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"Energie? Mein lieber Herr Gesangsverein!"

Cottbus. Zum FCE hat der Coach des Regionalliga-Aufsteigers eine ganz besondere Beziehung. Am Sonntag will er den Favoriten aber ärgern.

Energie Cottbus tritt am Sonntag (13.30 Uhr im RUNDSCHAU-Liveticker bei FuPa Brandenburg) bei Regionalliga-Aufsteiger Germania Halberstadt an. Deren Trainer Andreas Petersen hat eine ganz besondere Beziehung zum FCE. In der Lausitz wurde sein Sohn Nils Petersen (SC Freiburg) vom Talent zum Torjäger. Wenn Vater Petersen heute an Energie denkt, schnauft er: "Hallelujah!"

Andreas Petersen, wir haben Sie 2011 bereits einmal interviewt. Da freuten Sie sich mit Halberstadt aufs Regionalliga-Spiel gegen die zweite Mannschaft von Energie. Kaum vorstellbar, dass es nun gegen die Erste geht, oder?
Stimmt. Beim Absturz von Energie habe ich mitgelitten. Dieser Abstieg tut weh. Wir sind ja alles Ossis und halten zusammen. Energie ist zu wünschen, dass sie bald wieder in der 2. oder 3. Liga spielen. Doch der Weg ist sehr weit. Gegen uns haben sie ja auch noch nicht gewonnen. Wir haben uns für Sonntag etwas vorgenommen.

Energie ist aber sehr stark gestartet. Fünf Siege, 17:1 Tore.
Die Gegner waren ein Muss für Cottbus, wenn sie aufsteigen wollen. Klar haben die nun eine ganz breite Brust. Und ehrlich: Die haben auch eine Riesentruppe.

Damals im RUNDSCHAU-Interview sagten sie: "Energie wird für unsere Familie immer eine besondere Bedeutung haben."
Na klar, das ist auch immer noch so. Dort, wo unser Sohn gespielt hat, da schauen wir immer noch hin. Und in Cottbus hat Nils ja damals den Durchbruch geschafft. Ich denke sehr gern daran zurück.

Damals standen Sie oft am Cottbuser Trainingsplatz. Wie haben Sie Trainer Claus-Dieter Wollitz wahrgenommen?
Er lebt ja den Fußball. Und er hat Nils ja letztlich das Vertrauen gegeben. Aber auch unter Pele musste sich Nils ganz schön gedulden. Die beiden Rumänen Jula und Radu hatten ja ihre Qualität.

Dann soll es vor dem Spiel gegen Koblenz den Anruf gegeben haben: "Papa, ich will zurück nach Halberstadt."
Ja. Damals stand viel auf dem Spiel. Hätte Energie diese Partie verloren, wäre wohl einiges anders verlaufen. Ich habe Nils gesagt: "Kneif die Arschbacken zusammen." Dann wurde er eingewechselt, traf zum 1:1 und hatte von da an einen Lauf. Manchmal braucht man in der Karriere einfach auch das entscheidende Quäntchen Glück - als Profi, aber auch als Trainer. Aber Wollitz war damals der richtige Mann.

Nur damals?
Ganz ehrlich: Als Pele zurückgekehrt ist, habe ich gezweifelt, ob das funktioniert. Gerade in der Regionalliga ist es schwierig, wenn man die Liga nicht kennt. Hier wird ein anderer Fußball gespielt. Den muss man kennen und darf man nicht unterschätzen.

Was meinen Sie konkret?
Hier wird richtiger Männerfußball gespielt. Also: körperbetont. Man muss rennen und kämpfen, meistens entscheiden Kleinigkeiten. Aber wie gesagt, man darf auch das spielerische Niveau nicht unterschätzen. Das tun zwar die Mannschaften im Westen und in Bayern gern. Aber nicht umsonst steigen bei den Relegationsspielen meistens die Ost-Teams auf.

