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Ein Märchen aus einer anderen Zeit

Giovane Elber überwindet Kay Wehner – das war das entscheidende 2:0 für den VfB Stuttgart. Trotzdem hat der damalige FCE-Keeper noch heute schöne Erinnerungen an diesen großen Tag für den FC Energie Cottbus.
Giovane Elber überwindet Kay Wehner – das war das entscheidende 2:0 für den VfB Stuttgart. Trotzdem hat der damalige FCE-Keeper noch heute schöne Erinnerungen an diesen großen Tag für den FC Energie Cottbus. FOTO: Beyer
Cottbus. Heute vor 20 Jahren trat Energie Cottbus im Finale des DFB-Pokals gegen den VfB Stuttgart an. Der damalige Torhüter Kay Wehner erinnert sich ans ausverkaufte Olympiastadion, die große Chance vom Fußballgott und ein Käse-Lächeln. Frank Noack

Es klingt irgendwie wie ein rot-weißes Märchen - und doch ist alles wahr. Knapp zehn Millionen TV-Zuschauer haben kürzlich das DFB-Pokalfinale zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt gesehen. 75 000 Fans waren im Berliner Olympiastadion live dabei. Was für eine gigantische Bühne! Vor genau 20 Jahren hat der FC Energie Cottbus ebenfalls auf dieser Bühne gespielt. In Berlin. Im Olympia-Stadion. Im Pokalfinale.

Auch Kay Wehner muss sich in diesen Tagen öfter mal kneifen, wenn er an das 97er-Fußballmärchen denkt. Was davon geblieben ist? "Vor allem eine Riesenportion Stolz", sagt Wehner. Er stand damals bei der 0:2-Niederlage gegen den VfB Stuttgart im Energie-Tor. "Es können nicht so viele Fußballer sagen, dass sie schon ein DFB-Pokalfinale gespielt haben", erklärt der inzwischen 45-Jährige.

Vor exakt 20 Jahren, am 14. Juni 1997, wurde das Fußballmärchen wahr. Energie Cottbus spielte in der Regionalliga, damals die dritthöchste Spielklasse. In das Duell mit dem VfB Stuttgart ging die Mannschaft von Eduard Geyer als krasser Außenseiter. Auf der einen Seite Wehner, Jens Melzig, Detlef Irrgang & Co. Auf der anderen Seite das legendäre "magische Dreieck" mit Fredi Bobic, Krassimir Balakov und Giovane Elber. Am Ende setzte sich der Favorit dank der beiden Tore von Elber relativ souverän durch. Energie fuhr zwar ohne den Pokal zurück nach Cottbus, aber immerhin mit vielen tollen Erinnerungen.

Blättern wir das Geschichtsbuch also noch einmal auf! Dabei ist das Endspiel im Grunde genommen eine "schöne Zugabe", wie es Wehner formuliert. Denn zwei Wochen zuvor hatte der FCE im zweiten Relegationsspiel gegen Hannover 96 den Aufstieg in die 2. Bundesliga und damit den erstmaligen Sprung auf die Landkarte des deutschen Profifußballs geschafft. Danach wurde natürlich kräftig gefeiert. "Vielleicht war dadurch bei uns die ganz große Spannung raus", vermutet Wehner im Rückblick.

Das Abenteuer Pokalfinale beginnt für den Torhüter und seine Mitspieler natürlich schon lange vor dem Anpfiff am Samstagabend im Olympiastadion. Während Energie in der Regionalliga-Saison 1996/97 gegen Teams wie Altmark Stendal, Hertha Zehlendorf oder den FSV Velten gespielt hatte, schaut jetzt plötzlich ganz Fußball-Deutschland auf den Außenseiter aus der Lausitz. Wehner erinnert sich mit einem Schmunzeln an die vielen Presse- und Sponsorentermine. "Einmal mussten wir für irgendeine Käsesorte in die Kamera lächeln. Worum es da genau ging - ich weiß es nicht mehr", meint der gebürtige Eisenhüttenstädter.

