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Der längste Anlauf seines Lebens

Freistöße sind die Spezialität von Marcelo de Freitas Costa (l.)
Freistöße sind die Spezialität von Marcelo de Freitas Costa (l.) FOTO: Helbig/Beyer
Cottbus. Marcelo de Freitas Costa durfte beim FC Energie seinen ersten Vertrag als Profi unterschreiben. Dabei hat der Brasilianer zuvor schon mehrere Anläufe unternommen. Frank Noack

Eigentlich hat Marcelo de Freitas Costa seinen ersten Sieg schon erreicht - obwohl er noch gar nicht für den FC Energie Cottbus im Einsatz war. Aber es gibt eben schon dieses Trikot. Das Trikot mit der Rückennummer 14, auf dem sein Name steht: Marcelo. Der 22-jährige Brasilianer ist jetzt Fußballprofi. Der Wechsel zu "Energy Cottbus", wie er seinen neuen Verein nennt, sei ein wichtiger Karriere-Schritt. "Ich kann hier zum ersten Mal unter Profibedingungen trainieren. Darauf freue ich mich sehr. Ich werde jeden Tag mein Bestes geben, um mich weiterzuentwickeln", verspricht der vom Regionalliga-Konkurrenten Oberlausitz Neugersdorf ins Stadion der Freundschaft gewechselte Brasilianer.

Eine seiner Stärken sind die Freistöße: Das Tor und die gegnerische Mauer kurz mit den Augen anvisieren, einige Schritte Anlauf - und dann drauf! So wie im Dezember, als er bei der Neugersdorfer 1:3-Niederlage im Stadion der Freundschaft auf diese Weise den Ehrentreffer erzielte.

Marcelo de Freitas Costa musste trotzdem lernen, dass sich nicht alles im Leben eines Fußballers mit einem kurzen Anlauf regeln lässt. Bis er jetzt beim FC Energie seinen ersten Profi-Vertrag in Deutschland unterschreiben durfte, musste er von seiner Heimat aus mehrere Anläufe nehmen. Seine fußballerische Spur hierzulande, so ist es auf diversen Internetseiten nachzulesen, beginnt in der Saison 2014/15 bei Dynamo Dresden II. Was kaum einer weiß: Das war damals schon der zweite Anlauf von Marcelo in Deutschland. Als er 19 Jahre ist und bereits einige Partien in der ersten Mannschaft des FC Figueirense absolviert hat, holt eine Spielervermittlungsagentur den talentierten Nachwuchskicker mit einem angeblichen Bundesliga-Angebot nach Deutschland. Der Traum von der Profi-Karriere scheint zum Greifen nah. Wenn Marcelo heute über dieses An gebot spricht, legt er kurz die Stirn in Falten: "Das war nichts. Es hat nicht geklappt." Er muss zurück nach Brasilien, weil sein Visum abgelaufen ist.

Geboren in Limeira, 150 Kilometer nordwestlich von Sao Paulo, verlebt er die typische Kindheit eines Straßenkickers. "Meine Mutter musste mich nicht lange suchen. Ich war meistens mit meinen Freunden und dem Ball auf der Straße", erzählt Marcelo. Mit 13 Jahren verlässt er das Elternhaus und kommt auf eine Fußballschule in Sao Paulo. Sein langer Anlauf in Richtung Profi-Karriere beginnt.

Doch auch der nächste Versuch bei Dynamo Dresden II klappt nicht. Visum abgelaufen, wieder zurück nach Brasilien. Marcelo kennt das Prozedere inzwischen. In seiner Heimat spielt er ein halbes Jahr in der 2. Liga, ehe er es im Oktober 2015 erneut probiert. Diesmal in der NOFV-Oberliga Süd bei Inter Leipzig. In neun Spielen erzielt er sechs Tore. Mit diesen Toren schießt er sich in die Regionalliga zu Oberlausitz Neugersdorf. Nicht ganz zufällig, denn dort arbeitet sein Landsmann Vragel da Silva als Trainer.

Marcelo bekommt viel Spielpraxis. Was aber vielleicht noch wichtiger ist: Da Silva wird auch außerhalb des Fußballplatzes zu seinem Mentor. "Er hat mir beigebracht, worauf es in Deutschland ankommt. Pünktlichkeit zum Beispiel", schmunzelt Marcelo. "Die Mentalität der Menschen hier ist ganz anders als bei uns in Brasilien."

Auch mit der Bürokratie nehmen es die Deutschen genauer. Abschied aus Neugersdorf und sofort beim FC Energie den Profi-Vertrag unterschreiben? So einfach geht das für einen Brasilianer in der Regionalliga nicht. Beinahe den ganzen Januar über zog sich das Zusammentragen der Formalitäten hin, ehe am letzten Tag der Transferfrist alle Weichen gestellt sind. Die Stadt Cottbus, die Ausländerbehörde, Bundesanstalt für Arbeit, der Landessportbund, der Fußball-Landesverband - sie alle waren involviert. "Dass der Transfer geklappt hat, ist der Verdienst unseres Geschäftsführers Normen Kothe. Chapeau, Normen", sagt Trainer Claus-Dieter Wollitz.

Statt des nur für mehrere Monate gültigen Visums hat Marcelo de Freitas Costa jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung. Sie ist gültig für die Vertragslaufzeit, also bis Juni 2019. "Ich danke Energy Cottbus für diese tolle Arbeit", sagt Marcelo mit Blick auf seinen ersten Profivertrag.

Das neue Trikot mit der Rückennummer 14 hilft ihm auch, die große Distanz zur Familie zu überbrücken. Seine Frau und die sechsjährige Tochter Heloa leben in Brasilien. Der Kontakt beschränkt sich auf Video-Telefonate und Kurzmitteilungen über Whatsapp. Wenn alles wie geplant läuft, will Marcelo Frau und Kind in drei, vier Monaten nach Cottbus holen. "Zunächst möchte ich mich aber auf den Fußball konzentrieren. Bei Energie habe ich dafür beste Bedingungen", schwärmt er schon jetzt.

Denn genau für diese Profi bedingungen hat Marcelo einen langen Anlauf nehmen müssen. Viel länger als für seine Freistöße.

Zum Thema:
Energie Cottbus hat keinen passenden Testspielgegener für den Samstag gefunden. Eigentlich sollte wegen der Absage der Regionalliga-Partie bei RB Leipzig II im Stadion der Freundschaft getestet werden. An diesem Wochenende findet nur die Partie FC Schönberg gegen Hertha BSC II (Sonntag, 13 Uhr) statt. Schönberg ist am kommenden Sonntag dann zu Gast in Cottbus. Das auf Dienstag verschobene Spiel zwischen dem BFC Dynamo und Neustrelitz wurde wegen der Unbespielbarkeit des Rasens im Jahnsportpark komplett abgesagt. Der Winter friert die Liga ein - englische Wochen drohen: www.lr-online.de/energie