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| 10:43 Uhr

Fußball
Energie-Profi Weidlich zu Besuch in Ghana

Bei seinen Besuchen in Ghana stellt Kevin Weidlich immer wieder fest: „Viele Sachen, die für uns selbstverständlich sind, sind eben doch nicht so normal.“
Bei seinen Besuchen in Ghana stellt Kevin Weidlich immer wieder fest: „Viele Sachen, die für uns selbstverständlich sind, sind eben doch nicht so normal.“ FOTO: LR / Kevin Weidlich
Cottbus. Energie-Profi Kevin Weidlich geht mit dem Rückhalt seiner ghanaischen Familie in die 3. Liga. Ein Besuch in der Heimat stärkt ihn. In der RUNDSCHAU berichtet er auch von einem außergewöhnlichen Fußballspiel. Von Jan Lehmann

Oma Masselina Asu­bonteng  ist 94 Jahre alt, fit wie ein Turnschuh und macht gern mal einen Witz. Die fröhliche afrikanische Großmutter wohnt in Kumasi in einem Haus mit zehn Zimmern – mit Töchtern und Söhnen, Cousins und Cousinen. Alle in der Großfamilie wissen, wie es um Energie Cottbus steht: 3. Liga, Cottbus ist dabei. Und die ghanaische Millionenstadt Kumasi auch irgendwie.

Das Verbindungsglied zwischen der Lausitz und den Mangroven heißt Kwaku. So nennen die Freunde von Kevin Weidlich den Energie-Profi. Kwaku bedeutet in der ghanaischen Landessprache Mittwoch. Und Kevin-Okyere Weidlich wurde an einem Mittwoch geboren – allerdings nicht in Kumasi, sondern in Hamburg. Dorthin hatte es seine Eltern in den 80er-Jahren verschlagen. „Auf der Suche nach einem besseren Leben“, sagt Kevin Weidlich.

Der Cottbuser, der sich mit seinen Kollegen auf die Drittliga-Saison vorbereitet, war im Sommer in Ghana zu Besuch. Er berichtet: „Ich versuche, jedes Jahr hinzufahren. Es ist gut zu wissen, wo meine Wurzeln sind. Diese Reise gibt mir jedes Mal viel Kraft.“ Er sagt mit einem Grinsen, das an das verschmitzte Lächeln seiner Großmutter auf den Urlaubsfotos erinnert: „Oma Masselina ist eine bewundernswerte Frau. Sie ist immer positiv zum Leben eingestellt.“

Auch die Mutter seines Vaters, Grace Anowuo, lebt in Kumasi. Die Rückkehr zu den Wurzeln ist für den 28-Jährigen eine Reinigung für den Kopf. „Man merkt, dass viele Sachen, die für uns selbstverständlich sind, eben doch nicht normal sind“, sagt Weidlich. Eine Krankenversicherung gibt es in Ghana nicht, der Strom wird regelmäßig abgedreht, die Arbeitsverhältnisse sind meist prekär. Der Lebensstandard ist gering, die Schere zwischen Arm und Reich klafft weit auseinander. Weidlich erzählt: „Man sieht ein Luxusauto an einer fünfköpfigen Familie vorbeifahren, die nicht mal ein Dach überm Kopf hat. Das ist Ghana.“ Und dennoch schwärmt der Energie-Profi: „Die Leute haben nix, aber immer ein Grinsen im Gesicht. Die Herzlichkeit, die Hilfsbereitschaft, die Ehrlichkeit – das ist viel ausgeprägter als in Europa.“

Kevin Weidlich schwärmt von seiner 94-jährigen Oma Masselina.
Kevin Weidlich schwärmt von seiner 94-jährigen Oma Masselina. FOTO: LR / Kevin Weidlich
Sein bester Freund und Fitnesscoach Kevin Vincent war mit in Ghana.
Sein bester Freund und Fitnesscoach Kevin Vincent war mit in Ghana. FOTO: LR / Kevin Weidlich

Der 28-Jährige ist nicht der einzige Fußballspieler, der im Sommer regelmäßig nach Ghana kommt. Der Lebensgefährte seiner Cousine, Abdul Aziz Tetteh, war im Juli ebenfalls dort. Der Nationalspieler, der bei Dynamo Moskau unter Vertrag steht, hat die Kontakte zu vielen Kollegen, die in Europa kicken. Und so fand sich Kevin Weidlich plötzlich auf dem Fußballplatz mit ehemaligen WM-Teilnehmern wie Sully Muntari (Deportivo La Coruna, 2010 Champions-League-Sieger mit Inter Mailand) oder Mubarak Wakaso (Deportivo Alaves) wieder. „Das war ein Kick unter Freunden – und gleichzeitig ein großes Ereignis“, schwärmt der Cottbuser. Immer mehr Zuschauer seien zum Sportplatz gekommen. „Die Atmosphäre war großartig“, so Weidlich.

