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| 15:36 Uhr

Uni-Basketball in den USA
Wie Moritz Wagner um seinen NBA-Traum kämpft

Moritz Wagner jubelt über einen Sieg seiner Michigan Wolverines.
Moritz Wagner jubelt über einen Sieg seiner Michigan Wolverines. FOTO: AP Photo/Julie Jacobson
Eines der größten Sportevents der USA hat begonnen: das Turnier um die nationale Basketball-Meisterschaft der US-Universitäten. Den Sportlern winkt ein Vertrag in der NBA, den Unis Ruhm, Ehre - und viel TV-Geld. Denn die "March Madness" ist ein Milliarden-Geschäft. Mittendrin: der deutsche Moritz Wagner. Clemens Boisserée

Die Universität Köln trifft zu einem Fußballspiel zwischen Studenten auf die Universität Berlin. Das Olympiastadion ist seit Wochen restlos ausverkauft, Tickets erzielen auf dem Schwarzmarkt Spitzenpreise, TV-Sender haben Hunderte Millionen Euro für die Übertragungsrechte gezahlt. Das Duell entscheidet über die sportliche Zukunft manches Spielers in einer der europäischen Profiligen.

Die Vorhersage von ESPN zu Mo Wagners NBA-Chancen.
Die Vorhersage von ESPN zu Mo Wagners NBA-Chancen. FOTO: Screenshot ESPN

Was für Deutschland nur ein fiktives Szenario ist, ist in den USA seit Jahrzehnten in allen bedeutsamen Sportarten Realität: Football, Basketball, Baseball und Eishockey - alle Topligen rekrutieren den allergrößten Teil ihres Nachwuchses aus dem Universitätssport. Deren Meisterschaften elektrisieren die Sportfans im ganzen Land, die 16 größten Football-Stadien des Landes sind im Besitz von Universitäten, bis zu 114.000 Fans kommen zu den Spielen. Im Basketball ist der Hype nur geringfügig kleiner: Schon zu den regulären Saisonspielen füllen die Fans Hallen in der Größe der Köln Arena, die Halbfinals und das Endspiel werden seit 1997 in den großen, überdachten Football-Stadien ausgespielt.

Moritz Wagner wird mit Dirk Nowitzki verglichen

Einer, der sich Hoffnungen machen darf, in diesem Jahr dabei zu sein, ist der Berliner Moritz Wagner. Seit drei Jahren studiert der 20-Jährige an der University of Michigan. Sein Stipendium im Wert von über 200.000 Dollar erhielt er nicht etwa für besonderes akademisches Können. Wagner gehört zu den "Student Athletes", den Sportstars der Uni, die ihr bezahltes Studium durch Höchstleistungen zurückzahlen sollen - mit einem normalen Studentenleben hat Wagners Studium deshalb wenig gemein. "Als Mitglied des Basketball-Teams ist man an der Uni eine gewisse Berühmtheit. Die Leute kennen einen. Da muss man sich schon benehmen", sagt Wagner in einem Gespräch mit unserer Redaktion.

Auf dem Feld spielt Wagner unterdessen in seinem dritten Jahr seine stärkste Saison: Knapp 15 Punkte und 7 Abpraller nach Fehlwürfen (Rebounds) machen ihn zum besten Spieler seines Teams. Dank seiner enormen Größe (2,11 Meter) und seiner Wurfstärke vergleichen ihn Experten in den USA schon mit einem anderen deutschen Basketballer, der sogar die gleiche Position spielt: Dirk Nowitzki.

Und nicht nur persönlich läuft es für Wagner. Nur sieben Niederlagen in 35 Saisonspielen kassierten seine Michigan Wolverines, zuletzt feierte das Team in New York den Gewinn des Big-Ten-Tournaments, einem regionalen Turnier, das als Gradmesser für die nationale Meisterschaft gilt. In die gehen die Wolverines nun als Mit-Favorit. Wobei Mit-Favorit ein großes Wort ist, denn die Amerikaner nennen das Turnier nicht umsonst "March Madness" (verrückter März), Jahr für Jahr scheitern Top-Teams bereits frühzeitig an Außenseitern. Der knallharte K.o.-Modus, in dem nur ein Spiel über Weiterkommen und Ausscheiden entscheidet, macht zahlreiche Überraschungen möglich.

Uni-Basketball kostet TV-Sender eine Milliarden Dollar pro Saison

Um dieses Spektakel auf die Bildschirme der Amerikaner zu bringen, zahlt der TV-Sender CBS bis 2024 die gigantische Summe von 771 Millionen Dollar - pro Jahr. Eine bereits abgeschlossene Vertragsverlängerung erhöht diesen Betrag im Anschluss auf jährlich 1,1 Milliarden Dollar bis 2032 - und dabei geht's nur um die TV-Rechte an den Spielen um die Basketball-Meisterschaft. Entsprechend glänzend ist die Bilanz des nationalen College-Sportverbands NCAA: Im vergangenen Jahr verzeichnete man einen Umsatz von einer Milliarde Dollar, der Großteil dieser Einnahmen wurde durch Fernsehgelder erzielt und an die beteiligten Universitäten weitergegeben. Dem Verband blieb als Gewinn letztlich die nette Summe von 105 Millionen Dollar.

Damit macht die NCAA den großen Profi-Ligen im Football, Baseball und Basketball ernsthafte Konkurrenz, hier verdienen Klubs und Ligen durch TV-Einnahmen jährlich rund zwei bis vier Milliarden Dollar.

