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| 09:53 Uhr

Die Energie-Mannschaft fällt auseinander
Ein Pfiff, ein Tor – und alles zerbricht

 Energie-Trainer Claus Dieter Wollitz und einige FCE-Spieler beschweren sich beim 1:1 in Braunschweig bei Schiedsrichter Daniel Schlager.
Energie-Trainer Claus Dieter Wollitz und einige FCE-Spieler beschweren sich beim 1:1 in Braunschweig bei Schiedsrichter Daniel Schlager. FOTO: Eibner-Pressefoto / EIBNER/Michael Taeger
Braunschweig. Ein einziger Treffer fehlt Energie Cottbus zum Klassenerhalt in der 3. Liga. Viele Leistungsträger werden den Verein verlassen. Trainer Wollitz will aber einige wichtige Stützen halten. Wer geht - wer bleibt? Von Jan Lehmann und Frank Noack

Es ist ein brutaler Blick durchs Brennglas. Wer nachempfinden will, wie knapp Energie Cottbus am Samstag beim 1:1 gegen Eintracht Braunschweig den Klassenerhalt in der 3. Fußball-Liga verpasst hat, der muss sich nur noch einmal die Situation vor dem Gegentor anschauen: Braunschweigs Marcel Bär stoppt im Strafraum eine Flanke mit dem Oberarm und zieht ab. Der Cottbuser Tim Kruse macht einen Ausfallschritt, reißt dabei den Arm nach vorn und bekommt den Ball aus etwa zwei Metern Entfernung an die Faust. Zwei Handspiele innerhalb weniger Sekunden. Alles knapp und mit bloßem Auge kaum zu erkennen.

Schiedsrichter Daniel Schlager entscheidet dennoch auf Elf­meter, davon sind selbst die Braunschweiger überrascht. Der gesperrte Eintracht-Verteidiger Benjamin Kessel gibt bei „MagentaSport“ zu: „Eine fragwürdige Entscheidung.“ FCE-Profi Lasse Schlüter berichtet später: „Der Linienrichter hat auch darauf hingewiesen, dass er es ­anders gesehen hat. Aber der Schiri hat sich nicht umstimmen lassen.“

Ein Pfiff, der für Energie Cottbus dieses Spiel und damit die komplette Saison zerstört. Mehr noch: Durch den Abstieg zerbricht aller Voraussicht nach eine Mannschaft, die den FC Energie in zwei mühevollen Regionalliga-Jahren und den beiden Aufstiegsspielen gegen Flensburg wieder in die 3. Liga gebracht hatte. Und die dort mit Siegen gegen Kaiserslautern, Wehen Wiesbaden, Rostock, Halle oder Uerdingen eigentlich ihre Drittliga-Tauglichkeit nachgewiesen hat.

Nur sieben Spieler haben aktuell einen Vertrag für die Regionalliga. Dass Tim Kruse seine Karriere beendet, war klar – der Abgang von Streli Mamba ebenfalls. Nun werden wohl weitere Leistungsträger wie Marcelo, Kevin Weidlich, Fabio Viteritti oder José-Junior Matuwila anderswo in der 3. Liga ihr fußballerisches Glück suchen. Ein wichtiger Mann war schon im Winter gegangen: Kapitän Marc Stein. Ironie des Schicksals: Der 33-Jährige stieg mit dem VfB Stuttgart II ebenfalls ab und spielt künftig in der Oberliga.

Zu spät hatte sich Energie mit Erfahrung verstärkt, und die Verträge von Jürgen Gjasula und Robert Müller hätten sich auch nur im Fall des Klassenerhalts verlängert. Trainer Claus-Dieter Wollitz würde die beiden Routiniers gern als Führungsspieler behalten, betont aber: ­„Eigentlich gehe ich nicht davon aus, dass sie sich die Regionalliga antun wollen.“

Auch Daniel Bohl sieht Wollitz als ­„idealen Spieler für die Regionalliga Nordost“, Dimitar Rangelov würde er ebenfalls gern halten. Doch sind diese Spieler bereit für die ­Knochentour? Wollitz befürchtet: „Es kann passieren, dass wieder eine komplett neue Mannschaft aufgebaut werden muss.“ Und das alles wegen nur eines einzigen ­fehlenden Treffers, den Energie irgendwo ­zwischen Großaspach, Jena und Meppen liegen gelassen hat.

Schiedsrichter Schlager den Vorwurf zu machen, mit seinem Pfiff für den Abstieg gesorgt zu haben, ist zu einfach. Trainer Wollitz verdeutlicht: „Wir hatten 38 Spieltage Zeit. Deshalb sollte man nicht nur auf dieses letzte Spiel schauen und auch nicht auf unglückliche Schiedsrichter-Entscheidungen – es ist vorbei. Wir haben es leider nicht über die Ziellinie gebracht.“

Den Vorwurf, den Klassenerhalt am Samstag verpasst zu haben, kann man den Cottbusern kaum machen. Nach der umstrittenen Braunschweiger Führung durch Marc Pfitzners Elfmeter (30.) nimmt ein vogelwildes Spiel seinen Lauf. Beide Mannschaften stehen am Rande der Viertklassigkeit, weil sich Jena und Großaspach zeitgleich mit klaren Siegen aus dem Abstiegskampf verabschieden.

Cottbus muss volles Risiko gehen, in der Pause öffnet Trainer Wollitz das Visier vollends. Mit Daniel Bohl und Tim Kruse nimmt er zwei defensive Absicherungen raus und bringt mit Luke Hemmerich und Fabio Viteritti zwei weitere Spieler aus der Abteilung Attacke. Viterittis Ausgleich (57.) – ebenfalls per Handelfmeter – lässt die Fußball-Lausitz und die mehr als 2000 mitgereisten Fans wieder hoffen: Energie drückt, nur ein Tor, und Cottbus bleibt drin.

Doch dieser Treffer fällt nicht mehr. Die Cottbuser sinken zu Boden, der Abpfiff trifft sie wie ein Schlag. Es fließen viele Tränen, auch Vereinspräsident Werner Fahle ist ergriffen. Er versucht den Abstieg mit Fassung zu nehmen: „Es ist ­bitter, dass wir mit 45 Punkten  nicht in der Liga bleiben. Aber so ist eben der Fußball.“ Manchmal einfach ziemlich brutal.

 José-Junior Matuwila (hinten) wird den Verein wohl verlassen.
José-Junior Matuwila (hinten) wird den Verein wohl verlassen. FOTO: imago images / Eibner / via www.imago-images.de