Bei der taktischen Vorbereitung auf das "magische Dreieck" der Stuttgarter kennt Eduard Geyer wie immer kein Pardon, jedes Detail ist ihm wichtig. An die Generation Laptop-Trainer, wie Mehmet Scholl die aktuelle Gilde der modernen Fußballlehrer mal kritisiert hatte, war damals noch nicht zu denken. Bei Geyer hängen stattdessen immer Zettel in der Kabine. "Stärken, Schwächen, Größe, Linksfuß oder Rechtsfuß - solche Dinge über den jeweiligen Gegenspieler hat der Trainer gern stichpunktartig abgefragt", verrät Kay Wehner. Er als Torhüter hat natürlich keinen direkten Gegenspieler, muss sich aber speziell mit den Standardsituationen der Stuttgarter beschäftigen.

Am Abend des 14. Juni 1997 sind 76 400 Zuschauer im Stadion, an diesem Samstag sind sage und schreibe 20 000 FCE-Fans in die Hauptstadt gereist. In der 18. Minute trifft Elber zum 1:0 für den VfB Stuttgart - damals Tabellenvierter der Bundesliga. Schnell zeigt sich: Die Hoffnung, dass der Favorit den kleinen FCE auf die leichte Schulter nimmt, erfüllt sich nicht. "Ich hatte schon den Eindruck, dass uns der VfB sehr ernst genommen hat. Und falls nicht, dann haben sie es zumindest gut versteckt. Die fußballerische Qualität und die Schnelligkeit waren schon beeindruckend", sagt Torhüter Wehner. "Wir mussten einen Riesenaufwand fahren, um gegenzuhalten." Er lebt heute im bayrischen Altötting und arbeitet als Disponent beim Chemie-Konzern Wacker in Burghausen.

Drei Minuten nach der Pause kommt dann jene Szene, die man aus Cottbuser Sicht später als Schlüsselsituation einordnen wird. Detlef Irrgang hat die große Chance zum Ausgleich, schießt den Ball jedoch direkt in die Arme des österreichischen Keepers Franz Wohlfahrt. Im Jubiläumsbuch "50 Jahre Energie Cottbus" erinnert sich der "Fußballgott": "Schade, dass ich meine Chance zum 1:1 damals nicht genutzt habe. Im Gegenzug trifft Giovane Elber zum 2:0 und das Endspiel war entschieden." Elbers zweiter Treffer in der 52. Minute bedeutet den K.o. für die tapferen Lausitzer.

Der Rest ist ein Fußballmärchen ohne Happy End. Energie bekommt nach dem Schlusspfiff die Medaillen, Stuttgart bekommt den Pokal. Am Abend sind dann einige FCE-Spieler um Detlef Irrgang zu Gast im ZDF-Sportstudio, übrigens gemeinsam mit dem heutigen Bundestrainer Jogi Löw, der damals den VfB trainiert hat.

Kay Wehner sind von diesem 14. Juni 1997 vor allem die Erinnerungen geblieben. Die Torwart-Handschuhe aus dem Endspiel sicherte sich damals sein Ausrüster für Werbezwecke. Viele Trikots aus der erfolgreichen Zeit hat Wehner entweder selbst aufgetragen oder verschenkt. "Ich habe mal kurz überlegt, zu Hause bei mir eine Art Traditionszimmer einzurichten, diesen Gedanken dann aber wieder verworfen. Letztlich schaut man sich die Dinge kurz an und dann ist es auch wieder gut."

Die vielen schönen Erinnerungen im Kopf an diesen märchenhaften 14. Juni 1997 in Berlin dagegen bleiben. 20 Jahre danach sind sie frischer denn je, denn in der 1. Runde des DFB-Pokals der kommenden Saison trifft Energie als krasser Außenseiter wieder auf den VfB Stuttgart. Zur Revanche?