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| 17:23 Uhr

Interview mit Werner Fahle
FCE-Präsident warnt: „Die Rückrunde wird brutal“

 FCE-Präsident Werner Fahle war am Mittwoch zu Besuch in der RUNDSCHAU-­Redaktion und gab einen Einblick in die Pläne des Vereins.
FCE-Präsident Werner Fahle war am Mittwoch zu Besuch in der RUNDSCHAU-­Redaktion und gab einen Einblick in die Pläne des Vereins. FOTO: Frank Hammerschmidt
Cottbus. Werner Fahle, der neue Präsident von Energie Cottbus, spricht im RUNDSCHAU-Interview über den schwierigen Abschied von Kapitän Marc Stein, die erhofften Neuzugänge, den bevorstehenden Abstiegskampf und das Verhältnis zum Hauptsponsor. Von Oliver Haustein-Teßmer, Frank Noack und Jan Lehmann

Werner Fahle, Energie Cottbus hat ausgerechnet in der Woche vor dem Punktspielstart den Vertrag mit Kapitän Marc Stein aufgelöst. Da war eine Ihrer ersten Amtshandlungen gleich ziemlich schmerzhaft, oder?

Fahle Ja, das ist eine schwierige Situation. Ich habe selbst lange mit Marc Stein gesprochen. Seine familiäre Situation war für mich ein bisschen schwierig zu verstehen. Ich kann mir das zwar ein Stück weit vorstellen, aber ich war in meinem Berufsleben ebenfalls viel unterwegs. Dennoch: Wenn dir ein so verdienter Spieler rüberbringt, dass er nicht mehr voll zur Verfügung steht und die gewohnte Leistung bringen kann, weil er sich ausgebrannt fühlt – das Wort hat er nicht gesagt, aber ich habe das so interpretiert – dann kann man nur noch sagen: Okay, wie kommen wir jetzt vernünftig auseinander?

Hätte der FCE nicht auf den Vertrag pochen müssen, zumindest bis adäquater Ersatz gefunden ist?

Fahle Ich war viele Jahre in der Wirtschaft tätig. Es geht in einer solchen Situation um Risikomanagement. Wenn ein Spieler aus seiner Sicht nicht mehr voll zur Verfügung steht, dann kann man sagen: Gut, ich nehme zum Beispiel nur drei Viertel des Leistungsvermögens von dir. Oder ich sage: Dann machen wir jetzt den Schnitt und versuchen, Ersatz zu holen. Wir haben uns für Vari­ante zwei entschieden. Darin liegt ja auch eine Chance, weil jeder Neuzugang frischen Geist reinbringt. Klar ist aber auch: Als Kapitän werden wir Marc Stein so schnell nicht ersetzen können.

 Marc Stein hat sich in Richtung Stuttgart zu seiner Frau Julia und seinem Sohn Ben verabschiedet.
Marc Stein hat sich in Richtung Stuttgart zu seiner Frau Julia und seinem Sohn Ben verabschiedet. FOTO: Steffen Beyer

Acht Verletzte und der Kapitän geht von Bord – wie realistisch ist für Sie der Klassenerhalt bei dieser prekären Ausgangslage? Wie ist Ihre Gefühlslage kurz vor dem Wiederbeginn?

Fahle Die Rückrunde wird brutal angesichts dieser schwierigen Voraussetzungen. Das beschäftigt mich schon, das sorgt mich. Aber ich habe in meinem Leben auch gelernt: Bange machen gilt nicht. Man  muss nach Lösungen suchen und an­packen! Ich bin mir aber sicher, dass wir mit dem aktuellen Kader plus der Verstärkungen, die wir zu unserem Team dazuholen wollen, eine reale Chance auf den Klassenerhalt haben.

Wie wichtig ist der Ligaverbleib für die Zukunft des Vereins?

Fahle Die zwei Jahre in der 4. Liga waren der Gang nach Canossa und wieder zurück. Weil wir vom Umfeld her zwar profimäßig aufgestellt waren. Vom Finanziellen her haben wir uns aber nah an einem Amateurteam bewegt. Es war aber richtig, zwei Jahre lang diesen Spagat zu machen.

 Für Streli Mamba (l.) und seine Energie-Kollegen beginnt ab Samstag wieder der Abstiegskampf in der 3. Liga.
Für Streli Mamba (l.) und seine Energie-Kollegen beginnt ab Samstag wieder der Abstiegskampf in der 3. Liga. FOTO: Steffen Beyer

Könnte Energie im Fall des Abstiegs noch einmal das Unternehmen sofortiger Wiederaufstieg angehen?

