ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 09:34 Uhr

Interview mit Daniel Jurgeleit
„Wir sind Welten von der 3. Liga entfernt“

Daniel Jurgeleit ist seit acht Jahren Trainer in Flensburg.
Daniel Jurgeleit ist seit acht Jahren Trainer in Flensburg. FOTO: imago/Hübner / Susanne Hübner, Susanne Huebner
Kiel . Weiche-Trainer Daniel Jurgeleit spricht im RUNDSCHAU-Interview über die Besonderheiten von Flensburg und die Chancen im Aufstiegs-Duell mit Energie Cottbus. Von Frank Noack

Interview-Termin mit Daniel Jurgeleit am Dienstagmittag in Kiel. Hier wohnt der 54-jährige Trainer von Weiche Flensburg. Die 85 Kilometer von Kiel nach Flensburg fährt der ehemalige Stürmer seit acht Jahren. So lange ist er schon Coach des Nord-Meisters. ­Jurgeleit spricht im RUNDSCHAU-Interview über die beiden Aufstiegsspiele gegen Energie Cottbus sowie das Erfolgsgeheimnis und die Sorgen des Vereins. Eine seiner Thesen: „Wir sind Welten von der 3. Liga entfernt.“

Zu diesem Zeitpunkt ahnt Jurgeleit noch nicht, dass einen Tag ­später das Hinspiel aufgrund des fehlenden Sicherheitskonzeptes seines Vereins kurz vor der Absage steht. Erst nach einer mehrstündigen ­Krisensitzung im Schleswig-­Holsteinischen Innenministerium gibt es grünes Licht.

Daniel Jurgeleit, Ihr Trainer-Kollege Claus-­Dieter Wollitz geht von 50:50-Spielen um den Aufstieg aus. Sehen Sie beide Teams ebenfalls auf Augenhöhe? Oder gibt es einen Favoriten?

Jurgeleit Rein vom Namen her gibt es schon einen Favoriten – Energie Cottbus. Aber beide Mannschaften fangen im ersten Spiel bei null an. Und nach den beiden Spielen wird dann abgerechnet. Natürlich haben auch wir Chancen. Wir freuen uns auf zwei außergewöhnliche Spiele.

Genau wie Energie Cottbus hat auch Weiche Flensburg am Pfingstmontag den Landespokal ge­wonnen. Wurde danach gefeiert oder gab es nur Wasser?

Jurgeleit Also, ich habe nach dem Spiel keinen gesehen, der Bier getrunken hat. Wobei ein solches Getränk sicher drin gewesen wäre. Kurz gefeiert haben wir nur auf der Rückfahrt aus Havelse, als wir den Meistertitel geholt haben. Da waren wir um vier Uhr morgens zu Hause.

Sie haben den Gegner sicher be­obachtet. Welchen Eindruck haben Sie von Energie Cottbus?

Jurgeleit Natürlich haben wir Energie be­obachtet. Man muss dafür ja nicht immer vor Ort sein, sondern kann sich auch Videos anschauen. Aber um ehrlich zu sein: So richtig konnten wir uns mit Cottbus erst nach dem Havelse-Spiel beschäftigen. Wir mussten ja bis zuletzt hart um den Titel kämpfen. Wir wissen, dass Cottbus eine hohe Qualität hat.

Energie will unbedingt aufsteigen. Flensburg hat mit dem Titel und dem Pokal in dieser Saison schon viel erreicht. Wie groß ist bei Weiche diese Sehnsucht nach der 3. Liga?

Jurgeleit Der Hunger ist definitiv da! Wir haben uns über viele Jahre in der Tabelle immer einen Schritt verbessert. Aber wir haben uns auch insgesamt verbessert. Im ersten Regionalliga-Jahr haben wir nur zwei, drei Mal pro Woche trainiert. Mittlerweile sind wir bei fünf Einheiten angekommen. Der Etat ist von 180 000 im ersten Jahr auf jetzt rund 800 000 Euro angewachsen. Wir sind aber nicht mit dem Ziel in die Saison gegangen, unbedingt aufzusteigen. Wir können diese beiden Spiele genießen.

Wirklich genießen?

Jurgeleit Ja, absolut. Aber wir wissen natürlich auch um die Schwere, ­gegen Cottbus zu spielen. Von der Tradition her, von den Fans, vom Stadion und vom ganzen Drum­herum gibt es schon Unterschiede zwischen beiden Vereinen. Aber diese beiden Spiele müssen trotzdem erstmal gespielt werden. Der VfL Wolfsburg II trainiert praktisch unter Bundesliga-Bedingungen – wir haben sie trotzdem geschlagen.

Ist Weiche Flensburg als Verein schon reif für die 3. Liga?

Jurgeleit Wir sind von der 3. Liga Welten entfernt. Wenn ich mir anschaue, welche Mannschaften da spielen – das ist für uns wie Bundesliga. Wir sind zwar eine leistungsorientierte Mannschaft, aber wir haben keine Halbprofi-Bedingungen. Und Vollprofitum schon mal gar nicht.

Wie muss man sich das vorstellen?

Jurgeleit Viele meiner Jungs haben eine Doppelbelastung mit Ausbildung, Beruf oder Studium. Unser Training findet meistens um 19 Uhr statt. Dann können Sie sich vorstellen, wann wir abends zu Hause sind. Dass wir nach dem Abendtraining dann nicht noch eine Stunde Video-Analyse machen können, versteht sich von selbst. Mittlerweile machen wir die eine oder andere Einheit morgens. Aber das muss dann mit dem Arbeitgeber geregelt werden. Soll ich noch kurz von den Trainingsbedingungen erzählen?

