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Fussball
Kein Arbeitssieg – aber ein Sieg mit Arbeit

FCE-Mittelfeldspieler Maximilian Zimmer (r.) bereitete das Tor des Tages durch Gabriel Boakye mit einem feinen Pass vor.
FCE-Mittelfeldspieler Maximilian Zimmer (r.) bereitete das Tor des Tages durch Gabriel Boakye mit einem feinen Pass vor. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. Energie Cottbus holt gegen Viktoria Berlin einen weiteren Dreier. Einfach fällt dem Tabellenführer dieses 1:0 (1:0) jedoch nicht. Wegen der Probleme in der Offensive muss Trainer Wollitz kurios wechseln. Von Frank Noack

Das Fazit von Abwehr­spieler Lasse Schlüter fiel kurz und bündig aus. „Wir haben 1:0 ge­wonnen. Wir haben wieder drei Punkte geholt. Also, Ziel erreicht“, erklärte er nach dem Heimerfolg von ­Tabellenführer Energie Cottbus gegen Viktoria Berlin am Samstag vor 4215 Zuschauern. Das Tor des Tages durch Youngster Gabriel Boakye in der 35. Minute stand dabei irgendwie exemplarisch für die beiden verschiedenen Halbzeiten in dieser Regionalliga-Partie. ­Fabio Viteritti hatte den Ball auf der ­linken Außenbahn klasse zu Maximilian Zimmer durchgesteckt. Zimmer schnippelte den Ball ins Zentrum, dort drosch ihn Boakye aus Nah­distanz unter die Querlatte. „Das kann man schon mal so spielen. ‚Gabi‘ musste den Ball ja nur noch über die Linie ­drücken“, grinste Zimmer über seine ­filigrane Vorarbeit, die Boakye rustikal vollendete.

Erst filigran, danach rustikal – so in etwa liefen auch diese 90 Mi­nuten bei nasskaltem November-Wetter im Stadion der Freundschaft. In der 1. Halbzeit dominierte Energie den Kontrahenten aus der Hauptstadt beinahe nach Belieben. Im Stile ­einer Handball-Mannschaft wurde Viktoria am eigenen Strafraum eingeschnürt. In der 2. Halbzeit war Energie dann zunächst nicht mehr so konzentriert und leistete sich ­immer wieder schnelle Ballver­luste. Allerdings konnten die Gäste mit diesen Räumen wenig anfangen, zumal Berlins Torjäger Abu ­Bakarr Kargbo – er hat schon zehn Mal ­getroffen – wegen muskulärer Pro­bleme erst kurz vor Schluss eingewechselt wurde.

„Die Führung nach der 1. Halbzeit war verdient, weil wir in der Rückwärtsbewegung fast nichts zugelassen haben“, erklärte Energie-Coach Claus-Dieter Wollitz. „Zu Beginn der 2. Halbzeit hatten wir zu viele Ballverluste. Danach haben wir uns aber wieder reingebissen, sodass der Sieg in Ordnung geht.“

Sein Berliner ­Trainer-Kollege ­Thomas Herbst sah es ähnlich: „Cottbus hat in der 1. Halbzeit viel Druck gemacht, darauf waren wir eingestellt. Das Ergebnis zur Pause geht in Ordnung. In der 2. Halbzeit hat man gesehen, dass wir hier was holen wollten. Aber wir waren nicht zwingend genug.“

Es war ein Sieg in einem durchschnittlichen Spiel, das in der Vereinschronik sicher nicht auf den vorderen Seiten auftauchen wird, obwohl es der achte Heimerfolg im achten Spiel war. Und dennoch: Gegen die Einstufung als Arbeitssieg wehrten sie sich am Samstagnachmittag im rot-weißen ­Lager   mit Nachdruck. „Arbeitssieg? In der 1. Halbzeit war das doch ­richtig gut“, befand Fabio Viteritti. „Da ­haben wir viel Druck gemacht“, ergänzte Maximilian Zimmer.

Energie Cottbus - Viktoria Berlin FOTO: Von Steffen Beyer

Obwohl der Tabellenführer viel Arbeit mit diesem Sieg hatte, sprechen in der Tat zwei weitere ­Gründe gegen die Einstufung als Arbeitssieg. Erstens: Mit Viktoria Berlin stellte sich immerhin der Tabellensiebte im Stadion der Freundschaft vor. Dass Energie diesen Gegner in der 1. Halbzeit so deutlich dominierte, ist natürlich ein Qualitätssiegel. Zweitens musste Energie aufgrund der akuten Verletzungssorgen in der Offensive auch diesmal ohne echten Stürmer auskommen. Dass trotzdem der nächste Dreier eingefahren wurde, ist ebenfalls keine Selbstverständlichkeit der Marke Arbeitssieg.

„Wir können in der aktuellen ­Situation nicht so viele Chancen produzieren, weil wir im Angriff nicht nachlegen können. Umso zufriedener bin ich, dass ein Tor aus­gereicht hat“, sagte Trainer Wollitz.

Mit dem erst 19-jährigen Ga­briel Boakye hat Energie derzeit nur ­einen einzigen Stürmer zur Ver­fügung. Wie akut das Problem ist, zeigte sich trotz des Tores von Boakye auch gegen Viktoria Berlin. Denn speziell in der 2. Halbzeit hätte Energie ein frischer Angreifer gut zu Gesicht gestanden. „Es wäre gut gewesen, wenn wir in dieser Phase das Spiel von der Taktik her noch einmal hätten verändern können“, räumte Wollitz ein. Konnte er aber nicht, weil es an stürmendem Personal auf der Ersatzbank fehlte. Der Trainer muss sich in dieser Situation vorgekommen sein wie ein Jäger, der zwar weiß, wie er das Wild zerlegen muss, dem aber schlicht und einfach das Messer dazu fehlt. Da passte es ins Bild, dass Wollitz kurz vor Schluss notgedrungen ­Marcel Baude als Sturmspitze anstelle von Boakye brachte. Kurios: Baude ist genau wie der Youngster ebenfalls gelernter Rechtsverteidiger.

Gut, dass Energie am Samstag zwar ohne echten Angreifer spielte, die Gäste aus Berlin aber sogar weitgehend ohne eigenen Angriff auf­traten. Denn die Durchschlagskraft von Viktoria war überschaubar.

Klar ist aber auch: Ein Dauer­zustand kann diese Improvisation im Angriff nicht sein, wenn es mit dem Traum vom Aufstieg klappen soll. Das weiß auch Trainer Wollitz. Sein Ziel mit dem aktuellen ­Kader sind noch mindestens sieben ­Punkte aus den verbleibenden drei Partien in diesem Jahr: „Dann ­haben wir alle Chancen auf die Meisterschaft und können in der Winterpause noch einiges korrigieren.“

Soll heißen: Dann müssen zusätzliche Stürmer verpflichtet werden.