Fahle Wenn es wirklich wieder in die 4. Liga gehen sollte, muss man die Frage stellen: Ist der Profifußball in Cottbus noch haltbar oder nicht? Unser Hauptziel ist es, den Profifußball in Cottbus dauerhaft zu etab­lieren – dafür ist der Klassenerhalt in der 3. Liga sehr wichtig. Danach müssen wir schauen, wie sich eine zweite Saison in der 3. Liga gestaltet. Und erst dann kann man irgendwann überlegen: Ist es real, nochmal die 2. Liga anzugehen? Die 1. Liga ist angesichts der Rahmenbedingungen mittlerweile unrealistisch.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vor dem Hintergrund des Strukturwandels in der Lausitz? Wie wichtig ist Kohle für Energie Cottbus?

Fahle Ich sehe Energie Cottbus als das Aushängeschild der Energie-Region Cottbus. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich mein Berufsleben in der Braunkohleverstromung zugebracht habe. Wenn ich sehe, dass man in Berlin augenscheinlich so schnell wie mögliche unsere wirtschaftliche Basis kaputtmachen will, dann muss ich ganz nüchtern konstatieren: Nahezu all unsere Sponsoren hängen direkt oder indirekt an der Braunkohleverstromung. Wenn die Kohle hier wegbricht, dann haben wir ein dickes Problem. Dann wird es schwierig, selbst die 3. Liga zu halten.

Worauf kommt es aus Ihrer Sicht beim Ausstieg aus der Braunkohle an?

Fahle Was in Berlin gemacht wird, ist teilweise ideologisch fragwürdig.  Es kommt darauf an, dass der Ausstieg nicht von heute auf morgen abrupt vollzogen wird. Der Osten hat schon genug geblutet. Wenn es jedoch bis 2030 eine gewisse Kontinuität gibt, dann hat die Region eine Chance, und damit auch wir als Fußballverein.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Fahle Die Politik kann keine Industriearbeitsplätze bringen. Aber sie kann und muss die Rahmenbedingungen schaffen, dass die Region für Investoren attraktiv ist. Wir brauchen Sonderwirtschaftsbedingungen. Zum Beispiel durch eine Sonderwirtschaftszone oder Planungsbeschleunigungs-Gesetze. Ein anderes Beispiel: Wir reden seit 15 Jahren über das zweite Gleis von Lübbenau nach Cottbus. Daran sehen Sie die Unfähigkeit derer, die das machen. Tut mir leid, ich kann das nicht anders formulieren. Denn nur mit attraktiven Rahmenbedingungen können wir den Standortnachteil am Rande der Republik wettmachen.

Bleiben wir beim Geld. Trainer Claus-Dieter Wollitz hat Neuzugänge angekündigt, sogar von bis zu sechs neuen Spielern gesprochen. Wie viel Geld stellt der Verein dem Trainer in dieser Transferperiode bereit?

Fahle Sagen wir mal so: Der Verein stellt dem Trainer ein ordentliches Budget zur Verfügung. Wir sind bei einigen Personalien schon sehr weit, andere Spieler haben uns abgesagt. So eine Transferperiode ist auch ein bisschen wie Pokerspiel. Und es ist wie ein Karussell, das sich am Ende immer schneller dreht.

Wie viele neue Spieler sind realistisch?

Fahle Ich bin eher bei etwa drei Neuen. Dazu kommt das eingesparte  Gehalt von Marc Stein. Dann sind wir also bei vier Neuen. Trotzdem werden wir das bestehende Gehaltsniveau nicht sprengen. Und da liegen wir am unteren Ende der Skala dessen, was in der 3. Liga üblich ist. Es gibt Vereine, die sind weit weg von uns. Wir werden auch unter meiner Regie weiterhin solide wirtschaften.

Wie viel finanzielles Risiko wollen Sie für den Klassenerhalt eingehen?

Fahle Wir müssen im Augenblick nicht ins Risiko gehen. Nochmal: Wenn wir die zur Verfügung stehenden Mittel ausschöpfen, sehe ich die reale Chance, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Mehr Risiko – also 1. oder 2. Liga – steht derzeit nicht im Fokus.

Sie haben betont, dass der Hauptsponsor Sparkasse Spree-Neiße diese Transfers ermöglicht. Ist es Zufall, dass jetzt das Geld bereitsteht, nachdem ihr Vorgänger Michael Wahlich das Präsidentenamt aufgegeben hat?

Fahle Das kann ich nicht beantworten. Ich kann nur ganz nüchtern konstatieren: Ohne das langjährige und sehr hohe Engagement der Sparkasse wäre der Verein nicht da, wo er jetzt ist. Bei allen Dingen, die da vielleicht nicht optimal gelaufen sind, ist meine klare Botschaft: Das ist der Hauptsponsor, der uns hier ganz stark finanziell unterstützt. Das ist überhaupt nicht abwertend gegenüber unseren anderen Sponsoren gemeint, die uns nach ihren Möglichkeiten unterstützen. Wir hatten in der vergangenen Saison erstmals alle Flächen für Werbung vermarktet. Da sind wir allen dankbar, dass sie so zum Verein halten. Sicher ist die Sparkasse mit ihrem großen Engagement auch ein bisschen Vorbild für die anderen.