Unter den Sportlern wie Moritz Wagner ist deshalb längst eine Diskussion darüber entbrannt, was mit den enormen Summen passiert. Denn während in den Profiligen teils hohe zweistellige Millionen-Gehälter an die Spieler gezahlt werden und am College die Trainer ebenfalls Millionen verdienen, bekommen die Uni-Sportler selbst keinen Cent. "Das Thema ist groß, wir diskutieren viel und ich habe dazu auch eine fundierte Meinung", sagt Wagner. Nur: "Öffentlich dazu äußern will ich mich erst, wenn ich mit der Uni fertig bin."

Das Thema ist kontrovers, die NCAA droht den Sportler teils mit drastischen Strafen. Denn wer gegen die Regeln der Association verstößt, kann beispielsweise vom Spielbetrieb ausgeschlossen werden - für die Talente wäre das gleichbedeutend mit dem Aus vom großen Traum. Dem Traum von der Profiliga NBA. Dem Traum vom wirklich großen Geld. Denn wer es nach mindestens einem und maximal vier Jahren College in die NBA schafft, der darf nicht nur auf die millionenschweren Gehälter, sondern auch auf manchmal noch höhere Werbegagen hoffen.

Wieso Moritz Wagner den NBA-Schritt bislang scheute

Wagner scheute es bislang, diesen Schritt zu wagen. Das Risiko ist groß: Wer sich als Unisportler einmal für die Talentbörse der Profiliga (die Draft) registriert und dort nicht genommen wird, der darf nicht zurück an die Uni und muss auf deutlich schlechtere Verträge außerhalb der besten Basketball-Liga der Welt hoffen. "Um die Draft macht jeder ein großes Buhu", sagt Wagner. Er selbst meldete sich im Sommer 2017, nach einer starken zweiten Saison, zunächst an, zog dann aber doch zurück. "Ich habe ein bisschen auf mich selbst gewettet. Spieler, die in die NBA gehören, können auch noch ein drittes Jahr spielen und genau das beweisen", sagt Wagner. Doch auch diese Entscheidung ist nicht risikolos: Eine Verletzung und der Traum von der NBA-Karriere ist nahezu vorbei. "Für mich gab es im Endeffekt dennoch keinen Grund, von hier zu flüchten. Ich vertraue mir und den Leuten um mich herum, dass ich es schaffe", sagt Wagner.

60 Spieler wählen die NBA-Teams jeden Sommer aus, die ersten 30 bekommen einen garantierten Vertrag, die anderen 30 müssen sich in Auswahlspielen beweisen. Zur Auswahl stehen dabei neben den College-Spielern auch jene Jungstars, die in internationalen Ligen auf sich aufmerksam machen. Als künftiger NBA-Topstar gilt beispielsweise der Slowene Luka Doncic, der aktuell für Real Madrid aufläuft. Letztlich bedeutet das: Nur ein Bruchteil der über 700 Spieler, die an der Endrunde um die College-Meisterschaft teilnehmen, schaffen den Sprung in die NBA und damit den Sprung zum Millionär.

Wagner gilt unter Experten als einer jener Spieler, für die die "March Madness" über einen solchen Sprung entscheiden wird. Der Fokus aller NBA-Scouts liegt auf dem Turnier. Die Leistungen des 2,11 Meter großen Wagner in der bisherigen Saison haben ihm dabei eine ordentliche Ausgangssituation verpasst. Der Sportsender ESPN sieht ihn in der Draft auf Platz 17, die Website nbadraft.net auf Platz 28.

Bald sechs Deutsche in der NBA?

Im Sommer 2018 könnte der Berliner also der nächste Deutsche sein, der in die beste Basketballliga der Welt wechselt, aktuell sind dort fünf Deutsche aktiv. "Wenn wir mit Freunden und im Team NBA gucken, gebe ich immer an und sage: Wir könnten mittlerweile eine Mannschaft nur mit deutschen Spielern stellen. Das ist cool, das macht mich stolz. Es ist super-motivierend, wenn man sieht, wie die Entwicklung läuft", sagt Wagner.

Seine persönliche Entwicklung soll ihren vorläufigen Höhepunkt am 2. April nehmen. Dann steigt im "Alamodome" von San Antonio vor 65.000 Zuschauern das Endspiel. Im letzten Jahr kam das Aus für Michigan nach Runde drei, im Achtelfinale. Dieses Mal hofft das Team auf mehr. "Wir sind nicht im Turnier, um zu verlieren", sagte Wagner. Auf dem Final-Weg müssen die Wolverines noch vier Spiele gewinnen, den Auftakt machte in der Nacht zum Freitag ein 61:47-Sieg gegen Montana. In der Nacht zum Sonntag wartet nun die University of Houston. "Ich glaube, wir sind selbstbewusst genug, und ich glaube, wenn wir jedes Spiel als unser letztes Spiel angehen, dann stehen unsere Chance ziemlich gut", sagt Wagner.

Ob das letzte Spiel der Saison auch sein letztes Spiel für Michigan wird, bevor er den Sprung in die NBA dann doch wagt, ließ Wagner zuletzt aber offen: "Ich fühle mich hier sehr wohl, und es wäre unfair dem Team gegenüber, wenn ich mich mit meinen Zukunftsplänen beschäftigen würde."