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| 09:18 Uhr

Analyse
Das Tauziehen um Talente

Düsseldorf. Noch früheres Scouting und hohe Ablösen im Jugendbereich: Das Ringen um die besten Fußball-Talente wird immer intensiver. Für Klubs unterhalb der ersten beiden Ligen ein großes Problem. Können sie überhaupt noch Spieler für die erste Mannschaft ausbilden? Adrian Terhorst

Noch früheres Scouting und hohe Ablösen im Jugendbereich: Das Ringen um die besten Fußball-Talente wird immer intensiver. Für Klubs unterhalb der ersten beiden Ligen ein großes Problem. Können sie überhaupt noch Spieler für die erste Mannschaft ausbilden?

Das Milliardengeschäft Fußball hat den Nachwuchs längst erreicht. Seit der Fußball-Ligaverband 2001 für die Erst- und Zweitligisten die verbindliche Einführung von Nachwuchsleistungszentren (NLZ) beschlossen hat, überschritten die Investitionen der 36 Profiklubs in ihre NLZ in der Saison 2014/15 die Gesamtsumme von einer Milliarde Euro. Profiteure? Vor allem die finanzstarken Bundesligisten. Sie verfügen über die Mittel, um die Top-Talente abwerben und halten zu können. Doch was ist mit den Dritt- und Viertligisten? Für sie wird es immer schwieriger, Talente zu finden und so auszubilden, dass sie einmal für die erste Mannschaft infrage kommen.

54 zertifizierte NLZ gibt es, eines davon betreibt Regionalligist Rot-Weiß Oberhausen (RWO), als einer von insgesamt nur sechs Viertligisten überhaupt. "Wir investieren jährlich einen mittleren sechsstelligen Betrag in unser NLZ, was etwa 15 bis 20 Prozent des Gesamtetats entspricht", sagt Oberhausens Sportlicher Leiter Jörn Nowak.

Sein Verein hat vor der laufenden Saison fünf Spieler aus der eigenen U19 in die erste Mannschaft hochgezogen. Drei davon sind regelmäßig eingesetzt worden. Eine echte RWO-Vergangenheit hat jedoch nur einer. Drei der fünf sind erst zur U19 gekommen, zwei davon vom BVB.

Mit einem Wechsel zu RWO verbinden Talente aus den Kaderschmieden von Bundesligisten oftmals die Hoffnung, den Verein als Sprungbrett nutzen zu können. Der Verein bietet ihnen die Perspektive, sich über regelmäßige Einsätze in der Regionalliga ins Blickfeld höherklassiger Vereine zu spielen. "Die, die den Sprung bei uns dann schaffen, wollen in der Regel direkt höher. Sie zu halten, ist schwierig, denn wir können keinen Mitbewerber finanziell ausstechen. Wenn die NLZ von Schalke oder dem BVB anklopfen und mit einem Kaderplatz in der U23 locken, haben wir keine Chance", sagt Nowak. "Dass uns Spieler als Sprungbrett benutzen, ist aber nicht schlimm." Für RWO ist es längst Teil der Vereins-DNA geworden, Talente auszubilden mit dem Ziel, sie gewinnbringend weiterverkaufen zu können. Eine andere Wahl bleibt ihnen auch kaum. 2014 wechselte zum Beispiel RWO-Talent Gideon Jung für etwa 150.000 Euro nach einer Saison in der ersten Mannschaft zum Hamburger SV, wo er nun Stammspieler ist. "Die Konkurrenz im Pott ist einfach riesengroß", sagt Nowak. Neben Schalke und dem BVB hat RWO mit Bochum, Duisburg und RW Essen gleich fünf Vereine in unmittelbarer Nachbarschaft, die auch ein zertifiziertes NLZ betreiben.

Beim Drittligisten Fortuna Köln kennt man das Problem. Mit dem Stadtnachbarn 1. FC Köln und Bayer Leverkusen vor der Haustüre hat Fortuna den Kampf um die besten Talente in der näheren Umgebung schon verloren, bevor er überhaupt angefangen hat. "In dem Umkreis, in dem wir uns um Talente bemühen, konkurrieren wir mittlerweile nämlich auch schon mit Fortuna Düsseldorf, Mönchengladbach oder Bochum", sagt Raimunt Zieler, Vater von Torwart Ron-Robert Zieler und Verantwortlicher des (noch nicht zertifizierten) NLZ von Fortuna Köln. Das Dilemma des Klubs: Er ist dazu gezwungen, sich bei der Talentsuche auf Köln und das Umland zu beschränken. Anders als die Topklubs kann sich der Verein kein Internat leisten, den Radius bei der Talentsuche also gar nicht so weit ziehen wie die Bundesligisten. "Wir können deshalb nur Spieler holen, die wegen der Perspektive und des besonderen Flairs des Vereins zu uns kommen", sagt Marko Poetter, Leiter der Jugend-Scoutingabteilung von Fortuna Köln.

Für Klubs wie RWO oder Fortuna ist es also fast unmöglich geworden, Talente zu entdecken, die vorher noch niemand auf dem Zettel hatte. "Die Top-Talente im Umkreis von 40 bis 50 Kilometern kennt man. Im A- und B-Jugendbereich kann man oft erahnen, wer nach der Saison zum FC oder zu Bayer04 geht", sagt Poetter. Sein Oberhausener Kollege Nowak ergänzt: "Mittlerweile müssen wir schon froh sein, wenn wir mal einen Niederrhein-Auswahl-Spieler in unseren Reihen haben."

Um das gegenseitige Abwerben von Talenten zwischen den NLZ einzudämmen, beschlossen die Vereine der ersten vier Ligen 2012 die "Vereinbarung zum Schutz der Leistungszentren". Zum 1. Januar 2018 haben die DFL und der DFB die Regelungen noch einmal verschärft. Die Entschädigungen für Spieler, die aus einem zertifizierten NLZ verpflichtet werden, wurden erhöht. Wie hoch die Summen sind, wollte der ansonsten so um Transparenz bemühte DFB auf Nachfrage nicht mitteilen. Fraglich ist, ob sich die Änderungen für kleinere Vereine mit einem zertifizierten NLZ, wie RWO, langfristig positiv auswirken. Ihre Spieler werden nun zwar besser geschützt. Gleichzeitig wird es für sie künftig aber noch teurer, wenn sie ein Talent aus einem anderen NLZ verpflichten wollen. Schalke oder der BVB sind in der Lage, fünfstellige Beträge für einen 15-Jährigen zu zahlen. Dritt- und Viertligisten hingegen nicht. Und so wird auch im Nachwuchsbereich die Schere zwischen den Topklubs und den kleineren Vereinen wohl noch weiter auseinandergehen.