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| 19:25 Uhr

Energie Cottbus
Es war nicht alles viertklassig

Die Mannschaft ist wieder eine echte Mannschaft. Das war in den vergangenen Jahren keine Selbstverständlichkeit beim FC Energie.
Die Mannschaft ist wieder eine echte Mannschaft. Das war in den vergangenen Jahren keine Selbstverständlichkeit beim FC Energie. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. Energie Cottbus will zurück in die 3. Liga. Die vergangenen beiden Jahre waren schmerzhaft für den Verein, die Fans und die Region. Sie waren aber auch ein Neuanfang. Von Frank Noack und Jan Lehmann

Die nächste Woche wird ganz wichtig für Energie Cottbus. Es ist eine der wichtigsten Wochen überhaupt in der Geschichte des Vereins. Es ist die Woche der Wahrheit. Denn der FC Energie hat sich zwar mit großem Vorsprung den Meistertitel in der Fußball-Regionalliga Nordost gesichert. Ob die Saison erfolgreich ist oder nicht, entscheidet sich jedoch erst in den nächsten drei Spielen.

Los geht es am Pfingstmontag (21. Mai) mit dem Finale im Brandenburger Landespokal beim SV Babelsberg. Am Donnerstag (24. Mai) folgt das Hinspiel um den Aufstieg gegen Nord-Meister Weiche Flensburg in Kiel. Und am Sonntag in einer Woche (27. Mai) soll dann im heimischen Stadion der Freundschaft die Rückkehr in die 3. Liga und damit den Profi-Fußball endgültig perfekt gemacht werden.

Die Sehnsucht nach wieder höherklassigem Fußball ist riesengroß auch. In der kommenden Woche herrscht fußballerischer Ausnahmezustand in der Lausitz. „Wir wissen, dass wir bislang eine gute Saison gespielt haben“, sagt Mannschaftskapitän Marc Stein. „Wir wissen aber auch, dass wir uns dafür nichts kaufen können. Wir können in diesen drei Spielen alles gewinnen, aber auch alles verlieren.“

Alles verloren hatte der Verein vor fast genau zwei Jahren. Am 14. Mai 2016 herrschte gespenstische Stille im Stadion der Freundschaft, als Energie Cottbus am letzten Spieltag gegen den FSV Mainz kurz vor Schluss den Ausgleichstreffer kassierte, am Ende 2:3 verlor und in die Regionalliga absteigen musste. Diese Niederlage war äußerst schmerzhaft. Sie war im Rückblick betrachtet jedoch auch ein wichtiger Neuanfang. Die RUNDSCHAU erklärt, wie sich der Verein in den zurückliegenden beiden Jahren in der Regionalliga verändert hat.

Der Verein: „Erschossen aus dem Hinterhalt“ hatte die RUNDSCHAU nach dem fatalen Abstieg vor fast genau zwei Jahren getitelt. Ein Schuss des Mainzers Fabian Kalig hatte den einstigen Stolz der Lausitz ins Mark getroffen – dieses Gegentor war wahrhaftig lebensgefährlich. Energie Cottbus lag am Boden und als Trainer Claus-Dieter Wollitz öffentlich die Frage stellte: „Bleiben wir liegen, oder stehen wir auf?“ da musste man befürchten, dass sich niemand finden würde, der sagt: Ja, wir stehen wieder auf! Doch Mitte Juni erschien mit Michael Wahlich ein neuer Präsident auf der Bildfläche, der in dieser extrem bedrohlichen Situation den richtigen Ton traf. Wahlich verzichtete auf die ganz großen Worte. Von Beginn an formulierte er immer wieder offen die Schwierigkeiten, die der FC Energie bewältigen muss. Im ersten RUNDSCHAU-Interview sagte er bescheiden: „Ich möchte, dass die Leute hier wieder Freude haben am Fußball.“

Schon das klang damals ziemlich ambitioniert, hatte doch der FCE mit dem desaströsen Abstieg aus der 2. Liga im Sommer 2014 und auch in der trostlosen Drittliga-Rückrunde 2016 unter Trainer Vasile Miriuta ziemlich viele Sympathien verspielt. Deswegen sagte Wahlich auch nur unter dem Vorbehalt, dass man ja auch träumen dürfe, einen bemerkenswerten Satz: „Meine Vision wäre es, dass wir hier zu Hause ein Relegationsspiel haben – bei voller Hütte.“ Zwei Jahre später ist diese Vision Wirklichkeit. Das Aufstiegsspiel am 27. Mai ist ausverkauft.

Dabei liegen hinter dem FCE zwei bewusstseinsreinigende Regionalliga-Jahre. Es gab zum Beispiel eine bittere Niederlage im 4000-Einwohner-Städtchen Schönberg, eine Wasserschlacht auf einem regendurchweichten Platz in Auerbach, ein Eiskunstlauf-Spiel auf dem hart gefrorenen Platz in Nordhausen, ein Spießrutenlaufen beim hochmotivierten Brandenburg-Rivalen Fürstenwalde. Diese beiden Jahre haben den Stolz der Lausitz auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht.

