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| 12:29 Uhr

Hand-Elfmeter gegen Energie Cottbus
FCE-Beschwerde beim DFB und ein brisanter Verdacht

FOTO: Eibner-Pressefoto / EIBNER/Michael Taeger
Cottbus. Jetzt wird bekannt: Energie Cottbus hat sich vor dem Spiel in Braunschweig über die Schiedsrichter-Ansetzung beschwert, weil Daniel Schlager genau wie Mitkonkurrent Großaspach aus Baden-Württemberg kommt. Die umstrittene Elfmeter-Entscheidung des Schiris hat aber eine ganz andere, brisante Vorgeschichte. Von Frank Noack und Jan Lehmann

Das Schreiben: Seit Sonntagnachmittag kursiert ein Schreiben im Internet, in dem sich Energie Cottbus beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) über die Schiedsrichter-Ansetzung für das entscheidende Spiel um den Klassenerhalt bei Eintracht Braunschweig (1:1) am vergangenen Samstag beschwert. In dem Schreiben mit dem Betreff „Beschwerde gegen die Schiedsrichteransetzung“ vom 17. Mai, also einen Tag vor dem Spiel, heißt es: „Der FC Energie Cottbus e.V. legt hiermit offiziell Beschwerde gegen die Ansetzung von Schiedsrichter Daniel Schlager ein und beantragt einhergehend eine personelle Neuansetzung des Schiedsrichters für das Spiel Eintracht Braunschweig – FC Energie Cottbus.“

Die Begründung: Begründet wird die Beschwerde mit der örtlichen Nähe des Wohnorts von Daniel Schlager zur SG Sonnenhof Großaspach, die genau wie Cottbus und Braunschweig am letzten Spieltag um den Klassenerhalt kämpfte. Schlager wohnt in Niederbühl. Sein Heimatort liegt genau wie Großaspach in Baden-Württemberg. „Allein der sportlichen Fairness wegen sollten Schiedsrichter, die in der Nähe von Vereinen beheimatet sind, welche in direkter Konkurrenz zu Mannschaften des zu leitenden Spiels stehen, nicht angesetzt werden“, schreibt Energie an den DFB. Zudem werde mit einer derartigen Ansetzung auch den jeweiligen Schiedsrichtern „kein Gefallen getan. Im Gegenteil“.

Die Echtheit: Energie Cottbus hat auf RUNDSCHAU-Nachfrage die Echtheit des Schreibens bestätigt. „Wir haben uns am Freitag an den DFB gewendet“, erklärt Medienkoordinator Stefan Scharfenberg-Hecht am Montag. Das Schreiben wird im Internet von den Fans heftig diskutiert. Es gibt viel Zustimmung für die Beschwerde, aber auch Kritik wegen einiger Rechtschreibfehler. Zum Beispiel heißt es in der Anrede „Sehr geehrter Damen und Herren“. Scharfenberg-Hecht weist gegenüber der RUNDSCHAU daraufhin, dass es sich bei dem im Internet kursierenden Schreiben um einen Entwurf handelt. An den DFB sei eine überarbeitete Fassung geschickt worden. Wie das unfertige Schreiben nun an die Öffentlichkeit geraten sei, wisse man beim Verein nicht, so der Sprecher.

Der Elfmeter: Schiedsrichter Daniel Schlager geriet am Samstag beim Spiel in Braunschweig massiv in die Kritik, weil er in der 31. Minute einen fragwürdigen Hand-Elfmeter für die Gastgeber gegeben hatte. Dieser Elfmeter führte zum 1:0 für Braunschweig. Braunschweigs Marcel Bär hatte zunächst im Strafraum eine Flanke mit dem Oberarm gestoppt und auf das Cottbuser Tor geschossen. Energies Tim Kruse machte beim Abwehrversuch einen Ausfallschritt und bekam dabei den Ball aus etwa zwei Metern Entfernung an die Hand. Schiedsrichter Schlager entschied auf Elf­meter und überraschte damit selbst die Braunschweiger Spieler. Durch das 1:1-Remis bleibt die Eintracht in der 3. Liga, Energie steigt ab und die Cottbuser Mannschaft fällt auseinander.