Schaffen die Cottbuser das auch?
Ich glaube, Pele hat aus dem ersten Jahr in der Regionalliga viele Schlüsse gezogen. Und er hat natürlich eine großartige Mannschaft. Viteritti, Weidlich, Marcelo de Freitas, Mamba - und jetzt auch noch Zimmer dazu. Mein lieber Herr Gesangsverein, die glänzen ja nicht nur im Eins gegen Eins - sondern auch im Eins gegen Zwei. Hallelujah! Das werden wir auch am Sonntag merken.

Sie haben damals zwangsläufig sehr viel Wollitz-Fußball mit Ihrem Sohn angeschaut. Inwieweit hilft das nun in der Vorbereitung?
Wir wissen natürlich, dass Pele sehr offensiv spielen lässt. Auf solche Spiele freuen wir uns. Wir wollen dagegenhalten, viele Nadelstiche setzen. Es gibt sicher einige Teams in der Liga, die uns dafür die Daumen drücken.

Wer sind Ihre Liga-Favoriten?
Energie sticht in der Liga heraus. Aber mit Lok, dem BFC oder Nordhausen sind weitere starke Teams dabei. Wie gesagt, in der Liga ist einiges möglich.

Bei Ihnen als Aufsteiger dürfte in diesem Jahr der Druck nicht allzu groß sein, oder?
Und ob. Der Druck ist riesengroß. Wir wollen nicht wieder absteigen. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass in diesem Jahr aus der 3. Liga zwei oder sogar drei Ost-Teams runter müssen. Und da wird es für uns auch sehr eng. Bisher ist in der Regionalliga kein Team zu erkennen, was hinten abfällt.

Wie sind die Bedingungen in Halberstadt? Ist eines Tages sogar mehr als Viertliga-Fußball möglich?
Sportlich haben wir sehr gute Bedingungen, aber wirtschaftlich gehören wir zum unteren Teil der Tabelle. Das ist kein Jammern, das sind die Realitäten. Unser Ziel ist es, jetzt erst einmal die nächsten drei Jahre stabil in der Regionalliga zu bleiben. Dann ist vielleicht eines Tages sogar mal mehr möglich.

Tom Nattermann hat sich bei Energie nicht durchgesetzt, spielt jetzt bei Ihnen im Sturm. Wie macht er sich?
Ein Spieler mit seiner Ausbildung ist für uns Gold wert. Er war bei RB Leipzig, Jena, Aue, Energie. Das hebt unsere Qualität, auch wenn er durch viele Täler gegangen ist. Wir müssen ihn wieder aufbauen, er muss Konstanz in seine Leistungen bekommen. Vielleicht gelingt ihm über den Umweg Halberstadt ja doch noch der Weg in den höherklassigen Fußball.

So wie Ihr Sohn Nils den Umweg Cottbus nehmen musste. Sprechen Sie mit ihm über das bevorstehende Spiel?
Na und ob! Das ist eines dieser Spiele, wo er nicht genau weiß, wem er die Daumen drücken soll. Aber ich denke schon, dass er dem Papa den Sieg wünscht.

Nils spielt am Samstag mit Freiburg gegen Dortmund. Hat er da vielleicht Sonntag Zeit für eine Stippvisite nach Halberstadt?
Nein, das geht nicht. Zumal Nils aktuell verletzt ist. Er kann gegen Dortmund nicht spielen und muss seine Reha machen. Da kann er nicht mal eben zum Trainer sagen: "Ich fahre sieben Stunden, um ein Regionalliga-Spiel zu sehen." Aber er weiß schon genau, wo er sich informieren muss. Meistens liest er ja den FuPa-Ticker.

Mit Andreas Petersen sprach Jan Lehmann

Zum Thema:
Nils Petersen kam im Januar 2009 als 20-Jähriger aus Jena zum FC Energie. In Cottbus spielte er zunächst bei der Reserve. Bei den Profis kam er unter Cheftrainer Bojan Prasnikar. Auch unter Trainer Claus-Dieter Wollitz musste sich Petersen gedulden. Erst in der Rückrunde der Saison 09/10 wurde er Stammspieler. 2010/11 schoss Petersen 25 Tore. Danach wechselte er für 2,8 Millionen Euro zum FC Bayern. Über Bremen landete der 28-Jährige schließlich in Freiburg. Dort ist er Publikumsliebling und bester Joker der Bundesliga-Historie.