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| 10:36 Uhr

Analyse
Dopingverdacht spielt mit

Düsseldorf. Erst spricht die Fifa das russische Nationalteam von Dopingvorwürfen frei. Dann gesteht Russland systematisches Doping im Sport ein. Der Versuch des Weltfußballs, das Märchen von der Sauberkeit seines Sports aufrechtzuerhalten, wirkt dadurch nur noch plump. Stefan Klüttermann

Erst spricht die Fifa das russische Nationalteam von Dopingvorwürfen frei. Dann gesteht Russland systematisches Doping im Sport ein. Der Versuch des Weltfußballs, das Märchen von der Sauberkeit seines Sports aufrechtzuerhalten, wirkt dadurch nur noch plump.

Vom Timing her war es nicht gerade eine optimale Woche für den Weltfußballverband. Am Dienstag verkündete die Fifa, bei den Ermittlungen um russische Nationalspieler aus dem vorläufigen WM-Kader seien keine Beweise für Doping-Vergehen gefunden worden. Das verstanden schon viele Menschen nicht, hatte doch die ARD-Dopingredaktion erst Tage zuvor mit einem neuen Enthüllungsbeitrag just den Verdacht genährt, dass das in den vergangenen Jahren aufgedeckte, systematische Doping in Russland den Fußball eben nicht ausgeklammert hatte.

Doch es kam noch ungünstiger für die Fifa. Denn am Freitagabend wurde über französische Medien ein Brief publik, in dem Russland eine Kehrtwende seiner bisherigen Dementi-Haltung vollzog und systematische Manipulationen im organisierten Sport zugab. "Die ernsthafte Krise, die den russischen Sport erfasst hat, wurde von einer inakzeptablen Manipulation des russischen Anti-Doping-Systems verursacht, die durch die Untersuchungen der Wada und des IOC enthüllt wurden", hieß es in dem Schreiben, das unter anderem vom russischen Sportminister Pawel Kolobkow und dem Präsidenten des russischen Nationalen Olympischen Komitees (ROC), Alexander Schukow, unterzeichnet ist.

Dieses Eingeständnis von russischer Seite muss für die Fifa gut zweieinhalb Wochen vor Beginn der Fußball-WM in Russland doch einer Katastrophe gleichkommen, sollte man meinen. Denn wenn die Verantwortlichen des größten Sportbetrugs der Geschichte ihre Missetat einräumen, wie soll der Fußball dann allen Ernstes weiter das Märchen von sich als der Insel der Sauberkeit weitererzählen können, ohne rot anzulaufen? Doch weder wird bei der Fifa dieser Tage jemand rot, noch steht irgendjemand im Verdacht, unruhig zu werden. Die WM wird aus Sicht ihrer Veranstalter ihren gewohnten, Millionen bringenden Gang gehen. Dass der Dopingverdacht als 33. Teilnehmer des Turniers mitspielt, sollen Kritiker ruhig so sehen, die Fifa wird es aussitzen, so, wie sie vieles aussitzt.

Doch womöglich wird genau das in Zukunft für den Fußball immer schwieriger: Dopingvorwürfe auszusitzen. Dopingvorwürfe zu leugnen. Ermittlungen in die Länge zu ziehen. Sich nicht um das zu scheren, was die Kunden denken. Denn Fußballfans sind zwar oft genug mit Leib und Seele dabei, aber sie sind nicht naiv. Und der Fußball verkauft seine Anhänger weltweit für dumm, wenn er weiterhin mit der Vogel-Strauß-Taktik an kritische, ihn belastende Themen herangeht.

Wenn Fifa-Präsident Gianni Infantino und Russlands Staatspräsident Wladimir Putin sich in den vergangen Monaten und Jahren immer wieder kamerawirksam als Team stilisierten, das die WM zu einem Super-Ereignis machen werde, dann sind Menschen heute in der Lage, flugs über eine Internet-Suchmaschine herauszufinden, dass der russische Staatskonzern Gazprom einer der Top-Sponsoren der Fifa ist. Und dass vielleicht deswegen Infantino nicht daran gelegen ist, mit großer Akribie und Hartnäckigkeit beim WM-Organisationskomitee (OK) nachzufragen, wie man es denn eigentlich im russischen Fußball so mit Doping halte. Wenn Infantino beim WM-OK nachfragen wollte, kann er dies zumindest nicht mehr bei Witali Mutko tun. Der OK-Chef und langjährige Sportminister musste Ende Dezember sein Amt auf Druck von Putin räumen. Indes erst drei Wochen, nachdem ihm das ebenfalls nicht ob seiner Integrität bekannte Internationale Olympische Komitee (IOC) im Dezember lebenslang von Olympischen Spielen ausgeschlossen hatte. Weil es ihm "den Großteil der administrativen Verantwortlichkeit" für das systematische Staatsdoping zusprach. Die Fifa selbst bedankte sich übrigens bei Mutko für "seinen unschätzbaren Beitrag" an den WM-Vorbereitungen. Sie hätte die Personalie wohl ausgesessen.

Für den mündigen Fan muss es einfach nur noch plump wirken, wie der Weltfußball trotz hunderter bekannt gewordener Einzelfälle über die Jahre weiterhin leugnet, genau so anfällig für den Einsatz leistungssteigernder Mittel zu sein wie andere Sportarten, in denen das große Geld umgesetzt wird. Wie die Leichtathletik, der Radsport oder Biathlon. Doch wie will man beispielsweise bei der WM den Eindruck erwecken, man gehe dieses Thema unabhängig an, wenn die Fifa hier selbst die Dopingkontrollen übernimmt und eben nicht die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada)? Wie kann sich vor Wochen der DFB- und FC-Bayern-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt allen Ernstes hinstellen und behaupten, Doping im Fußball bringe nichts? Da wirkt es fast schon erfrischend, weil realistisch, wenn in Tim Meyer ein anderer Arzt der deutschen Nationalmannschaft jetzt sagt: "Man sollte nicht naiv sein, natürlich gibt es auch im Fußball irgendwo Doping. Ich habe allerdings noch nie Hinweise auf ein systematisches Vorgehen erlebt."

Meyers Aussage definiert letztlich das Level, das der Fußball bei seinem Umgang mit Dopingvorwürfen nicht unterschreiten sollte. Tut er es doch, schweigt er, streitet er ab, wirkt er wie einer dieser Oligarchen, denen Kritik egal ist, weil es nur darum geht, an der Macht zu bleiben. Mit so einer Haltung wird er über kurz oder lang vor die Wand laufen, denn seine zahlenden Kunden wollen wissen, wie die Dinge laufen. Märchen sind da eher out.