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Ballett der breiten Brüste

Fabio Viteritti (l.) war einer der besten Cottbuser. Trotz Erkältung war er in der ersten Hälfte kaum zu stoppen. Der QR-Code führt zu Video-Interviews mit Viteritti und Kollegen unter www.lr-online.de/halberstadt. Dort schicken sie auch schon mal ein paar Kampfansagen an Verfolger BFC Dynamo.
Fabio Viteritti (l.) war einer der besten Cottbuser. Trotz Erkältung war er in der ersten Hälfte kaum zu stoppen. Der QR-Code führt zu Video-Interviews mit Viteritti und Kollegen unter www.lr-online.de/halberstadt. Dort schicken sie auch schon mal ein paar Kampfansagen an Verfolger BFC Dynamo. FOTO: Christiane Weiland
Halberstadt. Hat er "Bayern München" gesagt? Natürlich hat er. Auch Germania-Trainer Andreas Petersen kam bei der Analyse des deutlichen 5:0-Auswärtssieges des FC Energie Cottbus bei seinen Halberstädtern nicht ohne den Vergleich mit dem Rekordmeister aus: "Übertrieben gesagt, ist das momentan Bayern München in dieser Liga. Aus Halberstadt berichtet Jan Lehmann

Das muss man anerkennen", so der Vater des früheren FCE-Torjägers Nils Petersen über den schier übermächtigen Gegner, der am Sonntag durch Fabio Viteritti (11./18.), Streli Mamba (35./70.) und Marcelo (76.) zum bisher höchsten Saisonsieg kam.

Sechs Spiele, sechs Siege und 22:1 Tore - dieser Bayern-Vergleich, gegen den sich Energie-Trainer Claus-Dieter Wollitz seit Wochen wehrt, ist vielleicht gar nicht so übertrieben. Zwar ist Energie in Sachen Finanzkraft der Regionalliga-Konkurrenz keineswegs so weit enteilt wie der Weltkonzern aus der Säbener Straße den Bundesliga Rivalen. Doch rein statistisch ist der FCE in der aktuellen Saison zumindest erfolgreicher als der FCB. Mehr noch: Cottbus ist das einzige von insgesamt 148 Teams in den obersten vier deutschen Spielklassen, das noch ohne jeglichen Punktverlust dasteht.

Sicherlich, so früh in der Saison ist das noch ein ziemlich wackliger Wertmaßstab. Dennoch gönnte sich Wollitz am Sonntag ein bisschen Genuss: "Diese drei Aktionen, die in der ersten Halbzeit zu den Toren geführt haben - wie sie ausgeführt worden sind, mit welcher Konzentration, mit welcher Überzeugung, mit welcher Klasse - dafür gebührt der Mannschaft ein großes Kompliment."

Zu Recht, weil Energie derzeit auch sämtliche Personalsorgen problemlos kompensiert. Wegen der Ausfälle von Jonas Zickert (Muskelverletzung) und Tim Kruse (Gelb-Rot-Sperre) stellte Wollitz so offensiv wie selten zuvor auf. Mit Marcelo auf der Sechserposition sowie Maximilian Zimmer, Kevin Weidlich, Fabio Viteritti, Felix Geisler und Streli Mamba standen gleich sechs Akteure mit extremem Vorwärtsdrang auf dem Feld.

Ganz schön clever: Trotzdem ließen die Lausitzer die motivierten Gastgeber erst einmal kommen. Und Germania tappte in diese Falle: "Wir wollten die erste Mannschaft sein, die dem großen Favoriten Probleme macht", gab Trainer Petersen zu. Energie konterte jedoch meisterhaft, Viteritti schloss gleich die ersten beiden ernsthaften Angriffe mit Toren ab und freute sich: "Genau das, was wir trainieren, geht dann auch auf im Spiel. Wir haben die Lücken gesehen. Und dann ist man auch eiskalt vor dem Tor, wenn man das Selbstvertrauen hat."

Dieses rot-weiße Selbstvertrauen wuchs und wuchs mit jeder Spielminute. Zeitweise präsentierten sich die Cottbuser als Ballett der breiten Brüste, das ballsicher und spielfreudig eine Kurzpassgala auf die Halberstädter Bühne tanzte. Dennoch war dieses 5:0 offenbar nicht ganz so einfach, wie es von außen aussah. Energie-Profi Felix Geisler erklärte: "Wir haben uns vor dem Spiel noch einmal richtig zusammengerissen. Dass es 5:0 ausgeht, ist auch der Laufleistung geschuldet, die wir an den Tag gelegt haben. Diesen Sieg haben wir uns so erarbeitet."

Für Halberstadt-Coach Petersen war es aber auch eine Frage von Klasse. Er berichtete: "Wir haben nicht die Qualität, nach dem 0:3 noch mal zurückzukommen. Da hätte ich eigentlich sagen können: Pele, lass uns abbrechen. Dann machen wir eher Pressekonferenz, dann seid ihr eher zu Hause.‘" Doch Energie nutzte die vollen 90 Minuten für einen sehenswerten Auftritt. Zudem öffnete Wollitz mit dem erst 17-jährigen Leon Schneider dem nächsten Talent aus der Sportschule die Tür in Richtung Profi-Fußball. Schneider ist damit einer der jüngsten Energie-Spieler aller Zeiten. Wollitz betonte: "Viele sagen, Cottbus sei in der Liga das Nonplusultra. Das mag vielleicht sein. Aber das ist eine komplett junge Mannschaft. Was sie ausmacht, ist ihr Zusammenhalt."

Verglichen mit dem FC Bayern ist das natürlich ein deutlich zurückhaltenderer Ansatz. Fehlt dem FCE noch das Bayern-Gen für das große Ziel, die Rückkehr in die 3. Liga? Felix Geisler, ein echter Spreewälder Junge, hat sich zumindest ein bisschen was von der Rekordmeister-Rhetorik abgeschaut. In Bezug auf das Spitzenspiel am Sonntag, wenn der FCE den Tabellenzweiten BFC Dynamo empfängt, erklärte der Flügelflitzer selbstbewusst: "So wie wir drauf sind, schlagen wir jeden." Bleibt die Frage: Was sagt man eigentlich hier in der Lausitz, wenn man "Mia san mia" meint?