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FC gegen Nazi-Hools
Wer beherrscht die Cottbuser Nordwand?

Auf der Nordwand im Cottbuser Stadion der Freundschaft ist es ruhiger geworden. Rechtsextremisten versuchen dort, aus den Hintergrund die Ultra-Fans zu steuern.
Auf der Nordwand im Cottbuser Stadion der Freundschaft ist es ruhiger geworden. Rechtsextremisten versuchen dort, aus den Hintergrund die Ultra-Fans zu steuern. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. FC Energie legt Maßnahmenpaket vor, um Einfluss von Rechtsextremisten in der Fan-Szene zurückzudrängen. Von Simone Wendler

Vier Monate lang haben Verantwortliche des FC Energie Cottbus sich mit verschiedenen Institutionen beraten. Jetzt liegt das Ergebnis vieler Gespräche auf dem Tisch: Ein Maßnahmenplan des Vereins, um langfristig und zielgerichtet gegen Gewalt, Rassismus und Extremismus in seiner Fanszene vorzugehen. Das Papier kommt zum richtigen Zeitpunkt. Am Sonntag empfängt  Cottbus in einem Hochrisiko-Spiel die Mannschaft von Babelsberg 03. Der als links geltende Potsdamer Club ist bevorzugtes Hassobjekt rechtsradikaler Energie-Fans.

Präventiv und repressiv will der Verein nun langfristig gegen Extremisten unter den Cottbus-Anhängern vorgehen. Ein wichtiger Punkt ist ein regelmäßiges Rund-Tisch-Gespräch mit vielen Akteuren: Polizei, Verfassungsschutz, Deutschem Fußballbund, Nordostdeutschem Fußballverband, dem Cottbuser Fanprojekt und anderen. „Wir werden diese Aktion über Jahre führen müssen“, sagt Matthias Auth, Vorsitzender des Verwaltungsrates des FCE: „Das ist ein langer Weg.“

Extremismus, das heißt im Cottbuser Fußballmilieu Rechtsextremismus. Der konzentriert sich in der Gruppe „Inferno“ und seiner Jugendabteilung „Unbequeme Jugend“. Die Anfang Mai von „Inferno“ erklärte Selbstauflösung gilt als Scheinmanöver, um einem Verbot zuvorzukommen. Beide Gruppen werden vom Verfassungsschutz als klar rechtsextremistisch mit insgesamt fast 100 Akteuren und bester Vernetzung in die Neonaziszene benannt.

Im August 2012 hatte die RUNDSCHAU begonnen, dieses Netzwerk und seine Verbindungen in die regionale Kampfsport- und Türsteherszene aufzudecken. Doch die damalige FCE-Vereinsspitze mit gut gefüllter Kasse im Spielbetrieb der 2. Bundesliga bügelte das Problem ab. Jetzt stellt sich der Verein als Viertligist mit einem Etat, der nur etwa 15 Prozent des damaligen Volumens umfasst, offen dieser Herausforderung.

Bis auf eine kurze Unterbrechung von 2011 bis 2013 durfte „Inferno“ im Cottbuser FCE-Stadion keine Fahnen und Banner zeigen. Viele Inferno-Mitglieder haben langjährige Stadionverbote. Doch das hält die Rechtsextremisten bisher keineswegs davon ab, für schwere Zwischenfälle zu sorgen, die den Verein Ansehen und Strafen kosten.

Das gravierendste Beispiel dafür waren die Zwischenfälle beim Spiel der Cottbuser Ende April in Potsdam gegen SV Babelsberg 03. Böller, Brandfackeln, ein versuchter Platzsturm, dazu antisemitische Parolen aus dem Cottbuser Gästeblock. Dort wurde auch der rechte Arm zum Hitlergruß gestreckt. Als einer der Drahtzieher wird ein Rechtsextremist vermutet, der vor Jahren lange auf der Nordwand des Energiestadions die Ultra-Fans dirigierte, dann der Lausitz den Rücken kehrte und nun zurückgekehrt ist.

Er soll zusammen mit einem Forster, einem ehemaligen Mitglied der verbotenen Neonazi-Struktur „Widerstand Südbrandenburg“, auch maßgeblich an einer kürzlich bekannt gewordenen Aktion beteiligt gewesen sein. Es wurde versucht unter dem Deckmantel, die Szene zu einen, den Inferno-Einfluss auf der Nordwand wieder auszudehnen. Dabei schrecken rechtsradikale Cottbuser Hooligans  offenbar auch vor Prügel und Drohungen nicht zurück. Aus Angst vor „Hausbesuchen“ trauten sich Betroffene nicht, Anzeige zu erstatten.

 Neben „Inferno“ gehören die Ultra-Gruppen „Ultima Raka“ (UR) und „Colletivo Bianco Rosso (CBR 02) zur stimmungsprägenden Cottbuser Nordwand. Ein deutlicher Riss zwischen der als unpolitisch geltenden Gruppe „Ultima Raka“ und „Inferno“ begann sich Ende März dieses Jahres aufzutun.