Bitte!

Jurgeleit Gerade im Winter ist das sehr schwierig. Da fragst du dich oft: Auf welchem Kunstrasenplatz können wir überhaupt trainieren? In Dänemark? Irgendwo in Kiel? Speziell in diesem Jahr war es ein harter Winter. Da muss man Kompromisse eingehen. Aber das wissen wir.

Was ist das Erfolgsgeheimnis der kontinuierlichen Verbesserung? Ist es genau diese Kontinuität?

Jurgeleit Unsere Qualität ist die Stabilität im Verein. Jene Menschen, die vor acht Jahren da waren, als ich angefangen habe, sind auch heute noch da. Es geht fast schon familiär bei uns zu. Auch der Kader ist immer weitgehend zusammengeblieben. Wir haben nie acht oder zehn neue Spieler pro Saison geholt. Aber die zwei oder drei, die wir holen, die müssen passen. Wir haben einfach einen guten Teamgeist. Das hört sich wie eine Floskel an – aber bei uns ist es wirklich so.

Kann man allein mit diesen Tugenden Meister werden?

Jurgeleit Fakt ist: Wir haben einfach nicht so gute Bedingungen wie manch anderer Verein in unserer Liga. Aber das ist ja auch der Reiz an der Sache: Wir müssen aus unseren Bedingungen mehr rausholen als andere, um konkurrenzfähig zu sein. Und diesen Job haben wir in den vergangenen Jahren ganz gut erledigt.

Ist das auch für Sie als Trainer die besondere Herausforderung? Acht Jahre beim selben Verein sind eine lange Zeit.

Jurgeleit So lange ich sehe, dass wir Luft nach oben haben, ohne einen Etat von zwei Millionen haben zu müssen und ohne mehrere hauptamtliche Co-Trainer, so lange sehe ich Ziele für uns. Aber natürlich wird die Luft immer dünner, je höher man in der Tabelle klettert. Denn die Bedingungen in Flensburg werden sich auf absehbare Zeit nicht gravierend verändern.

Sie stammen zwar aus dem Rheinland, sind aber mittlerweile im Norden heimisch. Was gefällt Ihnen so gut an der Mentalität der Norddeutschen?

Jurgeleit Im ersten Moment ist es vielleicht etwas schwieriger, an die Menschen ranzukommen. Aber dann hat man verlässliche Bekanntschaften und Freundschaften. Der Norddeutsche steht mit beiden Beinen auf dem Boden.

Und in Nordrhein-Westfalen?

Jurgeleit Da ist alles etwas lockerer, aber nicht so verbindlich. Außerdem habe ich meine Frau hier im Norden  kennengelernt, bin also auch familiär heimisch geworden. Ich kann mir deshalb keine hunderte Kilometer langen Fahrten zu einem anderen Verein mehr vorstellen. Zudem haben wir mit der Ostsee vor der Haustür eine sehr gute Lebensqualität.

Kommen wir zurück zu den beiden Spielen gegen Energie Cottbus. Ist es ein Nachteil, dass Sie in Kiel und nicht in Flensburg im heimischen Manfred-Werner-Stadion spielen?

Jurgeleit Im Grunde genommen haben wir zwei Auswärtsspiele. Für unser Publikum ist es sicher ein Nachteil, weil die Leute ein Stück fahren müssen. Ob es auch sportlich ein Nachteil ist, das wird man sehen. Ich glaube – nein.

Warum nicht?

Jurgeleit Weil wir in dieser Saison auswärts auch schon einige Punkte geholt haben. Dazu kommt: Im Holstein-Stadion zu spielen, ist für uns etwas Besonderes. Außerdem ist der Rasen in Kiel top. Das sieht bei uns zu Hause anders aus. Und dieses Spiel ist ja ein Vorgeschmack auf die Atmosphäre, die uns dann am Sonntag beim Rückspiel in Cottbus erwartet.

Das Stadion der Freundschaft wird mit knapp 20 000 Zuschauern gefüllt sein. Wie stimmen Sie die Mannschaft auf diese Atmosphäre ein?

Jurgeleit Vielleicht werde ich den Lärmpegel in unserer Kabine einfach mal vorspielen. Aber im Ernst: Wir machen das wie immer Schritt für Schritt. Jetzt stimme ich meine Mannschaft erstmal auf das Heim-Auswärtsspiel in Kiel ein.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Energies Co-Trainer hat gegenüber der RUNDSCHAU scherzhaft erklärt, dass er noch eine Rechnung mit Ihnen offen habe. Sie auch mit Frank Eulberg?

Jurgeleit Er meint sicher die Aufstiegsspiele zur 3. Liga im Jahr 2001.

Das ist korrekt.

Jurgeleit Ich habe damals für Kiel gespielt, er war Trainer in Göttingen und hat uns in den Aufstiegsspielen besiegt. Göttingen wurde aber die Lizenz verweigert, sodass wir aufgestiegen sind. Erhalten haben wir diese Nachricht bei der Abschlussfahrt auf Mallorca. Göttingen war kurioserweise im selben Hotel. Für mich ist das keine offene Rechnung, weil damals offenbar einige Leute in Göttingen ihren Job nicht richtig erledigt haben. Mit Frank Eulberg persönlich hatte ich nie Unstimmigkeiten.

Mit Daniel Jurgeleit
sprach Frank Noack