Die Ghanaer schmerzt es sehr, dass ihre Nationalmannschaft, die „Schwarzen Sterne“ („Black Stars“), nicht bei der WM dabei war. Fußball ist das große Thema. Und deshalb weiß nicht nur Weidlichs Familie um Oma Masselina, wie es bei Energie Cottbus läuft. Es gibt überraschend viele Internetseiten, auf denen genau verfolgt wird, wie sich die Spieler mit ghanaischen Wurzeln schlagen. Die Berliner Boateng-Brüder Kevin-Prince und Jerome oder eben die Hamburger Weidlich-Brüder. Kevins älterer Bruder Denis Danso Weidlich (31) spielt beim südafrikanischen Champions-League-Club Bidvest Wits, früher war er in Rostock und Erfurt. „Er ist einer meiner wichtigsten Vertrauten, wir telefonieren täglich“, sagt Kevin Weidlich, der ein Familienmensch ist. Seine Söhne Orlando und Imani sind sein Stolz. Sie leben mit seiner Freundin Rilana in Hamburg – dass eines Tages geheiratet wird, ist für den Energie-Profi klar.

Für Weidlich ist es wichtig, sich wohlzufühlen. Deswegen hat er sich auch dafür entschieden, seinen Weg weiter beim FC Energie zu gehen. Er erklärt: „Einen Zusammenhalt wie in Cottbus habe ich wirklich noch nie erlebt.“ Dass der Verein ihm den Rücken stärkte, als es unschön wurde, rechnet Weidlich dem FCE hoch an. Beispielsweise in Nordhausen, als aus dem Cottbuser Block ein farbiger Spieler des Gegners mit Affenlauten bedacht wurde. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich das nicht getroffen hat. Aber die Reaktionen der Mannschaft, des Trainers oder des Präsidenten waren die Zeichen, die ich brauchte.“ Weidlich verfolgt die Debatte um die Nazi-Szene, die auch im Stadion der Freundschaft zugegen ist. Er erklärt: „Es gab bisher in Cottbus zwei, drei Situationen, in denen ich unangenehme Erfahrungen gemacht habe. Aber solche Menschen findest du auch in Hamburg oder Berlin, überall. Weil ich weiß, wie der Verein und die meisten Fans dazu stehen, kann ich damit umgehen.“

Und so blockte Weidlich vor den Aufstiegsspielen alle Anfragen anderer Clubs ab – davon gab es einige. „Es hätte sich für mich nicht richtig angefühlt, anderswo zu unterschreiben und zu wissen: Wenn es schiefgeht, bin ich weg“, sagt er und betont: „Mein großer Wunsch war es, dass wir als Mannschaft zusammenbleiben und in der 3. Liga gemeinsam zeigen, was in uns steckt.“

Weidlich lebt den Traum, den vieler seiner Freunde träumen. Einer seiner besten Kumpels, Kwasi „Otschi“ Wriedt, wie Weidlich in Hamburg geboren, spielt inzwischen beim FC Bayern und hat es in die ghanaische Auswahl geschafft. „Ich freue mich sehr für ihn“, sagt Kevin Weidlich, der bei der U20 auch mal Kandidat für die Nationalelf war – doch aus dem Kontakt wurde nichts. „Leider“ sagt Weidlich heute, der als 28-Jähriger ein Spätstarter in der 3. Liga ist. „Im Leben ist es nie zu spät“, glaubt Weidlich. Das würde Oma Masselina wohl auch so sagen. Außerdem hilft der Glaube. „Wir sind sehr religiös“, sagt der FCE-Profi, „meine Familie schließt mich immer in ihre Gebete ein.“ Und so gehen Kevin Weidlich und Energie Cottbus mit der Kraft der schwarzen Sterne in das Drittliga-Abenteuer – und dem fröhlichen Lächeln von Masselina Asubonteng.

In den Vorbereitungsspielen präparieren sich Kevin Weidlich und sein Team für das bevorstehende Drittliga-Abenteuer.
In den Vorbereitungsspielen präparieren sich Kevin Weidlich und sein Team für das bevorstehende Drittliga-Abenteuer. FOTO: Steffen Beyer
Auch im Urlaub in der zweiten Heimat hat der Energie-Profi regelmäßig trainiert, um zum Saisonstart fit zu sein.
Auch im Urlaub in der zweiten Heimat hat der Energie-Profi regelmäßig trainiert, um zum Saisonstart fit zu sein. FOTO: LR / Kevin Weidlich