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"Ich unterstütze Energie auch in der Kreisliga"

Alexander Bittroff (r.) und Amin Affane im Kabinengang. Filmemacher Stefan Göbel geht bei den Energie-Profis ganz nah ran.
Alexander Bittroff (r.) und Amin Affane im Kabinengang. Filmemacher Stefan Göbel geht bei den Energie-Profis ganz nah ran. FOTO: PR
Cottbus. An diesem Donnerstag wird beim 25. Filmfestival in Cottbus der Dokumentarfilm "Vehement Cottbus" gezeigt. Die RUNDSCHAU hat den Streifen über den FC Energie bereits gesehen – er beschäftigt sich mit dem Abstieg und der wohl schlimmsten Saison in der Vereinsgeschichte, aber auch mit dem Neubeginn. Jan Lehmann und Frank Noack

Nein, diese etwas gekünstelte Krankenschwester mit kurzer Bluse und kritischem Blick wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen, um zu erklären, wie es um den FC Energie Cottbus in der Abstiegssaison 2013/14 steht. Die traurigen Gesichter der Fans auf den Tribünen im Sta dion der Freundschaft sagen alles. Und denen kommt der Cottbuser Filmemacher Stefan Göbel in seinem halbstündigen Dokumentarfilm so nahe, dass man die Anzahl der Gegentore quasi an den einzelnen Tränen in den Augen der FCE-Anhänger abzählen kann - und das waren ja bekanntlich einige.

"Vehement Cottbus" bebildert die wohl schrecklichste Spielzeit der 50-jährigen Vereinsgeschichte - und verfällt dennoch nicht in Wehklagerei, sondern lässt immer genügend Platz für die Hoffnung auf das entscheidende Tor in der letzten Minute.

In der Abstiegssaison ist dieser Treffer für Energie Cottbus nicht gefallen. Göbel filmt die RUNDSCHAU-Texte und den Energie-Blog bei LR-Online regelmäßig ab, um den Verlauf der desaströsen Spielzeit zu dokumentieren. Überschriften wie "Der Albtraum geht weiter", "Energie am Ende, Schmidt auch? " oder "Es wird heller im Keller" verdeutlichen die emotionale Berg- und Talfahrt in diesen schicksalsträchtigen Monaten. Nach 17 Jahren im Profi-Fußball verlässt der Verein letztlich sang- und klanglos die 2. Bundesliga. Trotzdem fahren die Fans bis zum Schluss die hunderte von Kilometern mit dem Bus zur nächsten Auswärtsniederlage. Und sagen wie ganz selbstverständlich: "Fußball ist eine Lebensaufgabe."

Um so schlimmer ist dann das Ohnmachtsgefühl, wenn diese Lebensaufgabe von anderen zerstört wird. "Und ihr - macht Energie kaputt" singen die Anhänger beim Auswärtsspiel in Bochum (1:2). Beste Szene: Filmemacher Göbel konfrontiert die beiden Energie-Profis Sven Michel und Fanol Perdedaj mit dieser Sequenz. Perdedaj gibt zu: "Als Fußballer hast du in einer solchen Situation nie eine Antwort. Du musst leise sein und es akzeptieren, auch wenn Beleidigungen kommen."

Das ist Fußball in Reinkultur, Publikumsliebling Torsten Mattuschka fasst mit Lausitzer Herzlichkeit zusammen: "Du wirst oft genug gefeiert. Dann musst du auch damit umgehen, wenn du auch mal in die Fresse kriegst."

Über diese Grenze geht Göbel mit seinem Film, den in er in einem selbst finanzierten Projekt gestemmt hat, allerdings nicht. Es ist keine Abrechnung mit dem Neun-Spiele-sieglos-Trainer Stephan Schmidt oder Profis wie Boubacar Sanogo, Marco Stiepermann oder Ivica Banovic, die alle einen mehr oder weniger großen Anteil an dem völlig unerwarteten Cottbuser Absturz in die Drittklassigkeit haben.

Da gibt es nichts auf die Fresse, sondern vielmehr etwas fürs Herz. Mit der für diese Region typischen Bodenständigkeit sagt Edelfan Lothar, der bei jedem Training am Zaun steht: "Ich unterstütze Energie Cottbus selbst dann noch, wenn sie in der Kreisliga spielen."

So weit soll es natürlich nicht kommen, dafür ist jetzt Vasile Miriuta als neuer Cheftrainer bei Energie im Amt. Nachdem Filmemacher Göbel auch den Neuanfang in der 3. Liga unter Stefan Krämer skizziert, ist der Rumäne die gelungene Abschlusspointe des Films. Die soll hier nicht verraten werden, doch Miriuta rundet die halbe Stunde nicht nur wegen seiner glänzenden Glatze so perfekt ab, dass die zuvor vergossenen Tränen ganz schnell wieder getrocknet sind.

"Vehement Cottbus" ist ein emotionales Stimmungsbild einer Region, die nicht nur im Fußball schwierige Zeiten durch leben musste und auch noch heute muss. Dass man trotzdem nie die Zuversicht verlieren sollte, ist eine entscheidende Botschaft des Films, die in der Lausitz sicherlich gut verstanden wird. Irgendwann wird das entscheidende Tor schon wieder auf der richtigen Seite fallen. Fazit: Der Film sorgt an einigen Stellen für Gänsehaut. Deshalb kann man dem Streifen die Krankenschwester also verzeihen. Auf dem Fußballplatz würde sie wohl unter dem Begriff "Schönspielerei" durchgehen. Und auch die Tatsache, dass ein Schauspieler stellvertretend für alle Journalisten sprechen darf, ist eher ein kleines Drama am Rande. Schließlich sind nicht alle Journalisten gleichzeitig auch Schauspieler.

"Vehement Cottbus" (Stefan Göbel) Deutschland 2015; Donnerstag, 21 Uhr, Gladhouse Saal

Im Anschluss wird der Dokumentarfilm "Im Osten geht die Sonne auf" von Wolfgang Etlich aus dem Jahr 2001 gezeigt.