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| 20:28 Uhr

Der FCE verliert seinen Kapitän
Energie und das Ende der Stein-Zeit

 Marc Stein (hier mit Sohn Ben auf dem Arm) kehrt zu seiner Familie nach Stuttgart zurück.
Marc Stein (hier mit Sohn Ben auf dem Arm) kehrt zu seiner Familie nach Stuttgart zurück. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. Energie Cottbus muss im Kampf um den Klassenerhalt in der 3. Liga ohne den Kapitän auskommen. Die Trennung trifft den Verein zur Unzeit. Die RUNDSCHAU erklärt, wie es jetzt weitergeht. Von Frank Noack

Marc Stein ist zwar eine Schlüsselfigur bei Energie Cottbus, doch sein Herz wohnt bei der Familie in Stuttgart, hatte die RUNDSCHAU vor zwei Wochen unmittelbar nach dem Start der Wintervorbereitung geschrieben. Nun hat sich der Kapitän entschieden: für sein Herz! Und gegen den FCE. Am Montagnachmittag vermeldete der Fußball-Drittligist die sofortige Auflösung des bis Juni 2019 laufenden Vertrages.

Diese Trennung ist auf den ersten Blick überraschend. Vor allem aber ist sie eine weitere Hiobsbotschaft im Kampf um den Klassenerhalt in der 3. Liga. Die RUNDSCHAU beleuchtet einige Details zum ­Abschied von Marc Stein.  ­Andere Fragen bleiben jedoch offen.

 Wie begründet Marc Stein seinen Wunsch nach sofortiger Vertragsauflösung?

Der 33-jährige Innenverteidiger führt familiäre Gründe an, ohne Details zu nennen. Seine Familie lebt in Stuttgart. „Es ist nicht einfach für mich, unsere Mannschaft und den Verein zu verlassen, doch manchmal gibt es wichtigere Dinge im Leben als den Fußball“, wird der Kapitän in der Vereinsmitteilung ­zitiert. „Ich möchte mich bei allen in der Lausitz bedanken und bitte ­darum, meinen Entschluss zu respektieren, aber ich muss auf mein Herz hören.“ Für weitergehende Stellungnahmen war er am Montag nicht zu erreichen.

Marc Stein absolvierte in den vergangenen zweieinhalb Jahren insgesamt 96 Pflichtspiele für Energie. Er war beim Neuaufbau in der Regionalliga nicht nur Kapitän, sondern auch Führungsspieler und Integrationsfigur. Im Mai führte der gebürtige Potsdamer das Team zurück in die 3. Liga. Er erzielte 13 Tore im rot-weißen Trikot – unter anderem mit gebrochener Nasen den jetzt schon legendären Treffer beim Sieg in Kaiserslautern.

 Wie reagiert Energie-Trainer Claus-Dieter ­Wollitz auf den Abschied des Kapitäns?

„Der Abgang von Marc Stein trifft uns sportlich sehr hart, doch seinen Entschluss müssen wir akzeptieren. Wir haben in den Tagen seit Weihnachten viele persönliche und sehr offene Gespräche mit Marc geführt, deren Inhalte wir vertraulich behandeln. Die Familie ist das höchste Gut, was ein Mensch hat. Und wenn mit Marc jemand auf uns zukommt, der so viel für uns geleistet hat, dann geht es vordergründig um den Menschen Marc Stein, der vollste Anerkennung und Respekt verdient hat.“

 Trainer Wollitz: „Als Mensch kann man Marc Stein nicht eins zu eins ersetzen.“
Trainer Wollitz: „Als Mensch kann man Marc Stein nicht eins zu eins ersetzen.“ FOTO: Steffen Beyer

Wollitz verliert seinen verlängerten Arm auf dem Rasen und eine Vertrauensperson. „Auch für mich persönlich ist das ein Verlust“, räumt der Coach gegenüber der RUNDSCHAU ein. Er geht davon aus, dass Stein zumindest bis Sommer bei keinem anderen Verein unterschreibt. Der Abgang des Kapitäns trifft den Verein zur Unzeit und ver­größert die Personalsorgen. Insgesamt acht Spieler sind derzeit verletzt.

 Warum sprach der Verein am Wochenende zunächst von einer Erkrankung?

