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Deutschlandweite Maßstäbe
"Haben Sie richtig zugeguckt?"

Trainer Claus-Dieter Wollitz (kleines Bild/r.) und sein Assistent Frank Eulberg sind zufrieden mit der Abwehr. Sie hat in zehn Spielen erst zwei Gegentore zugelassen.
Trainer Claus-Dieter Wollitz (kleines Bild/r.) und sein Assistent Frank Eulberg sind zufrieden mit der Abwehr. Sie hat in zehn Spielen erst zwei Gegentore zugelassen. FOTO: Picture Point
Cottbus. Auf den ersten Blick verdankt Energie Cottbus seine Dominanz in der Regionalliga vor allem der Offensive. Doch auch auf seine Abwehr kann sich der souveräne Tabellenführer verlassen. Sie setzt deutschlandweite Maßstäbe. Frank Noack

Am aufregendsten war das 0:0-Remis von Energie Cottbus bei Lok Leipzig unmittelbar nach dem Schlusspfiff. Bei der Spielanalyse am Mikrofon des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) entwickelte sich zwischen FCE-Trainer Claus-Dieter Wollitz und dem Reporter ein verbales Wortgefecht, das eine Menge über die aktuellen Kräfteverhältnisse an der Tabellenspitze der Fußball-Regionalliga Nordost erzählt. Cottbus führt das Klassement weiterhin souverän an. Energie hat mittlerweile neun Punkte Vorsprung auf den BFC Dynamo, der sein Heimspiel gegen Meuselwitz mit 1:2 verlor. Einen weiteren Zähler dahinter folgt Lok Leipzig. Die Konsequenz: Der erste Punktverlust des FCE im Bruno-Plache-Stadion nach zuvor neun Siegen in Serie kam quasi einer kleinen Sensation gleich.

Jedenfalls mühte sich der MDR-Reporter in dem Trainer-Interview nach dem Schlusspfiff das kleine Fünkchen Spannung so groß wie möglich zu reden und attestierte Lok Leipzig im Duell mit dem Tabellenführer "viele Möglich keiten" in der ersten Hälfte dieses Spiels. Eine Sichtweise, die selbst Leipzigs Trainer Heiko Scholz verwunderte ("Ich glaube nicht, dass wir so viele Chancen hatten"). Und die FCE-Coach Claus-Dieter Wollitz erst zu einem ungläubigen Kopfschütteln und dann zu der Frage an den MDR-Reporter veranlasste: "Haben Sie in der 1. Halbzeit richtig zugeguckt?"

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass dieses Wortgefecht eine Vorgeschichte besitzt. Denn in der Vergangenheit hatte sich Wollitz schon mehrmals verwundert darüber gezeigt, dass der MDR seiner Meinung nach die Spiele der Teams aus dem eigenen Sendegebiet zu sehr aus sächsischer Sicht betrachte. Jüngstes Beispiel für das komplizierte Verhältnis zwischen dem sächsischen Sender und dem Brandenburger Fußballtrainer ist die Rangelei von Benjamin Förster und Tony Schmidt im Heimspiel gegen Budissa Bautzen Anfang August.

"Aber Sie sind beim MDR, deshalb müssen Sie das wahrscheinlich so sagen", gab Wollitz jedenfalls am Dienstag in Leipzig dem Reporter in dem emotionalen Interview noch mit auf den Weg.

Beim nächsten Wiedersehen vor dem Mikrofon werden sich beide hoffentlich trotzdem die Hand reichen. Denn die Wahrheit hat auch in diesem Fall zwei Seiten. Die eine Wahrheit ist, dass Lok Leipzig in diesem Spiel speziell in der ersten halben Stunde durchaus Torgelegenheiten hatte. Anderseits gehört zur Wahrheit aber auch, dass die Gastgeber nur bei Standardsituationen gefährlich waren, während Energie nach der Pause für die spielerischen Höhepunkte sorgte und die eine oder anderen feine Kombination zeigte. Einige davon führten zu Torchancen von einer Qualität, die Lok nicht aufzuweisen hatte.

In einem Punkt kommen beide Wahrheiten aber zum selben Fazit: Torchancen gegen Energie Cottbus sind in diesen Tagen eine Seltenheit - und daher bemerkenswert.

Auf den ersten Blick verdankt der FCE die Dominanz an der Spitze in der Regionalliga vor allem der Offensive. 28 erzielte Treffer sind die zweitbeste Ausbeute aller fünf Staffeln. 1860 München hat als Spitzen reiter in Bayern zwar schon 35 mal getroffen, allerdings bereits vier Partien mehr gespielt.

Doch auf seine Abwehr kann sich Energie ebenfalls verlassen. Auch sie setzt Maßstäbe. Nur zwei Gegentreffer - das ist der deutschlandweite Bestwert in der vierthöchsten Spielklasse. "Ein Tor haben wir durch Elfmeter, das andere Tor in Unterzahl bekommen. Das spricht für die Mannschaft", lobt Wollitz insbesondere die Abwehr um Kapitän Marc Stein.

Zumal mit Streli Mamba sowie Benjamin Förster die etatmäßigen Stürmer zuletzt gefehlt haben und damit das Gefüge spürbar geändert werden musste. Wollitz betont: "Wir spielen seit drei Spielen ohne Stürmer, aber kontrollieren jeden Gegner, lassen kaum Chancen zu."

Und wenn - dann sorgen sie zumindest für spannende Interviews.

Zum Thema:
Die Fußball-Regionalliga pausiert am kommenden Wochenende. Stattdessen ist Energie Cottbus im Achtelfinale des Landespokal beim FSV Bernau im Einsatz. Die Partie gegen den Brandenburg ligisten beginnt um 14 Uhr. Verteidiger Marcel Baude steht nach langer Verletzungspause vor dem Comeback und könnte schon in Bernau zum Einsatz kommen. Er hatte sich im Juli während der Saisonvorbereitung die Kniescheibe gebrochen. Torjäger Streli Mamba hofft nach seinem Muskelfaserriss auf das grüne Licht durch die Ärzte.