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| 18:34 Uhr

Wie geht es nach dem FCE-Abstieg weiter?
Energie Cottbus kämpft um das Überleben

 Auch Fabio Viteritti ist fassungslos. Ein einziges Tor fehlt dem FC Energie zum Klassenerhalt.
Auch Fabio Viteritti ist fassungslos. Ein einziges Tor fehlt dem FC Energie zum Klassenerhalt. FOTO: fotostand / Fotostand / Weiland
Cottbus. Energie Cottbus steigt erneut ab, weil beim 1:1 in Braunschweig ein einziges Tor zum Klassenerhalt fehlt. Der Verein muss jetzt möglichst schnell die Frage beantworten, ob eine Rückkehr in den Profifußball realistisch ist. Denn die wirtschaftliche Lage ist angespannt. Von Frank Noack und Jan Lehmann

„Es ist vor allem Leere da.“ Leere und Enttäuschung nach diesem schmerzhaften Abstieg, „der größten sportlichen Niederlage“, wie es Trainer Claus-Dieter Wollitz an diesem denkwürdigen Samstagnachmittag zusammenfasst. Am Ende des dramatischen Über­lebenskampfes in der 3. Fußball-Liga fehlt Energie Cottbus beim 1:1-Remis bei Eintracht Braunschweig nur noch ein Tor für den Klassenerhalt. Ein einziges Tor – aber es fällt nicht. „Es ist nicht zu fassen. Es tut mir für alle Fans leid, für uns leid“, erklärt Felix Geisler. Dem Mittelfeldspieler geht dieser zweite Abstieg nach 2016 besonders nahe, denn Geisler ist gebürtiger Lausitzer. Bei anderen ­Profis fließen ebenfalls Tränen, bei den über 2000 FCE-Fans sowieso.

Auch am Sonntagvormittag ist diese Leere immer noch allgegenwärtig. Wollitz hat der Mannschaft bis Dienstag freigegeben, um das Tor-Drama von Braunschweig zumindest einigermaßen zu verarbeiten. Denn am Samstag steht schließlich noch das Landespokal-Finale bei Optik Rathenow auf dem Programm, wo es neben Prestige vor allem um den Einzug in die lukrative 1. Runde des DFB-Pokals und damit um viel Geld geht.

Präsidium bespricht Szenarien

Der „Stolz der Lausitz“, wie sich Energie Cottbus gern bezeichnet, trägt Trauer – schon wieder. Die ­Folgen des zweiten Abstiegs innerhalb von drei Jahren sind noch nicht absehbar, weil die wirtschaft­l­iche Lage extrem angespannt ist. ­Während die Fans sich schon mal die Zugverbindungen nach Neugersdorf, Bischofswerda sowie zum Spiel bei Regionalliga-Aufsteiger Lichtenberg 47 in Berlin raussuchen sollten, muss die Vereinsführung um Präsident Werner Fahle die grundsätzlichen Weichen stellen.

Nach Informationen der RUNDSCHAU hat das Präsidium bereits am Samstagabend zusammengesessen. Erste Szenarien wurden schon in der vergangenen Woche durchgesprochen. Fahle berichtet: „Am Dienstag werden wir diese ­Planungen weiter untersetzen.“

Trainer Claus-Dieter Wollitz hatte bereits in Braunschweig drängende Fragen formuliert.  „Der Verein muss jetzt für sich festlegen: Wo will er hin? Will er zurück in den Profifußball? Der Profifußball kostet Geld. Das muss man ganz ehrlich sagen“, betont Wollitz und ergänzt: „Mit 800 000 bis eine Million Euro braucht man nicht in die Regionalliga gehen und dann den Leuten sagen, wir wollen aufsteigen. Diesen Druck hält kein Spieler aus. Du brauchst einen Etat von zwei bis zu 2,5 Millionen Euro – nur für die erste Mannschaft.“

Zum Vergleich:  In der laufenden Saison betrug der Etat für die Lizenzspielerabteilung etwa 3,5 Millionen Euro – in der 3. Liga wohlgemerkt. Durch den Abstieg in die Regional­liga fallen etwa 1,3 Millionen Euro an TV-Geldern sowie aus der Zentralvermarktung durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) weg.

Finanzielle Gratwanderung

Dabei muss der Verein schon seit dem Abstieg vor drei Jahren eine ­finanzielle Gratwanderung betreiben. Im Herbst 2016 drohte sogar der Kollaps, ehe der damalige Präsident Michael Wahlich mit privatem Geld in Höhe von 500 000 Euro das Finanzloch stopfte. Trotzdem bleibt es auch weiterhin ein schmaler Grat. Ins Trainingslager fährt das Profiteam schon seit sechs Vorbereitungsperioden nicht mehr. Ein solches Camp würde etwa 40 000 Euro kosten. Auch die im vergangenen Sommer eigentlich dringend notwendigen Investitionen in die Aufstiegs-Mannschaft, um sie tauglich für die 3. Liga zu machen, fielen aus. Der Verein entschied sich damals gegen ein finanzielles Risiko. Das Gehalt von Rückkehrer Dimitar Rangelov, der seit Oktober wieder für den FCE spielt, wurde von externen Sponsoren aufgebracht.