Sie sagen, es sei nicht immer optimal gelaufen. Was machen Sie jetzt anders?

Fahle Ich habe jetzt genug dazu gesagt, nur noch so viel: Ich bin jemand, der eines nicht machen wird, wenn es mal unterschiedliche Auffassungen gibt, nämlich die Sache über die Medien zu klären. Das ist nicht mein Stil. So etwas macht man nicht über die Medien, und mit dem Hauptsponsor gleich gar nicht.

Es gibt aber im Verein unterschiedliche Positionen: Ein Teil der Energie-Fans hatte sich im Herbst mit einer Plakataktion gegen die Einmischung der Sparkasse Spree-Neiße in die Entscheidungen des Vereins ausgesprochen. Trainer Wollitz hingegen betont immer wieder, wie wichtig es sei, den größten strategischen Partner nicht zu verprellen. Wie wollen Sie diesen Konflikt lösen?

Fahle Ich stehe grundsätzlich für Ausgleich und ein vernünftiges Miteinander. Ich möchte auch noch mit einer Sache aufräumen: Es gab im alten Präsidium keine Differenzen und keinen Bruch – das ist alles Quatsch. Bis auf eine Personalie waren wir uns immer einig. Mich haben Leute gefragt: ,Warum hast du denn den Wahlich weggemobbt?‘ Michael Wahlich und ich sind heute noch Freunde, wir haben erst gestern lange gemeinsam gesessen und Dinge besprochen. Da wird etwas reininterpretiert, was nicht da ist.

Und die angesprochene Personalie?

Fahle Also, Verwaltungsratsmitglied Frank Szymanski ist bei den Fans umstritten. Frank Szymanski hat sich aber gerade bei dem Thema, wie wir mit dem Hauptsponsor zukünftig weiter in einer Linie vorwärts kommen, stark eingesetzt. Er hat dafür gekämpft, die Dinge wieder in die richtige Bahn zu bringen, dafür bin ich ihm dankbar. Dass die Fans das anders gesehen haben, empfinde ich als schade. Diesen Dissens zur Person sehe ich, aber wir werden daran arbeiten, dass wir das auflösen. Dafür haben wir unsere Gesprächsplattformen, da werden wir sehen, dass wir das ein Stück weit befrieden können.

Derzeit hat die Sparkasse Spree-Neiße keinen offiziellen Vertreter im FCE-Präsidium oder im Verwaltungsrat. Streben Sie an, dass der Hauptsponsor in einem dieser beiden Vereinsgremien vertreten ist?

Fahle Der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse hat ja öffentlich gesagt, dass weder er noch einer seiner Mitarbeiter ein Amt im Präsidium oder im Verwaltungsrat anstreben. Aus meiner Sicht wäre es schon wünschenswert, das noch einmal zu überlegen. Da könnte man die Zusammenarbeit noch ein bisschen besser gestalten. Aber das muss der Hauptsponsor selbst entscheiden. Ich stehe für einen normalen Dialog immer zur Verfügung.

Was passiert mit den Genussscheinen, die Ihr Vorgänger Michael Wahlich beim Verein gezeichnet hat? Der Ex-Präsident hat in der RUNDSCHAU angekündigt, dass er die 500 000 Euro gern zurückhaben möchte.

Fahle Da gibt es einen entsprechenden Vertrag, da spielt im Hintergrund Steuerrecht eine große Rolle. Ein Genussschein ist ja eine Art Unternehmensbeteiligung. Da gibt es Fristen, in denen man so etwas wieder auflösen kann. Die sind aber noch lange nicht erreicht.

Wahlich galt als Mann des Volkes, der immer wieder die Nähe zu den Energie-Fans suchte. Wie werden Sie die Rolle des Präsidenten interpretieren?

Fahle Ich bin in meinem Berufsleben immer ganz gut bei den Mitarbeitern angekommen, weil ich auf sie zugegangen bin. Ich werde es sicher ein Stück weit anders als Michael Wahlich machen, weil ich eben Werner Fahle bin. Aber wir beide haben festgestellt, dass wir in unserem Leben viele Dinge ähnlich gemacht haben – wir sind vom Typ her also gar nicht so weit von einander entfernt. Was Micha eben nicht hatte – und das meine ich nicht negativ – er hatte keine Erfahrungen mit großen Unternehmen. Ich bin in Kombinaten und Konzernen groß geworden und habe mich da beruflich ganz gut entwickelt. Dieses Stück Erfahrung hatte Michael nicht. Ich habe mal von 1999 bis 2004 für den Deutschen Braunkohle- und Industrieverein gearbeitet, also als Lobbyist. Deshalb bin ich auch in der Politik ganz gut unterwegs, diese Kontakte halten ein Leben lang. Also: Ich werde sowohl den politischen Raum bedienen und auch den der Fans und Sponsoren. Ich bin jemand, den man anfassen kann. Aber ich habe nicht den Anspruch, immer im Mittelpunkt zu stehen.

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