pablo de Blasis traf damit quasi in der Halbzeitpause zum 1:0.

Regeltechnisch war das zwar offensichtlich alles in Ordnung, aber für den Fußball ist das dennoch fatal. Ich gebe es zu: Anfangs hatte ich mir vom Videobeweis versprochen, dass das Spiel gerechter wird und vielleicht auch solche extrem schmerzhaften Fehlentscheidungen wie damals beim Cottbuser Spiel in Duisburg ausgebügelt werden könnten.

FOTO: LR / Sebastian Schubert

Doch inzwischen bin ich überzeugt: Diese Überregulierungswahn tut dem Spiel nicht gut. Fußball lebt wieder jeder andere Sport vom Unmittelbaren. Es passiert hier und jetzt und geht immer weiter. Der sportrechtliche Kniff „Tatsachenentscheidung“ – also, alles was der Schiri während des Spiels sieht und bewertet, gilt als abgeschlossen – hat eine entscheidende Funktion. So kann das Spiel immer weiter gehen und alle wissen, woran sie sind. Als simples Beispiel kann man den Montagabend in Mainz nehmen: Was wäre gewesen, wenn Freiburg direkt nach dem ausschlaggebenden Handspiel einen Konter angesetzt und Nils Petersen das 0:1 kurz vor der Pause erzielt hätte? Hätte das Tor dann auch nicht gezählt? Oder hätte Pablo de Blasis dann das 1:1 erzielt? Oder hätte erst de Blasis in der Halbzeitpause schießen und dann Freiburg nochmal kontern dürfen? Alles irgendwie verkorkst.

Mit solchen nachträglichen Entscheidungen wird das Spiel extrem beeinflusst, regelrecht verändert. Schließlich entscheidet immer der aktuelle Spielstand über das Verhalten der Akteure. Beim 0:1-Rückstand ist man eher beflissen, den Ball nach vorn zu spielen, um selbst ein Tor zu erzielen. Bei der 1:0-Führung hingegen darf es öfter mal ein Rückpass sein, um das Ergebnis zu sichern. Und der Trainer wechselt ja auch eher mal einen Abwehrspieler ein, wenn sein Team vorne liegt. Wäre doch irgendwie doof, wenn direkt nach solch einer Auswechslung noch ein nachträglicher Elfmeter gegen das eigene Team gegeben würde.

Der Mainzer-Halbzeitelfmeter ist also das neueste Kuriosum seit der Einführung des Videoschiedsrichters und macht deutlich, woran es im Fußball derzeit extrem krankt: An der Überhöhung. Jedes Spiel und damit jede Schiedsrichter-Entscheidung sind mit wahnsinnig viel Bedeutung aufgeladen. Es geht vor allem um extrem viel Geld. Wie im Abstiegskampf, wenn Mainz oder Freiburg mit dem Gang in die 2. Liga heftigste Einbußen hinnehmen müssten. Oder erst recht in der Champions League, wenn der Ronaldo-Elfer in der 97. Minute des Halbfinales zwischen Real Madrid und Juventus Turin mehr als zehn Millionen Euro wert ist.

Leute, kommt mal runter und schafft den Videobeweis wieder ab! Am Ende ist und bleibt Fußball vor allem ein Spiel, das auch ohne Videobeweis Woche für Woche Millionen von Menschen weit über den Globus fasziniert: Sei es in der Kreisliga Elbe-Elster oder irgendwo auf einem Ascheplatz in Argentinien - die Unmittelbarkeit des immer weiter rollenden Balls ist das höchste Gut dieser Faszination.

In einem umkämpften und teils hitzigen Spiel verlor Energie unglücklich mit 1:2 beim MSV Duisburg und musste die Träume vom erneuten Einzug ins DFB-Pokalfinale begraben.
In einem umkämpften und teils hitzigen Spiel verlor Energie unglücklich mit 1:2 beim MSV Duisburg und musste die Träume vom erneuten Einzug ins DFB-Pokalfinale begraben. FOTO: DPA / Julian Stratenschulte

Die Verantwortlichen im deutschen Fußball täten gut daran, diesen Kern des Spiels in ihre Kosten-Nutzen-Rechnung mit einzubeziehen. Denn sonst wird es lächerlich. Der Scherz mit dem Energie-Halbfinale ist nämlich gar nicht ganz so weit hergeholt. Was passiert, wenn die Tatsachenentscheidung der Schiedsrichter weiter geschwächt wird, konnte man im Jahr 2008 im nordamerikanischen Profi-Basketball erleben. In der NBA mussten tatsächlich die letzten 51! Sekunden eines Spiels zwischen den Miami Heat und den Atlanta Hawks wiederholt werden, weil das Schiedsgericht dem Miami-Center Shaquille O’Neal fälschlicherweise ein sechstes Foul zugeordnet hatte und der somit vorzeitig vom Spielfeld musste.

Energie kam nur noch durch Nils Petersen per Elfmeter zum 1:2-Anschlusstreffer in der 79. Minute.
Energie kam nur noch durch Nils Petersen per Elfmeter zum 1:2-Anschlusstreffer in der 79. Minute. FOTO: DPA / Julian Stratenschulte

Also: Uwe Hünemeier und seine damaligen Kollegen sollten die Sporttasche für eine Halbfinal-Neuauflage immer gepackt haben. Der Cottbuser Coach von damals hat ja ohnehin noch die Energie-Trainingsjacke an und heißt Claus-Dieter Wollitz.

Die Trainer im damaligen Halbfinale waren Milan Sasic (l./Duisburg) und Claus-Dieter Wollitz (Energie Cottbus).
Die Trainer im damaligen Halbfinale waren Milan Sasic (l./Duisburg) und Claus-Dieter Wollitz (Energie Cottbus). FOTO: DPA / Roland Weihrauch