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| 12:04 Uhr

FCE-Held über seine Tore gegen den Rekordmeister
Jelic: „Ich war gegen Bayern gar nicht in Topform“

Energie Cottbus gegen Bayern München FOTO: Bernd Wende
Cottbus. Vor dem DFB-Pokalkracher von Energie Cottbus gegen Bayern verrät der einstige FCE-Angreifer Branko Jelic, wie Cottbus im März 2008 die Münchner Topstars schlagen konnte. Im RUNDSCHAU-Interview spricht er zudem darüber, warum er die Lausitz 2009 verlassen musste. Von Jan Lehmann

Er war der Held beim letzten Sieg von Energie Cottbus gegen Bayern München. Branko Jelic erzielte 2008 beide Tore zum 2:0 – und sagt: „Ich hätte damals noch mehr Tore schießen müssen.“

Branko Jelic, wir erreichen Sie in Australien. Wie geht es Ihnen?

Jelic Bestens, vielen Dank. Kaum zu glauben, aber es ist schon zehn Jahre her, dass ich aus Cottbus nach Australien gegangen bin. Ich schaue im Internet regelmäßig, wie es bei Energie läuft. Es tut mir leid, dass sie in so eine tiefe Liga abgestürzt sind.

Nun spielt Energie aber im DFB-Pokal gegen Bayern München. Sie wissen, warum wir Sie anrufen?

Jelic Klar. Dieser 2:0-Sieg und die beiden Tore gegen München sind ein Höhepunkt meiner Karriere. Irgendjemand hat das bei Youtube hochgeladen. Manchmal schauen sich meine beiden Söhne das an – es ist schön, sich daran zu erinnern.

 Der 15. März 2008, ein großer Tag für Energie Cottbus: Branko Jelic trifft doppelt zum 2:0 gegen die Bayern mit Weltstars wie Oliver Kahn.
Der 15. März 2008, ein großer Tag für Energie Cottbus: Branko Jelic trifft doppelt zum 2:0 gegen die Bayern mit Weltstars wie Oliver Kahn. FOTO: Bernd Wende

Welche Erinnerungen haben Sie an diesen 15. März 2008?

Jelic Ach, so viele positive Sachen. Die Atmosphäre im Stadion, dann natürlich wie ich vor Bayern-Torhüter Oliver Kahn stehe und das 1:0 mache. Der Mann war eine Legende. Gerade deswegen bin ich so glücklich, dass ich gegen ihn getroffen habe. Und heute kann ich es ja sagen: Ich hätte damals sogar noch mehr Tore schießen müssen.

In der ersten Halbzeit haben Sie tatsächlich eine Chance vergeben.

Jelic  Ja. Ich war auch nicht in Topform, bin erst im Winter aus China gekommen. So hatte ich keine richtige Vorbereitung. Mit mir und der deutschen Bundesliga war es sowieso etwas kompliziert.

Wie meinen Sie das?

Jelic  Ich war 23, als ich das erste Mal ein Angebot aus Deutschland hatte. Doch einige Verletzungen haben meinen Weg gestoppt. Dann bin ich erst mit 30 Jahren in die Bundesliga gekommen. Ich war nicht mehr auf meinem höchsten Level, das muss ich so ehrlich sagen.

Wie kam der Kontakt zustande?

 Branko Jelic lebt mit seiner Frau Tamara und den Söhnen Matija (15) und Djordje (12) in Perth in Australien – blickt aber weiter regelmäßig in die Lausitz. F: privat
Branko Jelic lebt mit seiner Frau Tamara und den Söhnen Matija (15) und Djordje (12) in Perth in Australien – blickt aber weiter regelmäßig in die Lausitz. F: privat FOTO: Branko Jelic

Jelic  Ich war in China, als das Angebot kam. Meine Freunde fragten: Was willst du in Cottbus? Die steigen doch sowieso ab. Doch ich hatte in meiner Karriere schon einiges erlebt, da war das genau die richtige Herausforderung für mich. Dass wir damals den Klassenerhalt geschafft haben, war ein großer Erfolg.  Und wenn ich zurückblicke, denke ich, dass ich in dieser Liga noch viel mehr Tore hätte schießen können, wenn es etwas eher geklappt hätte.

Dank Ihrer beiden Tore sind Sie aber eine Lausitz-Legende. München hatte mit Kahn, Lahm, Lucio, Zé Roberto, Schweinsteiger, Ribéry, Klose oder Toni lauter Topstars.

Jelic  Stimmt, ich glaube Bayern hatte damals eine ihrer besten Mannschaften überhaupt. Die haben in dieser Saison nur gegen uns und gegen Stuttgart verloren. Ich habe damals gegen Lucio gespielt – und hatte einen kleinen Vorteil.

Welchen denn?

Jelic Ich kannte ihn aus einem Spiel mit Roter Stern Belgrad gegen Leverkusen in der Champions-League-Quali. Ein harter Gegenspieler, ich habe danach seinen Weg verfolgt. Ich wusste, dass er viele Offensivaktionen hat, es dadurch aber auch Lücken gibt.