Das hat auch innerhalb des Vereins für Bewegung gesorgt. Bei den Mitgliederversammlungen unter dem neu zusammengestellten Präsidium gab es emotionale Debatten, infolge derer Führung und Fans wieder enger zusammenrückten. Verwaltungsrats-Chef Matthias Auth erwies sich als einer, der mit anpackt, Präsident Wahlich gab dem Verein mit seinem nüchternen Pragmatismus den nötigen Halt.

Und Trainer Wollitz? Der ist ein Glücksfall für Energie. Nicht nur, weil er innerhalb von zwei Jahren mit seiner schlüssigen sportlichen Philosophie von Spielfreude und Teamgeist eine Mannschaft aufbaute. Sondern auch, weil er mit seiner Art, die manchmal polarisiert, manchmal über das Ziel hinausschießt und manchmal auch anstrengend sein kann, dem Verein eine laut hörbare Stimme gab. Mit einem 08/15-Trainer ohne Ecken und Kanten wäre Energie wohl in der Versenkung verschwunden.

Die Finanzen: Dass man als Viertligist keine großen Gewinne erwirtschaften kann, ist wenig verwunderlich. Ohne nennenswerte Einnahmen durch eine TV-Vermarktung muss der Verein von Ticketverkäufen und Sponsorengeldern leben. Präsident Wahlich sagt deshalb: „Wir sind froh, wenn diese Saison bei Null ausläuft. Dann haben wir unseren Plan erfüllt.“ Auch der Ausblick auf die 3. Liga lässt den Geschäftsmann, der seit 25 Jahren mit dem Cottbuser Presse Vertrieb erfolgreich am Markt ist, keine Luftsprünge machen. Dort bekäme der Verein zwar Fernsehgelder in Höhe von 1,3 Millionen Euro. Doch Wahlich betont: „Wir hätten zwei Auswärtsspiele mehr, müssten dann auch übernachten. Die Spieler haben auch nicht gesagt: ,Wenn wir aufsteigen, verzichten wir auf irgendwelche Zuschläge.’“ Die Lage beim Verein, der vor anderthalb Jahren erst eine Etatlücke von etwa 500 000 Euro nur schließen konnte, weil ein anonym gebliebener Unterstützer Genussscheine in dieser Höhe gezeichnet hatte, bleibt also angespannt. Die größte Sorge ist das Stadion der Freundschaft, das Energie im Juli 2011 für 1,95 Millionen Euro von der Stadt Cottbus gekauft hatte. Was damals wie ein Schnäppchen klang, ist heute eine Belastung. Die Bewirtschaftungskosten von jährlich etwa 1,5 Millionen Euro sind erdrückend. Zudem birgt das Stadion immer wieder unliebsame Überraschungen: Aktuell muss das Dach auf der 2003 gebauten Osttribüne repariert werden. Kosten: etwa 150 000 Euro. Wahlich sagt offen: „Dieses wunderschöne Stadion ist in Wahrheit ein Ballast, mit dem man Geld versenken kann.“

Die Mannschaft: Den Neuanfang im Juni 2016 startete Trainer Claus-Dieter Wollitz mit einem Rumpfkader. Denn auf den Absturz in die Viertklassigkeit war der Verein überhaupt nicht vorbereitet. Zur ersten Übungseinheit kamen damals zwar 600 Fans in den Eliaspark – aber nur insgesamt elf Spieler sowie fünf weitere Akteure, die sich über ein Probetraining empfehlen wollten. Sämtliche Leistungsträger der Abstiegssaison wie zum Beispiel Sven Michel und Richard Sukuta-Pasu waren weg. Stattdessen setzte Wollitz auf Eigengewächse und auf Spieler, die bislang ihr Potenzial in der Regionalliga oder sogar noch tiefer bestenfalls angedeutet hatten.

In diesen zwei Jahren entstand eine hungrige, entwicklungsfähige Mannschaft. Spieler wie Torjäger Streli Mamba oder die Mittelfeldspieler Fabio Viteritti und Maximilian Zimmer sind inzwischen reif für die 3. Liga – im besten Fall natürlich mit Energie Cottbus. „Es war unser Glück, dass wir Charaktere dazubekommen haben, die richtig Bock auf dieses Projekt haben. Wir haben etwas Außergewöhnliches geschaffen“, findet Wollitz.

Wobei man außergewöhnliche Dinge auch im Fußball nur selten mit Glück allein bewerkstelligen kann. Wollitz hat großen Wert auf die fußballerischen Qualitäten der Neuzugänge gelegt. Mindestens genauso wichtig sind ihm jedoch die menschlichen Qualitäten, also das Miteinander in der Kabine. „Ich habe vor zwei Jahren gesagt, ich mache es nur dann, wenn der Mensch im Vordergrund steht. Und nicht: Weil der Spieler gut ist, wird er auch als Mensch akzeptiert. So etwas funktioniert nicht“, beschreibt er seine Marschroute. Die Zwischenbilanz am heutigen Tag: Der Neuaufbau hat funktioniert. Weil die Mannschaft als Mannschaft funktioniert.

