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| 12:15 Uhr

Vorm Pokal-Kracher: FCE-Held erinnert sich an Sensation vor 19 Jahren
Sebök: „Das Tor gegen Bayern war der stolzeste Moment meiner Karriere“

 Der stolzeste Moment in der Karriere des Vilmos Sebök: Der Mann mit der Halskette besiegt die Bayern.
Der stolzeste Moment in der Karriere des Vilmos Sebök: Der Mann mit der Halskette besiegt die Bayern. FOTO: Imago Sportdienstfoto GmBH
Cottbus. Vor 19 Jahren trifft Vilmos Sebök zum Sensationssieg von Energie Cottbus gegen Bayern München. Zum Pokalkracher am Montag spricht der Ungar über den „stolzesten Moment meiner Karriere“, einen witzigen Ausrutscher – und eine seltsame Stimme im Kopf. Von Steven Wiesner

Es ist einiges los im ersten Oktober nach der Jahrtausendwende. Michael Schumacher fährt seinen dritten Formel 1-Titel heraus. Rednex stürmt mit „The Spirit of the Hawk“ an die Spitze der deutschen Charts. Und dem slowenischen Extremskifahrer Davorin Karnicar gelingt als erstem Menschen überhaupt die vollständige Abfahrt vom Mount Everest. Energie Cottbus derweil bezwingt am 14. Oktober 2000 seinen ganz eigenen Mount Everest – und schlägt im ersten Bundesliga-Jahr tatsächlich den großen FC Bayern München. Das goldene 1:0 gegen den Deutschen Meister besorgt ein junger Ungar, der erst ein paar Monate in Cottbus ist, aber nur einen Schuss braucht, um sich für immer in die Vereinschronik zu schießen. Sein Name: Vilmos Sebök.

„Dieses Tor war das wichtigste in meiner Karriere und auch mein stolzester Moment“, erklärt Sebök heute gegenüber der RUNDSCHAU. ­„Etwas Vergleichbares habe ich nur im Länderspiel gegen Liechtenstein erlebt, als ich einen Hattrick für mein Land erzielen konnte.“

Ein Tor wie ein Hattrick. Und ein Sieg wie eine Meisterschaft. Der ­Triumph gegen den Branchenprimus macht die Lausitz zum unbeschwertesten Ort der Welt und lässt die Menschen glauben, dass man alles schaffen kann im Leben. Die erfolgsverwöhnten Bayern einmal ärgern zu dürfen, hätten sie im Traum nicht für möglich gehalten. Zwar werden die Münchener am Ende der Saison im verrücktesten Bundesliga-Finale aller Zeiten die Meisterschale verteidigen und später auch die Champions League gewinnen. An diesem Samstagabend aber verlassen Uli Hoeneß und die großen Bayern das Stadion der Freundschaft wie begossene Pudel – und die kleine Lausitz ist obenauf.

Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld, der seine Mannschaft eine Woche vorher schon zuhause gegen Hansa Rostock hat verlieren sehen, wird später von der „Aufbauhilfe Ost“ sprechen. Und FCE-Kapitän Christian Beeck sagt: „Wir haben Spieler aus tausend Nationen, aber auf dem Platz waren wir eine Einheit.“

Auch der Konter in der 14. Minute, der den Sebök-Moment einleitet, ist ein Gemeinschaftswerk. Aus dem Mittelkreis spielt Sebastian Helbig den Ball auf den linken Flügel, wo Antun Labak Bayern-Verteidiger Patrick Andersson ins Dribbling und Oliver Kahn zu einer Parade zwingt. Doch Bruno Akrapovic schnappt sich den Abpraller und legt den Ball klug zurück auf die Fünfmeterraumlinie – hier steht Vilmos Sebök nun allein vor dem leeren Tor. Und mit seinem Treffer für die Ewigkeit wird der Mann mit der schwarzen Halskette unsterblich. Während sich an die Namen anderer Energie-Verteidiger wie Janos Matyus, Savo Pavicevic oder Ivan Radeljic nur noch Statistikfreunde erinnern können, bleibt sein Name für immer mit einem der größten Momente der Lausitzer Sportgeschichte verbunden.

Wie oft er Akrapovic für diese geniale Vorlage gedankt habe? „Es ist witzig“, sagt Sebök heute. „Aber ich bin nicht nur Akrapovic dankbar für die Vorlage, sondern auch Sebastian Helbig. Der ist nämlich im entscheidenden Moment vor mir ausgerutscht und hat mir so erst die Chance gegeben, den Ball an Oli Kahn vorbei ins Tor zu schießen.“

In seinen 44 Bundesliga-Partien hat der Libero nicht so oft getroffen, wie er gerne gewollt hätte. „Während meiner Karriere habe ich fast 50 Tore erzielt, in der Bundesliga aber nur drei. Das ist ein kleiner Makel.“ Ausgerechnet gegen die Bayern aber klappt es. Sebök: „Das Tor war auch ein seltsames Gefühl, denn ich erinnere mich, dass ich in meinem Kopf eine Stimme hörte, die mir sagte, ich solle mich beim Konter miteinschalten. Ich gehorchte – und es war eine perfekte Entscheidung.“

19 Jahre lebt der inzwischen 46-jährige Fußballpensionär wieder in seiner ungarischen Heimat und verfolgt seinen Ex-Club aus der Ferne. „Ich bin enttäuscht über die Entwicklung des Vereins", sagt Vilmos Sebök. Aber: „Die Tradition, die Lausitzer Fans und die Atmosphäre im Stadion der Freundschaft werden Energie helfen, neue Ziele zu erreichen." Und die Bayern? „Auch das ist für mich keine Mission Impossible", sagt er. "Wir haben gezeigt, wie man Bayern schlagen kann.“

  Vilmos Sebök arbeitet als Experte im ungarischen Fernsehen.
Vilmos Sebök arbeitet als Experte im ungarischen Fernsehen. FOTO: privat