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| 16:04 Uhr

Interview
„Die Situation wird auch in zehn Jahren noch kacke sein“

Tim Kruse scheiterte gegen Freiburg vom Elfmeterpunkt.
Tim Kruse scheiterte gegen Freiburg vom Elfmeterpunkt. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. Tim Kruse (35) hat bei der Pokal-Niederlage von Energie Cottbus gegen Freiburg den entscheidenden Elfmeter verschossen. Im RUNDSCHAU-Interview erzählt der Mittelfeldspieler, wie er mit seinem Fehlschuss und dem „Depp“-Gefühl umgeht. Von Frank Noack

Tim Kruse, unmittelbar nach dem Spiel haben Sie im ARD-Interview gesagt, dass Sie sich als Depp fühlen: „Einen Deppen gibt es halt ­immer – in dem Fall war ich das.“ Fühlen Sie sich am Tag danach ­immer noch als Depp?

Kruse Na ja, das war vielleicht etwas flapsig formuliert. Aber letztlich ist es ja so: Im Elfmeterschießen muss halt jemand verschießen. Sonst gibt es keine Entscheidung. Aber als Depp fühle ich mich deshalb nicht wirklich.

 Wie fühlt es sich an?

Kruse Die Situation ist natürlich kacke. Sie wird auch in zehn Jahren noch kacke sein. Und wenn ich mich mit 80 Jahren an dieses Spiel erinnere, dann wird sie immer noch kacke sein. Aber als Depp fühle ich mich allein schon deswegen nicht, weil es viele aufmunternde Worte nach meinem Fehlschuss gab. Von der Mannschaft habe ich keinerlei Vorwürfe gehört, auch die Reaktion der Fans war wahnsinnig positiv.

Sie haben in Ihrer Karriere schon viel erlebt. Können Sie sich an ­ähnliche Fehlschüsse erinnern, die Ihnen unterlaufen sind?

Kruse Um ehrlich zu sein – nein. Aber irgendwann ist immer das erste Mal. Ich kann es jetzt leider nicht mehr ändern und muss damit leben.

Ihr Schuss ging ziemlich weit über das Tor. Wie sollte denn der Elf­meter im besten Fall aussehen?

Kruse Ich wollte den Ball unter die Querlatte schießen. Aber wie wir ­gesehen haben, hat das nicht ganz so gut geklappt.

War es von vornherein klar, dass Sie zum Elfmeterschießen antreten oder hat sich das spontan ergeben?

Kruse Das war eher spontan. Wenn unsere erste Elf zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Rasen gestanden hätte, dann wäre ich sicher nicht erste Wahl bei den Schützen gewesen. Aber ich wollte in der Situation dann auch nicht nein sagen, ich wollte Verantwortung für die Mannschaft übernehmen.

 Auffällig war, dass Sie kurz vor dem Schuss noch einmal zum Elfmeterpunkt zurückgegangen sind, obwohl der Ball schon dort lag. Nervosität?

Kruse Nein. Aber ich schieße nicht wirklich oft Elfmeter. Deshalb wollte ich mir einfach noch einmal die Perspektive vom Ball aus in Richtung Tor anschauen. Wie gesagt – so häufig stehe ich ja nicht am Punkt.

Nach ihrem Fehlschuss standen Sie dann am Mittelkreis und haben die Hände vor das Gesicht geschlagen. Können Sie das Gefühl in dem Moment beschreiben?

Kruse Als Freiburg den entscheidenden Elfmeter geschossen hat, war ich gerade erst zurück im Mittelkreis. Ich habe im Augenwinkel nur noch gesehen, dass die Freiburger gejubelt haben. Damit war die Sache durch. In dem Moment möchte man sich am liebsten kurz vergraben und nichts mehr sehen und hören.

Nach dem Spiel sind dann Ihre ­beiden Söhne Sebastian und Ben zu Ihnen auf den Rasen gerannt gekommen. Wie wichtig ist in solchen Momenten die Familie?

Kruse Familie ist immer wichtig. Aber speziell nach so einem körperlich und auch mental sehr anstrengenden Spiel tut die Ablenkung durch die Familie gut. Es hilft dann schon, gemeinsam mit der Familie im gewohnten Tagesablauf zu bleiben. Wir werden die familiären ­Pläne für die nächsten Tage wegen meines Fehlschusses jedenfalls nicht über den Haufen werfen.

 Hand aufs Herz: Werden Sie sich beim nächsten Elfmeterschießen wieder melden?

Kruse Ich bin mir nicht sicher, wie oft ich dazu in meiner Karriere noch die Gelegenheit bekommen werde. Aber – wenn es so sein sollte, dann mache ich es vom Verlauf des Spiels abhängig. So wie immer.

 Mit Tim Kruse sprach Frank Noack

Das pure Entsetzen - Tim Kruse nach dem verschossenen Elfmeter.
Das pure Entsetzen - Tim Kruse nach dem verschossenen Elfmeter. FOTO: Steffen Beyer