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Energie bejubelt Böhme-Effekt

Sven Michel nahm sich früh ein Herz und traf nach drei Minuten zum 1:0. Das war die Initialzündung für sein Team.
Sven Michel nahm sich früh ein Herz und traf nach drei Minuten zum 1:0. Das war die Initialzündung für sein Team. FOTO: ctr1
Cottbus. Der neue Trainer Jörg Böhme hat es geschafft: In seinem ersten Spiel gewann Energie Cottbus am Freitagabend mit 1:0 (1:0) gegen den 1. FC Kaiserlautern. Cottbus jubelt über den Böhme-Effekt. Und hofft, dass dieser Erfolg die Trendwende bedeutet. Jan Lehmann und Frank Noack

Die letzten Sekunden waren eine Qual, ein Zitterspiel für alle Beteiligten. Dann pfiff Schiedsrichter Fischer die Partie ab und im Stadion feierten die Glückshormone rot-weißen Karneval. Auch ein paar Tränen waren in der Cottbuser Freudentraube dabei. Auf diesen Jubel hat man in der Lausitz seit einem halben Jahr gewartet: Dank des Treffers von Sven Michel (3.) holte Energie jenen Sieg, dessen scheinbare Unerreichbarkeit eine ganze Region in die Fußball-Depression gestürzt hatte.

Trainer Jörg Böhme flüchtete angesichts der überschwappenden Emotionen erst einmal in die Kabine und gab später zu: "Das war ein besonderer Moment - für den ganzen Verein." Er berichtete von Spielern, die "bis zu den Ohren strahlen". Seine Mannschaft habe alles rausgehauen und sich endlich belohnt, so Böhme.

In Cottbus hatte man in Anlehnung an die Wiederauferstehung des HSV in der 1. Liga auf eine Art Slomka-Effekt gehofft. Und dann erlebten die 8255 Zuschauer tatsächlich den Böhme-Effekt. Mit Co-Trainer René Rydlewicz hatte er tief in die Motivationskiste gegriffen: Andere Trikots, andere Trainerbank, die Aufstellung erst eine Stunde vor Anpfiff. Doch der neue Trainer setzte nicht nur auf Aberglauben. Er impfte den Profis auch eine neue Einstellung ein. Kapitän Uwe Möhrle berichtete: "Die Grundbotschaft war: Wir sollen den Fußball nicht komplizierter machen, als er ist."

So einfach kann es manchmal sein. Aber mit seinen Änderungen bei Personal und Taktik zeigte Böhme auch mehr Mut als zuletzt sein Vorgänger Stephan Schmidt. Böhme verzichtete auf Keeper Robert Almer und Amin Affane. Neuzugang Fanol Perdedaj musste auf die Bank.

Die Rückkehr des zuletzt auf die Tribüne verbannten Boubacar Sanogo war ein weiteres Zeichen. Böhme hatte zuvor angekündigt: "Wir nehmen nur Leute in den Kader, von denen wir überzeugt sind."

Die Cottbuser störten Kaiserslautern von Beginn an und Sven Michel nahm sich gleich ein Herz. Sein Knaller unter die Latte zum 1:0 war die Initialzündung. Der Torschütze jubelte: "Dieser Sieg war so wichtig für uns." Für das ersehnte Ende der Negativserie von 13 sieglosen Spielen mussten die Lausitzer einige Gemetzel mit der Gäste-Offensive um den kantigen Idrissou überstehen. Die Cottbuser warfen sich dabei in jeden Ball.

Ex-Trainer Petrik Sander lobte bei "Sky": "Es war ein ganz anderes Auftreten mit viel mehr Leidenschaft." Der ehemalige Cottbuser Aufstiegscoach berichtete zudem von guten Gesprächen mit FCE-Präsident Ulrich Lepsch, deren Inhalt er aber "noch" für sich behalten wolle. Lepsch sucht bekanntlich nach einer langfristigen Lösung für die Trainerbank. Mit diesem Sieg dürfte auch Böhme seine Chancen auf diesen Job deutlich verbessert haben.

Nach dem Wechsel war es für seine Elf eine Willensfrage - und sie hielt dem Druck stand. Marco Stiepermann konstatierte euphorisch: "Wir haben einen Megafight geliefert." Und Ivica Banovic bekundete mit leuchtenden Augen: "Dieser Sieg tut gut, wir können endlich wieder lachen."

Der Erfolg war eine spürbare Erlösung - ist er nun auch der Beginn einer Aufholjagd?

Zum Thema:
Gewinner: Jörg Böhme hat Energie wieder Leben eingehaucht. Statt auf taktische Kniffe setzte er auf die Köpfe. So brachte er unter anderem mit Sanogo, Jendrisek und Rivic drei Ex-Lauterer, die wie ihre Kollegen aufopferungsvoll kämpften. Verlierer: Robert Almer musste das Spiel von der Tribüne aus anschauen. Für ihn saß der erst 17-jährige Fritz Pflug auf der Energie-Bank. Für Almer ist diese Degradierung der Tiefpunkt seines Engagements in Cottbus.