Bei einem Auswärtsspiel in Bautzen hatten Mitglieder von „Inferno“ und  „Unbequeme Jugend“ unter einer eingeschmuggelten Blockfahne Böller und Fackeln angezündet.

Wütend über den drohenden Spielabbruch und die Geldstrafe für den Verein hatten sich friedliche Fans offen gegen die Randalierer gestellt, darunter auch „Ultima Raka“-Mitglieder. Seitdem galt vor allem „Ultima Raka“ für „Inferno“ als „Verräter“.

Es begannen Drohungen. Weil nach dem Bautzen-Spiel auch die „Unbequeme Jugend“ kein Stadion-Banner mehr zeigen durfte, sollten andere Gruppen ebenfalls ihre Banner zu Hause lassen. Die Einschüchterung wirkte.

Ende August hatten Inferno-Aktivisten eine neue Idee. „Ultima Raka“ und „CBR02“ wurden zu einem „Gespräch gebeten“ um ihnen ein neues Konzept für die Nordwand-Tribüne vorzustellen. Danach sollten sich alle drei Gruppen unter einem neuen Namen und einer gemeinsamen „neutralen“ Zaunfahne zusammenschließen. „Inferno“ hätte dabei jedoch das Sagen gehabt.

„Ultima Raka“  verweigerte sich und beschloss, seine Aktivitäten auf der Nordwand vorerst einzustellen, jedoch weiter als Zuschauer im Stadion und ehrenamtlich den Verein zu unterstützen.

Anders die zweite große Ultra-Gruppe CBR02. Sie verteidigte mit einer Erklärung im Internet die Vereinigung hinter einer Gruppenfahne, behauptete auch, es gebe nur persönliche Probleme zwischen einzelnen Fans. Konflikte politischer Natur und den rechtsextremistischen Charakter von „Inferno“ bestreitet die Gruppe.

Das passt zu einer Erklärung, die CBR02 im Mai nach der angeblichen Selbstauflösung von „Inferno“ abgab. Die Extremisten-Truppe wird darin als „jahrelanger Wegbegleiter, Mitstreiter und auch Freund“ bezeichnet.

Inzwischen bekommt der Verein mit seinen Bemühungen, den Einfluss der  Rechtsextremisten im Stadion zurückzudrängen, Unterstützung von Teilen der Fan-Basis. Vor gut einer Woche gründeten langjährige FCE-Fans bei Facebook die Seite „FC Energie Cottbus-Fans gegen Nazis“. In nur einer Woche bekam die Seite rund 700 Likes.

„Wir wollen zeigen, dass wir das Problem nicht relativieren und hoffen, dass sich viele Anhänger zur Vielfalt des Vereins bekennen und von Extremisten klar abgrenzen“, beschreibt einer der Organisatoren das Ziel. Das Team hinter der Seite will vorerst anonym bleiben, um sich, wie ein Organisator sagt, von ungebetenen „Hausbesuchen“ ungestört dem Projekt widmen zu können. Bei Facebook hat sich inzwischen eine rechte Gegenplattform gegründet. Die Zustimmungsbekundungen fallen dort aber deutlich geringer aus als bei „Fans Gegen Nazis“. Ob aus dieser Netzaktivität ein Kristallisationspunkt für friedliche Fans wird, die von den Rechtsextremisten die Nase voll haben, werden die kommenden Wochen und Monate zeigen.

Für den Verein sei die Auseinandersetzung mit den Extremisten sehr belastend, räumt FCE-Präsident Michael Wahlich ein: „Das binde sehr viele Kräfte.“  Wie schwierig die Auseinandersetzung oft ist, zeigt ein Gerichtstermin im November. Dort wird die Klage eines der bekanntesten Inferno-Aktivisten gegen ein bundesweites Stadionverbot verhandelt. Der FCE hatte das Verbot mit der führenden Rolle des Mannes bei „Inferno“ und deren Ausschreitungen gegen Babelsberg03-Anhänger beim Hin- und Rückspiel in der vorigen Saison begründet.

Neben der Hoffnung, solche Prozesse zu gewinnen, wünscht sich Vereinspräsident Wahlich noch mehr Unterstützung der Politik: „Und das nicht nur, wenn gerade wieder etwas passiert ist.“

Als Beispiel nennt er Pläne für eine Modernisierung der Kameratechnik im Stadion, um Zwischenfälle besser aufklären zu können. Ein 2013 gestellter Antrag auf finanzielle Unterstützung dabei sei in Potsdam abgelehnt worden. Es geht um einen  sechsstelligen Betrag, den der Verein aus eigener Kraft nicht aufbringen kann. Im Juni hat der FCE direkt über das Büro des Brandenburger Ministerpräsidenten noch mal um finanzielle Unterstützung gebeten. Eine schriftliche Antwort liegt noch nicht vor.

FCE-Verwaltungsratschef Matthias Auth
FCE-Verwaltungsratschef Matthias Auth FOTO: LR
Energie-Präsident Michael Wahlich 
  
Energie-Präsident Michael Wahlich   FOTO: Steffen Beyer