Die Fans: Die Anhänger haben seit dem Zweiliga-Aufstieg 1997 eine emotionale Berg- und Talfahrt mitgemacht, wie sie nicht viele Vereine in Deutschland vollführen. Ihr Herzensverein, der zwei Mal Bayern München aus dem Stadion der Freundschaft gefegt hat, 2011 im DFB-Pokalhalbfinale stand, stieg nach fünf Jahren der sportlichen Normalität in der 2. Bundesliga plötzlich 2014 in die 3. Liga ab – unfassbar! Zwei Jahre später mit dem Abstieg in die Regionalliga gab es bereits die nächste Katastrophe – unbegreiflich!

Es gibt viele Beispiele von ehemaligen Bundesligisten, die an einem solchen Absturz entweder zerbrochen sind oder seit Jahren im Mittelfeld der Regionalliga festsitzen: beispielsweise Alemannia Aachen, die SG Wattenscheid oder der SSV Ulm. In der Lausitz entdeckten die Fans dagegen ihre Liebe zu Energie wieder neu. Nach dem Abstieg vor zwei Jahren hatte der Verein insgesamt 2000 Mitglieder, inzwischen sind es fast 2900. 14 Fans haben bislang die neu eingeführte lebenslange Mitgliedschaft abgeschlossen. Sie kostet einmalig 1966 Euro – der Betrag steht für das Gründungsjahr des Vereins. Mit durchschnittlich 5262 Zuschauern pro Heimspiel liegt der FCE in der abgelaufenen Saison weit vor den Konkurrenten in der Regionalliga Nordost.

Die neue Euphorie erlebte ihren vorläufigen Höhepunkt beim Kartenvorverkauf für das Aufstiegs-Rückspiel gegen Weiche Flensburg, als sämtliche Tickets nach 90 Minuten des freien Verkaufs vergriffen waren. Laut Präsident Wahlich hätte der Verein bis zu 30 000 Karten verkaufen können.

Die Extremismus-Debatte: Der Verein ist in der Vergangenheit immer wieder durch rechtsextreme Auswüchse in der Fankurve beschädigt worden. Auch, weil er diesen Auswüchsen entweder gar nicht oder nur halbherzig entgegengetreten ist, obwohl er damals in finanzieller Hinsicht deutlich besser ausgestattet war als im Moment in der 4. Liga. Unter Michael Wahlich als Vereinschef fährt Energie nun eine klare Kante gegen rechts. Im Oktober 2017 hat der Club seine Bemühungen in einem „Maßnahmenplan  für Vielfalt und Toleranz und gegen jegliche Formen von Extremismus, Rassismus und Gewalt“ gebündelt. Die deutliche Botschaft: Rechtsradikale sind in der Fankurve unerwünscht! „Der Verein arbeitet sehr daran, dass wir diesen Ruf endlich loswerden. Auch in der Fanszene tut sich einiges. Wir reden mehr miteinander und hoffen, so Vorurteile abzubauen“, berichtet Fansprecherin Bianca Eifert-Koch. Das Skandalspiel von Babelsberg im April 2017 inklusive Platzsturm durch einige Chaoten hat noch einmal deutlich gezeigt, wie wichtig dieser Klare-Kante-Kurs ist. Seitdem gab es keine rechten Schmähgesänge mehr und auch keine hässlichen Bilder mit Nazigesten oder -plakaten.

Doch der Weg hin zu einer sauberen Fankurve ist lang. Am Pfingstmontag beim Pokalfinale treffen beide Vereine erneut in Babelsberg aufeinander. So mancher Anhänger wird mit gemischten Gefühlen ins Karl-Liebknecht-Stadion reisen. „Ich fahre mit Vorfreude nach Babelsberg und hoffe, dass wir den Pokal holen. Es hat sich seit dem letzten Jahr sehr viel getan innerhalb der Fanszene. Ich würde nicht sagen, dass  man Angst haben muss, in Babelsberg ins Stadion zu gehen“, ist Fansprecherin Bianca Eifert-Koch optimistisch.

Die Woche der Wahrheit beginnt also nicht nur für die Mannschaft, sondern auch für die Fans von Energie Cottbus mit einer echten Bewährungsprobe. Die Anhänger können im Rahmen der Live-Konferenz in der ARD vom Finaltag der Amateure ganz Fußball-Deutschland zeigen, dass auch sie die Zeit seit dem ­Abstieg vor zwei Jahren für einen echten und vor allem friedlichen Neuanfang genutzt haben.

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Faksimile_SPO01___190516 FOTO: LR
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Liga_Zugehoerigkeit FOTO: LR