Abstieg in Braunschweig - Energie Cottbus versinkt im Tal der Tränen FOTO: Eibner-Pressefoto / EIBNER/Michael Taeger

Erschwerend kommen Probleme zwischen Ex-Präsident Wahlich auf der einen Seite und der Sparkasse als wichtigstem Geldgeber auf der anderen Seite hinzu. Erst im Januar, also zu Beginn der Rückrunde, stand dann Geld für Neuverpflichtungen zur Verfügung – also nach dem Rücktritt von Wahlich. Die vier neuen Spieler sind  zwar eine gute Investition. Sie kommt aber letztlich zu spät, um den Abstieg zu verhindern.

„Ich hoffe, dass in der größten sportlichen Niederlage jetzt Vernunft einzieht und auch die Erkenntnis, dass wir noch mehr zusammenzurücken müssen – und da meine ich nicht die Fans. Wir müssen im Verein gemeinsam mit externer Hilfe die Kräfte bündeln, um diesem Klub wieder eine Stärke zu geben“, appelliert Wollitz.

Ein Appell, der sich nicht nur an die Wirtschaft, sondern auch an die Stadt Cottbus und das Land richtet. Denn jetzt nach dem Abstieg dürfte auch die Stadionfrage noch dringlicher werden. Das Stadion der Freundschaft ist ein millionenschwerer Klotz am Bein des Vereins, der sich die dringend notwendigen Sanierungen und Modernisierungsarbeiten nicht leisten kann.

Die Ausgangsposition für den jetzt anstehenden Neuanfang ist genau genommen noch schwieriger als vor drei Jahren. Damals stieg der Verein zum ersten Mal vom Profi- in den Amateurfußball ab und schaffte es, eine Jetzt-erst-recht-Stimmung zu erzeugen. „Ich weiß nicht, ob der Klub nochmal die Voraussetzungen hat, erneut eine solche Aufbruch­stimmung zu erzeugen. Eine solche Aufbruchsstimmung geht nur über Menschen, Typen und über Zusammenhalt“, sagt Wollitz. Außerdem flossen vor drei Jahren nicht eingeplante Gelder, die der Verein zur Schuldentilgung nutzte. Durch den Wechsel des Ex-Cottbusers Maximilian Philipp vom SC Freiburg zu Borussia Dortmund kassierte Energie rund zwei Millionen Euro. Dazu kamen eigene Transfereinnahmen in Höhe von 800 000 Euro – zum Beispiel durch den Verkauf von Alexander Meyer zum VfB Stuttgart.

Einen derartigen Geldregen wird es diesmal nicht geben. Im Gegenteil: Durch den Abschied von der Braunkohle müssen sich viele Sponsoren sehr genau überlegen, wohin sie künftig  ihr Geld geben. Das Problem von Energie Cottbus: Mit dem Strukturwandel werden in den kommenden Jahren zwar viele Mittel in die Region fließen – aber der FCE benötigt jetzt und heute Geld, um in die Substanz der Mannschaft ­investieren zu können. Allerdings gilt es für den Verein auch, sich so zu positionieren, dass man von den Strukturwandel-Fördergelder pro­fitieren kann. „Es muss diesmal noch mehr passen als vor drei Jahren. Viel Zeit wird der Klub nicht mehr haben, um in den Profifußball zurückzukehren, vielleicht noch ein oder zwei Jahre“, warnt Wollitz.

Emotionaler Appell

Nach dem Abstieg 2016 war von vornherein klar: Wenn im ersten Jahr der Aufstieg noch nicht gelingt, dann hat der Verein die nötige Substanz für ein zweites Jahr, um erneut anzugreifen. Ob ein solcher Zwei-Jahres-Plan auch diesmal realistisch ist, müssen die Klub-Gremien jetzt erörtern. Am Sonntag schaute sich Präsident Werner Fahle den 4:1-Sieg der A-Junioren gegen Chemnitz an. Die Cottbuser Youngster stehen als Tabellenführer vor der Rückkehr in die U19-Bundesliga. „Das gibt ein bisschen Zuversicht für die bevorstehenden schwierigen Wochen“, meint Fahle.

Felix Geisler, der Lausitzer Junge im Team, will beim Neuaufbau in der Regionalliga mithelfen. Unmittelbar nach dem Abstieg in Braunschweig wandte er sich im sehr emotionalen RUNDSCHAU-Video-Interview mit einer tränenreichen Botschaft an Fans, Wirtschaft und die Politiker. „In der Region müssen sich alle da­rauf besinnen, was das für ein klasse Verein ist. Wer nach diesem Spiel in Braunschweig von Bord geht oder sich zurücknimmt, an den würde ich appellieren, hierzubleiben und dranzubleiben“, wirbt Geisler um Unterstützung. „Es wird vielleicht eine Weile dauern, das ganze Ding wieder hochzuschaukeln. Aber ich gebe das hier nicht auf.“