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Geschenk des Himmels - oder Falle

Energie Cottbus
Energie Cottbus FOTO: Photographer:Sergey A.Khakimulli (108834379)
Cottbus. Eine Firma namens Neutrino Energy will als Großsponsor bei Energie Cottbus einsteigen. Doch der Verein bremst die Hoffnungen. Zurecht? Frank Noack und Jan Lehmann

FCE-Präsident Michael Wahlich glaubte nach eigenem Bekunden zunächst an "einen Tagtraum. Oder eine Telefonfalle", wie sie Radiosender gern stellen, um den Angerufenen zur Belustigung der Hörer aufs Glatteis zu führen. Soll ausgerechnet der FC Energie, der kürzlich ein sechsstelliges Finanzloch nur mit Hilfe eines geheim gehaltenen Gönners schließen konnte, plötzlich den millionenschweren Hauptgewinn in Form eines Großsponsors gezogen haben?

Seit Donnerstagabend elek trisiert das nach oben scheinbar unbegrenzte Angebot der Berliner Firma Neutrino Energy den Verein, die Fans, die gesamte Region. Die Äußerungen von Neutrino-Chef Thorsten Schubart bei LR-Online heizen das am Freitagvormittag noch an. Dort erklärt der 52-Jährige, dass er ein Werbebudget im achtstelligen Euro-Bereich zur Verfügung habe. Und Energie? "Energie Cottbus bekommt so viel, wie sie brauchen", so Schu bart. Eine Firma, die mit Teilchen aus dem All Geld machen will, öffnet für Energie Cottbus das Portemonnaie - es klingt wie ein Geschenk des Himmels.

Zurück auf der Erde, Freitagmittag im Stadion der Freundschaft. Auf dem Podium der Pressekonferenz hat nicht wie üblich nur Trainer Claus-Dieter Wollitz Platz genommen, um über das Spiel am Sonntag beim ZFC Meuselwitz (14.05 Uhr) zu sprechen, sondern auch Präsident Michael Wahlich. Der hat beide Füße fest auf dem Boden. Seine Botschaft: "Ich träume nur nachts. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein Realist bin."

Aber was ist denn nun Realität? Was Wunschtraum? Oder gar eine Falle? Ausgangspunkt ist das ehrliche Bekenntnis des Vereins zu seinen Finanzproblemen. Vor zwei Wochen hatte Wahlich mitgeteilt, dass das Loch durch einen "ziemlichen besten Freund der Familie" durch die Zeichnung von Genussscheinen geschlossen worden ist. Daraufhin suchte Neutrino-Chef Thorsten Schubart den Kontakt zum FCE. Zunächst per Telefon in der Geschäftsstelle bei Stefan Scharfenberg. Der Medienkoordinator informiert den Präsidenten. Es kommt zum Mailkontakt zwischen Wahlich und Schubart. Später wird telefoniert.

"Meine Aufgabe ist es, alle Möglichkeiten auszuloten, um Sponsoren und damit Gelder für den Verein zu generieren", erklärt Wahlich.

Und bei der Neutrino Deutschland GmbH geht es nach deren Angaben um viel Geld. Der wortgewandte Geschäftsführer Schu bart, dessen Geschäftsgebahren schon für Gerichtsprozesse gesorgt hat (siehe Extratext) und der an mehreren Firmen beteiligt ist, dreht offenbar gern am ganz großen Rad. Seine Firma sitzt in Berlin in der Straße Unter den Linden, gegenüber von Google und neben Microsoft - also dort, wo international gedacht und mit ganz großen Zahlen jongliert wird.

Trotzdem interessiert sich Neu trino für den viertklassigen FCE in der gefühlt Lichtjahre entfernten Lausitz? Schu bart begründet: "Wir haben eine Forschungsanstalt in Kirchmöser und bauen eine weitere in Beelitz. Deshalb haben wir nach einem Verein in Brandenburg gesucht, der zu uns passt. Das ist der FC Energie, alleine der Name verbindet ja schon."

Er wolle, dass der Verein "zu altem Glanz zurückkehrt". Ein Sponsoring-Beauftragter der Firma solle dafür in den Verhandlungen ergründen, wie viel Geld Energie braucht. Was nach einem großen Plan aus der Hauptstadt klingt, ist in Cottbus vorerst nur ein kleiner, diffuser Hoffnungsschimmer am Horizont. Der Energie-Präsident versichert, dass es eigentlich "noch nichts zu berichten gibt. Es ist alles offen. Es gibt noch keinen Deal". Wahlich räumt ein, dass er überrascht sei von der Dynamik, welche die Geschichte seit Donnerstagabend genommen hat. Schubart hatte da seine Pläne in der "Märkischen Allgemeinen" offenbart. Der Energie-Präsident sagt deutlich: "Warum die andere Seite es jetzt so forciert, erschließt sich mir nicht. Ich bin jemand, der erst nach Außen geht, wenn es eine Unterschrift gibt und alles in trockenen Tüchern ist." Die Journalisten-Frage, was er vom angeblich nach oben offenen Angebots von Neutrino Energy hält, beantwortet Wahlich mit einer Gegenfrage: "Was halten Sie denn von solchen Sprüchen?" Noch im März soll es das erste persönliche Treffen zwischen dem Präsidenten und dem möglichen Großsponsor geben. Wahlich will dann auch auf seinen Bauch hören und "ein Gefühl dafür entwickeln", ob es passen könnte.

Klar, auf den ersten Blick passt diese Geschichte überhaupt nicht zum normalen Menschenverstand. Bei Energie ging man zunächst von einem Sponsor im Bereich von 20 000 bis 30 000 Euro aus. Stattdessen steht jetzt eine siebenstellige Summe im Raum. "Für einen Verein wie Energie ist das in der derzeitigen Situation absolut ungewöhnlich. Klar, dass da bei uns auch Alarmglocken schrillen", gibt Wahlich zu.

Wie die Zusammenarbeit aussehen könnte, auch darüber hält man sich in Cottbus sehr bedeckt. Trikotwerbung? Stadionname? "Jeder normale Mensch will für seine Leistung auch eine Gegenleistung", erklärt Wahlich, der selbst ein mittelständisches Unternehmen führt. Er legt großen Wert darauf, dass es sich nicht um den möglichen Einstieg eines Investors handelt, der möglicherweise auch die Vereinspolitik mitbestimmen will. "Es handelt sich um klassisches Sponsoring - es gibt Geld für eine Gegenleistung."

Doch was will diese Firma überhaupt von Energie? Ein Produkt verkauft sie nach eigenen Angaben nicht, die Forschung stecke noch in den Kinderschuhen. Thorsten Schubart will nach eigenen Angaben die Neutrino-Forschung, die ihm eine Herzens angelegenheit sei, bekannter machen. Kritiker-Vorwürfen, er würde lediglich Investoren mit der Aussicht auf gigantische Gewinne ködern, heben ihn nicht an. Er sagt: "Darüber lächle ich. In Deutschland wird es vorerst gar keine Investoren mehr geben. Der deutsche Markt ist schwierig, hier hält man an Bewährtem fest. Die Innovationen gibt es derzeit nur in Asien oder den USA."

Kann Energie Cottbus von solchen Innovationen profitieren? Der Verein will sich die Zeit nehmen, um einen möglichen Deal zu prüfen. Wahlich sagt: "Die Leute müssen auch mal begreifen, dass wir hier nicht die totalen Nachtjacken sind, die den Verein führen." Das ist eigentlich an die Kritiker des Clubs in der Lausitz gerichtet, könnte aber auch ein Hinweis für Thorsten Schubart und die Neutrino Energy gewesen sein.