Offenbar, um Zeit bis zur endgültigen Entscheidung zu gewinnen. Am Samstag beim 1:0-Sieg gegen den Zweitligisten 1. FC Magdeburg im letzten Testspiel vor dem Wiederbeginn in der 3. Liga fehlte Marc Stein. Als Grund gab Trainer Claus-Dieter Wollitz nach dem Spiel einen Virusinfekt an. Es gehe dem Kapitän nicht gut. Der Ausfall könne länger dauern, so Wollitz. Auf der Internetseite des Vereins wurde das Fehlen des Kapitäns überhaupt nicht thematisiert – weder vor noch nach dem Spiel. „Ich musste mich wegen der Nachfragen positionieren, wollte aber der Entscheidung nicht vorgreifen“, begründete Wollitz am Montag gegenüber der RUNDSCHAU diese Kommunikation.

Warum geht der Kapitän ausgerechnet fünf Tage vor dem Wiederbeginn in der 3. Liga von Bord?

Hinter den Kulissen liefen die Gespräche über eine mögliche Verlängerung des bis Sommer datierten Vertrages schon seit längerer Zeit. „Man macht sich Gedanken, aber entschieden ist noch nichts. Das wird sich sicher in den nächsten Monaten alles erledigen“, erklärte Stein am 6. Januar gegenüber der RUNDSCHAU. Wie sich jetzt herausgestellt hat – es liefen aber eben auch Gespräche über einen vorzeitigen Abschied. In der vergangenen Woche spitzte sich die Lage dann offenbar zu. Energie drängte auf eine Entscheidung, um sich im Fall der Fälle auf dem Transfermarkt nach Ersatz umschauen  zu können. Bis Ende Januar ist das Transferfenster im deutschen Fußball offen. An diesem Samstag geht es in der 3. Liga mit dem Heimspiel gegen den SV Wehen Wiesbaden weiter. Die Zeit drängt also.

 Wie will Energie den Verlust seines ­Kapitäns auffangen?

Es war bereits vorher klar, dass mehrere neue Spieler kommen ­sollen. Spieler, die keine bloße Ergänzung, sondern eine Verstärkung darstellen. Diesen Anspruch bekräftigte Wollitz nach dem Testspielsieg gegen Magdeburg noch einmal. Der neue Präsident Werner Fahle  hatte zuvor versichert, dass dank des Hauptsponsors, also der Sparkasse Spree-Neiße, auch ein entsprechendes Budget für Neuverpflichtungen vorhanden sei. Nun muss der Verein allerdings noch eine Nummer ­größer denken, um die Lücke zu schließen, die Marc Stein hinterlässt. „Als Spieler können wir ihn vielleicht  ersetzen. Als Mensch und Führungsfigur kann man einen Marc Stein dagegen nicht eins zu eins ersetzen“, ­betont Wollitz am Montagabend auf RUNDSCHAU-Nachfrage.

 Wie stehen die Chancen, schnell einen adäquaten Ersatz zu finden?

Die Suche ist schwierig. Erstens, weil andere Vereine neben einer besseren sportlichen Perspektive auch mehr Geld bieten können. Und zweitens, weil der FCE nach wie vor mit dem Standortnachteil im ­Osten des Landes zu kämpfen hat. „Es wird nicht einfach, einen bezahlbaren Spieler dieser Kategorie zu finden“, erklärt Wollitz.

Gelingt es Energie also, diesen Verlust aufzufangen? Von der Beantwortung dieser Frage dürfte auch abhängen, ob der Kampf um den Klassenerhalt am Ende erfolgreich ausgeht oder nicht. Diesen Kampf muss der FC Energie jetzt ohne seinen bis­herigen ­Kapitän ge­winnen.  Denn die Stein-Zeit in Cottbus ist seit Montag beendet.

 Zusammen mit den Fans bejubelte Marc Stein 2018 den Aufstieg.
Zusammen mit den Fans bejubelte Marc Stein 2018 den Aufstieg. FOTO: Steffen Beyer
 Der Kapitän als Antreiber: Bekannt für seine Führungsqualitäten, wird der 33-Jährige beim FC Energie eine ganz große Lücke reißen.
Der Kapitän als Antreiber: Bekannt für seine Führungsqualitäten, wird der 33-Jährige beim FC Energie eine ganz große Lücke reißen. FOTO: Steffen Beyer
 Auch mit Nasenbeinbruch schonte er sich nicht.
Auch mit Nasenbeinbruch schonte er sich nicht. FOTO: Christiane Weiland
 Auf Anhieb Kapitän und Torschütze – Marc Stein 2016.
Auf Anhieb Kapitän und Torschütze – Marc Stein 2016. FOTO: WORBSER-Sportfotografie