| 14:21 Uhr

Fussball
Die Angst vor dem Regionalliga-Winter

Absage auf der Autobahn: Kevin Weidlich (l.) und der FC Energie waren am Samstag schon auf dem Weg nach Berlin zum Spiel gegen Altglienicke.
Absage auf der Autobahn: Kevin Weidlich (l.) und der FC Energie waren am Samstag schon auf dem Weg nach Berlin zum Spiel gegen Altglienicke. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. Die Absage des Spiels bei der VSG Altglienicke erhöht den Termindruck für Energie Cottbus. Denn er hat weitreichende Folgen – bis hin zur Relegation. Vorerst bleiben aber erstmal die Weihnachtskalender liegen.

Die Angst ist zurück. Und zwar schneller, als alle damit gerechnet  haben. Die Angst vor dem gefürchteten ostdeutschen Winter in der Fußball-Regionalliga Nordost. Er bringt uns Temperaturen ­(bitte warm anziehen!) im einstelligen Bereich, er bringt Nässe – und ja, er bringt auch Spielabsagen.

Jetzt kann man das alles hier übertrieben und womöglich auch ­lustig finden. Lustig ist es aber nicht, sondern die Realität im November 2017. Neben der Partie von Energie Cottbus bei der VSG Alt­glienicke gab es am Wochenende noch zwei ­weitere Absagen, weil die Rasenplätze wie im Berliner Jahnsportpark wegen des Regens nicht bespielbar waren.

Oder nicht bespielt ­werden sollten? „Diese Ab­sage ist sehr schade. Aber es ist halt ein städtisches ­Stadion, in dem ­viele Mannschaften spielen“, ­kommentiert Energie-­Trainer Claus-Dieter ­Wollitz  das Veto der Stadt Berlin als Eigentümerin des Stadions. Und damit auch einer ­Rasenfläche, die erst kürzlich für ­eine sechsstellige ­Summe neu verlegt worden ist.

Das Problem: In keiner anderen Spielklasse ­krachen professionelle Ansprüche und amateurhafte Rahmenbedingungen so gnadenlos zusammen wie in der Regionalliga. Es wird zwar um den Aufstieg in die 3. Liga gespielt, von den dort herrschenden Standards sind viele Viertligisten aber weit entfernt. Eine Pflicht zum Einbau einer Rasenheizung beispielsweise – wie sie in der 3. Liga  ab dem zweiten Jahr  üblich ist  – gibt es nicht. Weil sie viel zu teuer wäre.

Spielabsagen wie am Samstag um 11 Uhr in Berlin wird es also auch in diesem Winter wieder geben. Energie er­eilte die Absage, als die Mannschaft schon auf der Autobahn in Richtung Jahnsportpark war. Viele Fans ­saßen ebenfalls bereits im Zug oder im Auto.

Auch die Gastgeber von der VSG  Altglienicke  waren enttäuscht, dass das „Spiel des Jahres“, wie es auf der Facebook-Seite des Auf­steigers hieß, buchstäblich ins Wasser fiel. Man hatte erstmals Programm­hefte in vierstelliger Höhe gedruckt, an den Kassen­häuschen sollte es kostenlose Torsten-Mattuschka-­Adventskalender für die Kleinsten geben. Für die VIP-Gäste stand ein großes Catering bereit.  Und dann – Regen.  So einfach lässt sich also ­diese ­Regionalliga überrumpeln.

Für Energie Cottbus ist es schon die zweite Absage in der laufenden Saison. Die für den 16. oder 17. Dezember vorgesehene Partie bei Chemie ­Leipzig  fällt aus, weil nicht genügend Sicherheitskräfte zur Ver­fügung stehen. Sie findet erst am 28. Januar 2018 statt. ­Vielleicht – wenn nicht der ­Winter etwas ­dagegen hat. Eine Woche ­später spielt der FCE dann bei ­Budissa Bautzen – vielleicht.

Mit jeder Schneeflocke wächst die  Angst  vor vielen englischen Wochen im neuen Jahr. Denn ­diese Doppelbelastung  schmerzt die Vereine ­sowohl aus der oberen als auch aus der unteren Tabellen­hälfte – wenn auch die Gründe unterschiedlicher Natur sind. Bei Energie sorgt man sich wegen des drohenden Kraft- und Konzentrations­verlustes kurz vor dem ganz großen Ziel, den Relegationsspielen.  Kein ­Wunder also, dass der souveräne Tabellenführer das Nachholspiel gegen  Altglienicke  am liebsten noch an einem Wochentag in diesem Jahr austragen  möchte. Und den  Clubs  aus der unteren Hälfte  dürfte der Mittwoch-Samstag-Rhythmus wegen des kleinen  Kaders weh tun, der oftmals unter Amateur-Bedingungen trainiert.

Schauen wir  also  dem Winter  mal  in die Schneekugel: Wenn alles normal läuft, wird Energie Cottbus den Staffelsieg frühzeitig klarmachen. Und wenn alles normal läuft, wird es im Winter auch  wieder einen Winter geben, sodass viele Nachholspiele zu absolvieren sind. Naheliegend wäre es  also, wenn Energie dann den einen oder anderen Stammspieler mit Blick auf die bevorstehende Relegation schont. Das wiederum dürfte nicht im ­Sinne der kleineren ­Vereine sein, für die das Heimduell gegen den Spitzenreiter eben das Spiel des Jahres ist.

Wie aber rauskommen aus der Umklammerung des Winters?  Ganz hilfreich wäre es ­gewesen, wenn der  nicht immer professionell wirkende  Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV) im Herbst schon die eine oder andere englische Woche terminiert ­hätte, um im neuen Jahr  etwas Luft im Kalender zu haben.  Und auch, um die Winterpause ausdehnen zu können.

Die einfachste Lösung ist na­türlich, den Winter ganz und gar  ­abzuschaffen. Viele Fans werden jetzt sagen: Aber selbst  das bekommt der NOFV bestimmt nicht hin.