ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:14 Uhr

Vor drei Jahren erlebte Energie Cottbus ein Drama
Das Spiel, über das niemand gern spricht

 Mai 2016: Energie verliert am letzten Spieltag zu Hause gegen den FSV Mainz 05 II mit Daniel Bohl 2:3 und steigt ab.
Mai 2016: Energie verliert am letzten Spieltag zu Hause gegen den FSV Mainz 05 II mit Daniel Bohl 2:3 und steigt ab. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. Energie Cottbus will mit einem Sieg gegen Aalen am Samstag den Klassenerhalt perfekt machen. Vor drei Jahren endete der Versuch in einer ähnlichen Situation mit dem wohl größten Trauma in der Vereinsgeschichte. Jetzt gilt es, daraus zu lernen. Von Frank Noack

An diesem Samstag ist es also wieder soweit. Im Kampf um den Klassenerhalt in der 3. Fußball-Liga hängt für Energie Cottbus so viel von diesem letzten Heimspiel der Saison ab. Mit einem Sieg in der Partie gegen den VfR Aalen (13.30 Uhr, Stadion der Freundschaft) kann der FCE im besten Fall schon einen Spieltag vor dem Saisonende den Klassenerhalt feiern. Andernfalls droht eine Woche ­später ein  Zitterfinale bei Eintracht Braunschweig.

Nicht wenige Menschen in der Region fühlen sich in diesen Tagen an ein Trauma erinnert, das sich vor drei Jahren wie ein Messer in die rot-weißen Herzen gebohrt hat: Die 2:3-Heimniederlage gegen den FSV Mainz 05 II besiegelte am 14. Mai 2016 den Abstieg in die Regionalliga.

Die positive Variante des schmerzhaften Rückblicks lautet: Energie Cottbus hat schon damals eine Extremerfahrung gemacht. Die negative Variante des Rückblicks: Energie Cottbus hat damals eine Extremerfahrung gemacht. Denn der Schmerz des 2016er-Traumas ist zwar dank des Aufstiegs im vergangenen Sommer inzwischen erträglicher geworden. Eine Narbe in der rot-weißen Seele wird jedoch für immer bleiben. Und sie meldet sich gerade in diesen Tagen wieder.

Es ist das Spiel, über das niemand gern spricht. Auch Claus-Dieter Wollitz mag am Donnerstag nach dem Training nicht gern darüber ­reden. „Diese Diskussionen über die Vergangenheit bringen uns nicht weiter. Im Gegenteil – sie schaden uns, weil sie in den Köpfen etwas anrichten. Ich würde diese Fragen den ­Spielern gar nicht stellen“, appelliert er an die Journalisten.

Klar, es sind Fragen, die auch wir Journalisten nicht gern stellen, die aber irgendwie zu diesem Heimspiel am Samstag gegen Aalen dazuge­hören. Weil die Ausgangsposition zumindest vergleichbar ist: Der Klassenerhalt ist greifbar nahe – es fehlt eben noch der letzte Schritt.

Vor drei Jahren benötigte der FCE am letzten Spieltag gegen die ­Bundesliga-Reserve des FSV Mainz noch diesen einen, letzten Sieg. Und zunächst sah ja auch alles gut aus. ­Richard Sukuta-Pasu glich mit seinem Tor in der 57. Minute erst die Mainzer Führung aus und traf dann auch noch zur 2:1-Führung (78.). 13 841 Zuschauer lagen sich in den Armen und feierten den vermeintlichen Klassenerhalt. Bis der Mainzer Fabian Kalig eine Minute vor Schluss dem ganzen Stadion den Stecker zog! Ein Schuss, ein Tor – danach herrschte lähmendes Entsetzen. Auf dem Rasen. Auf den Rängen. Gefühlt stand die gesamte Lausitz seit diesem Schuss still.

Kurz danach kassierte Energie sogar noch ein weiteres Tor zum 2:3-Endstand. Aber diesen end­gültigen K.o. dürfte so mancher Fan vor lauter Tränen in den Augen gar nicht mehr gesehen haben.