Das Expertenurteil: Bei „Liga3-online.de“ kommentierte der ehemalige Fifa-Referee Babak Rafati die Szene so: „Bärs Ballannahme ist regelgerecht, denn er nimmt den Ball mit der Brust und nicht mit dem Arm an. Danach schießt er im gegnerischen Strafraum Kruse den Ball aus kurzer Entfernung an die Hand. Dabei geht die Hand des Cottbusers überhaupt nicht zum Ball. Auch ist der Arm nicht zur Vergrößerung der Körperfläche im Einsatz. Das ist eine absolut natürliche Haltung und daher nicht strafbar. Warum der Schiedsrichter in dieser Szene auf absichtliches Handspiel entscheidet, bleibt sein Geheimnis. Eine klare Fehlentscheidung, auf Strafstoß für Braunschweig zu entscheiden.“

Der Schiedsrichter: Daniel Schlager ist 29 Jahre und stieg in dieser Saison zum Bundesliga-Referee auf. In der Spielzeit 2018/19 hat er acht Partien in der höchsten Spielklasse geleitet. Dazu kommen acht Partien in der 2. Bundesliga sowie sieben in der 3. Liga. Der Südbadener war bei zwei Energie-Partien angesetzt. Neben dem Braunschweig-Spiel leitete er auch die 0:2-Niederlage in der Hinrunde bei 1860 München.

Die Brisanz: Hauptargument des FCE ist die räumliche Nähe des Wohnorts des Schiedsrichters bis nach Großaspach. 120 Kilometer sind es von Niederbühl nach Großaspach. Derartige Entfernungen und die daraus möglicherweise erwachsenen Konflikte scheinen für den DFB aber kein Problem darzustellen. Denn Daniel Schlager hat in dieser Saison auch zwei Heimspiele des 1. FC Kaiserslautern geleitet. 110 Kilometer liegen zwischen seinem Wohnort und Kaiserslautern. In der Bundesliga kam Schlager bei einem Heimspiel des FSV Mainz 05 zum Einsatz (170 Kilometer).

Die Neuansetzung: Im Fall von Energie Cottbus lehnte der DFB eine Neuansetzung ab. Dem Verein wurde laut FCE-Sprecher Scharfenberg-Hecht mitgeteilt, dass er in diesem Fall kein Beschwerde-Recht habe. Anders entschied sich der Verband allerdings am 33. Spieltag. Damals hatte sich Carl Zeiss Jena beschwert, weil für das Auswärtsspiel der ebenfalls im Abstiegskampf steckenden Thüringer mit Henry Müller ein Referee aus Cottbus angesetzt worden. Der DFB beorderte daraufhin Steffen Brütting aus Effeltrich (Bayern) nach Rostock.

Die Vorgeschichte: Daniel Schlager und Handspiel – da war doch mal was. Stimmt! Am 5. Mai übersah Schlager im Bundesliga-Spiel zwischen Hertha BSC und dem VfB Stuttgart ein spektakuläres Handspiel des Berliners Karim Rekik. Der Innenverteidiger hatte den Ball nach einer Stuttgarter Ecke im Stile eines Torwartes mit der Hand aus dem Strafraum befördert. Diese Szene sorgte für deutschlandweite Diskussionen, weil das Handspiel auch von Videoschiedsrichter Günter Perl in Köln übersehen wurde.

Der Verdacht: Auch wenn es nach dem übersehenen Handspiel in Berlin vor allem Kritik für Videoschiedsrichter Perl gab, ist die Szene auch untrennbar mit dem Namen Daniel Schlager verknüpft. Deshalb liegt der Verdacht nahe, dass der Referee sich diesmal in Braunschweig vielleicht im Zweifel für den Handelfmeter entschied – obwohl ihn einer der Linienrichter nach den wütenden Protesten der Energie-Spieler ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, dass er die umstrittene Szene anders wahrgenommen hat. Zu beweisen ist dieser Verdacht natürlich nicht, nach menschlichem Ermessen aber durchaus eine mögliche Erklärung für die Elfmeter-Entscheidung in Braunschweig.