Die gab es tatsächlich. Und dennoch: Wie konnte Energie gegen diese Übermannschaft gewinnen?

Jelic  Fußball ist eben dieses wunderschöne Spiel, in dem immer alles möglich ist. Wenn ich auf den Platz gegangen bin, habe ich nie darüber nachgedacht, dass man auch verlieren könnte. Es ging immer nur darum, sein Bestes zu geben. Das versuche ich auch heute meinen Söhnen beizubringen. Wenn man alles gibt, muss man nach einer Niederlage  nichts bereuen. Das gilt im Fußball, aber auch im Leben.

Es hieß, Ihr älterer Sohn war der Grund, warum Sie 2009 Deutschland bereits nach anderthalb Jahren wieder verließen. Stimmt das?

Jelic  Ja. Energie zu verlassen, war für mich hart. Aber bei meinem Sohn wurde Autismus festgestellt. Wegen der Sprachbarriere war es für ihn und meine Frau schwierig, beispielsweise wenn es um Therapieformen für ihn ging. Weil er dann mit der Schule beginnen sollte, haben wir alle Argumente auf den Tisch gepackt und uns dann entschieden, wieder nach Australien in die Heimat meiner Ehefrau zu gehen. Ich war 32 Jahre alt, hatte in meiner Karriere einiges erlebt. Nun war es Zeit, an die Familie zu denken.

Wie geht es Ihrem Sohn heute?

Jelic  Er entwickelt sich gut, er ist 15 Jahre alt. Sein jüngerer Bruder ist zwölf Jahre. Ich bin natürlich sehr stolz auf die beiden. Und wie gesagt, wir sprechen auch gern noch über die Zeit in Cottbus.

Bei Energie spielten damals viele Osteuropäer. War dies das Erfolgsgeheimnis gegen Bayern?

Jelic  Ich würde nicht sagen, dass es da um Osteuropa ging. Wir hatten Spieler aus vielen verschiedenen Nationen – und waren in der Offensive sehr gut besetzt. Aber viel wichtiger war die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft. Mit meinem damaligen Mitspieler Dusan Vasiljevic quatsche ich gern mal über diese Zeiten, wenn wir in Serbien bei der Familie sind und ich ihn dann in Budapest besuche. Dort waren wir zuletzt Tennis spielen. Auch er sagt, dass es vom Teamgeist her zu den besten Zeiten seiner Karriere gehört.

Haben Sie noch zu weiteren damaligen Spielern Kontakt?

Jelic  Ab und an zu Mario Cvitanovic oder Ivan Radeljic und Tomislav Piplica. Ich hätte auch gern öfter noch Kontakt zu Jiayi Shao. Durch meine Zeit zuvor in Peking hatte ich auch zu ihm eine gute Verbindung.

Und zu Trainer Bojan Prasnikar?

Jelic  Der Kontakt ist leider abgerissen, wir sind uns noch zwei, dreimal über den Weg gelaufen. Aber wir hatten ein gutes Verhältnis.

Wie haben Sie ihn als Coach erlebt?

Jelic  Er war ein Trainer der alten Schule.  Das Training war sehr hart. Aber seine Stärke war es, immer das bestmögliche Team zusammenzustellen. Er konnte großartig die Gegner analysieren und bereitete uns perfekt darauf vor, was uns auf dem Feld erwarten würde.

Wie sind Ihre Erinnerungen an das Stadion der Freundschaft?

Jelic  Es ist eine besondere Atmosphäre. Das Stadion der Freundschaft ist nicht ganz so groß, gerade deshalb habe ich es geliebt. Es hat mich sehr an meinen Heimatverein in Serbien, Borac Cacak, erinnert. Die Stadt ist etwa auch so groß wie Cottbus, und alle gehen sie zu diesem Club. Wie bei Energie stehen da die Siebenjährigen neben den 70-Jährigen im Block. Cottbus hat neben Belgrad und Peking einen besonderen Platz in meinem Herzen.

Tatsächlich?

Jelic  Ja. Unbedingt. Ich habe dort sehr viele nette Menschen kennengelernt, es hat mir das Herz gebrochen, als ich den Verein so schnell wieder verlassen musste. Ich grüße alle, die mich noch kennen und  wünsche Energie viel Glück gegen die Bayern.

Was muss Energie tun, um die Sensation zu schaffen?

JelicIn den Cup-Wettbewerben passieren immer wieder Wunder überall auf der Welt. Das kann auch Energie schaffen. Fakt ist: Sie werden nicht viele Chancen bekommen, die müssen sie dann nutzen. Ansonsten müssen sie hinten sehr gut organisiert sein – und sie brauchen auch ein bisschen Glück. So wie wir es damals hatten.

Was wagemutige Energie-Profis vorm Spiel gegen Bayern träumen, lesen Sie hier.

Energie Cottbus gegen Bayern München FOTO: Bernd Wende