 Mai 2019: Daniel Bohl kämpft mit Energie um den Klassenerhalt.
Mai 2019: Daniel Bohl kämpft mit Energie um den Klassenerhalt. FOTO: Steffen Beyer

Neben Trainer Claus-Dieter ­Wollitz war Daniel Bohl einer der Protagonisten dieses Dramas, ­allerdings auf der anderen Seite. Denn der 24-Jährige spielte 2015/16 für Mainz II. „Das war auch für uns damals keine schöne Situation. Man hat nach dem Spiel auf die Tribüne geschaut und dort die Menschen gesehen. Das gönnt man niemandem“, schaut Bohl zurück.

Der FC Energie ging damals mit dem Hochgefühl des 1:0-Erfolges bei Rot-Weiß Erfurt ins Zitterfinale – und stürzte brutal ab. Aktuell sorgt der jüngste 2:1-Erfolg beim KFC Uerdingen für Zuversicht. ­Heute wie damals stand der FCE nur hauchdünn über dem Strich.

Weitere Duplizität der Ereignisse: Genau wie für den schon als Ab­steiger feststehenden VfR Aalen ging es auch für Mainz vor drei Jahren nur noch um die Ehre. Als Tabellen-14. hatte man den Klassenerhalt bereits in der Tasche. Aber diese Ehre reichte aus, um in Cottbus zu gewinnen.

Mitleid mit dem gerade abge­stiegenen Kontrahenten? Mitleid ist wohl das falsche Wort. „Man geht nicht auf den Platz und sagt sich: ,Wir machen heute mal halblang, weil wir wollen, dass der ­Gegner nicht absteigt“, versichert Daniel Bohl. „Das klingt hart, aber über den Gegner macht man sich in dieser Situation keinen Kopf. Als Fußballer gibt man immer Vollgas.“

Inzwischen gibt Bohl Vollgas für Energie Cottbus. Mit der gelegentlichen Frotzelei wegen seines damaligen Einsatzes auf der anderen Seite hat er sich seit dem Wechsel in die Lausitz im Januar 2019 arrangiert. Ab und zu habe er sich „schon was anhören müssen“, schmunzelt Bohl: „Als ich im Training mal einen Elfmeter verschossen habe, hat der Trainer zu mir gesagt: ‚Das war für damals‘“.

Dabei will auch Daniel Bohl in diesen Tagen eigentlich gar nicht so viel über dieses Damals sprechen. „Es muss raus aus den Köpfen. Wir haben jetzt 2019 und wollen jetzt den Klassenerhalt schaffen“, findet er und verweist auf einen wichtigen Unterschied: Es wird am Samstag eine komplett andere Mannschaft auf dem Rasen stehen als im Mai 2016.

Zumindest rein von den Namen her darf man das in jedem Fall so unterschreiben. Vom 18er-Kader des Mainz-Spiels sind nur drei Profis übriggeblieben. Torhüter Avdo ­Spahic erlebte das ­Drama als zweiter Mann hinter ­Daniel Lück von der Bank aus. Philipp Knechtel und ­Felix Geisler versuchten auf dem Rasen zu verhindern, was letztlich doch im vielleicht größten Trauma der Vereins­geschichte endete.

Während Knechtel und Geisler angeschlagen sind, wird Spahic am Samstag hochmotiviert zwischen den Pfosten stehen. Und auch Daniel Bohl besitzt gute Chancen auf einen Einsatz in der Startelf. Zumal der gebürtige Saarländer ja ganz genau weiß, wie der VfR Aalen am Samstag im Stadion der Freundschaft auflaufen wird. „Wie gesagt: Als Fußballer gibt man in jedem Spiel Vollgas. Aalen wird sich hier nicht abschießen lassen wollen“, warnt der gebürtige Saarländer.

Wenn diese Erkenntnis auch am Samstag ab 13.30 Uhr im Stadion der Freundschaft auf dem ­Rasen und auch auf den Rängen bei jedem Einzelnen präsent ist – dann hätte es sich vielleicht doch gelohnt, noch einmal über das Spiel zu reden, über das ­eigentlich niemand gern spricht.