Ein Land steht unter Schock: Überhöhte Geschwindigkeit hat wohl das schwerste Zugunglück in Spanien seit mehr als 40 Jahren verursacht. Mindestens 80 Menschen starben, als der Alvia-Schnellzug am Mittwochabend in einer Kurve bei Santiago de Compostela aus den Gleisen sprang. Der Lokführer räumte nach Informationen aus Ermittlerkreisen selbst ein, dass der Zug etwa 190 Kilometer pro Stunde gefahren sei. An der Unglücksstelle im Nordwesten Spaniens ist höchstens Tempo 80 zugelassen.

Warum der Lokführer den Zug vor der Kurve nicht rechtzeitig abbremste und deutlich zu schnell fuhr, sollen nun Experten klären. Wie die Regionalbehörden in Galicien am Donnerstag mitteilten, wurden 178 Fahrgäste verletzt. 36 von ihnen befanden sich in kritischem Zustand. Ob unter den Opfern auch Ausländer waren, stand zunächst nicht fest. Die Gerichtsmediziner wiesen darauf hin, dass die Identifizierung der Toten einige Zeit in Anspruch nehmen werde.

Die verkeilten und zerstörten Waggons an der Unfallstelle erinnerten an das folgenschwere ICE-Unglück von Eschede 1998. Die Katastrophe nahe der Pilgerstadt Santiago de Compostela war das erste tödliche Unglück auf einer Strecke des spanischen Hochgeschwindigkeitsnetzes. Der Wallfahrtsort, der das Ziel des Jakobsweges bildet, sagte alle Feiern zu Ehren des Heiligen Jakobs an diesem Wochenende ab. Die traditionelle Zeremonie ist das wichtigste Fest des Jahres in Santiago. Ministerpräsident Mariano Rajoy ordnete für ganz Spanien eine offizielle Trauer von drei Tagen an.

Die staatliche Bahngesellschaft Renfe warnte vor vorschnellen Schlussfolgerungen. Renfe-Präsident Julio Gómez-Pomar erklärte, der Unglückszug sei am Morgen vor dem Unfall inspiziert worden. Er bezeichnete den Lokführer als erfahren und wies darauf hin, dass der 52-Jährige seit mehr als einem Jahr auf der Unglücksstrecke im Dienst gewesen sei.

Polizei- und Eisenbahnexperten untersuchen die Unfallursache. Einen Anschlag schlossen die Ermittler aus. Der Lokführer und sein Assistent überlebten das Unglück nahezu unverletzt. Nach Informationen der Zeitung "El País" soll der Lokführer unmittelbar nach der Katastrophe über Funk der Leitstelle im Bahnhof von Santiago gesagt haben: "Ich hoffe, es gibt keine Toten, denn die gingen auf mein Gewissen."

Rajoy, der selbst aus Santiago stammt, besuchte am Donnerstag die Unfallstelle und sprach mit Verletzten und Angehörigen von Opfern der Katastrophe. "Wie alle wissen, ist heute ein sehr schwieriger Tag", sagte der Regierungschef. "Wir haben ein schreckliches, dramatisches Unglück erlebt, das wir, wie ich fürchte, noch lange in Erinnerung haben werden."

Die Bergungsmannschaften durchsuchten am Donnerstagmorgen die beiden am schwersten zerstörten Waggons und stellten fest, dass sich dort keine weiteren Opfer befanden. An der Unfallstelle hatten die ganze Nacht über Rettungskräfte gearbeitet. Die Menschen wurden zu Blutspenden aufgerufen.

Die Waggons des Zuges wurden bei dem Unglück auseinandergerissen und sprangen aus den Schienen. Einige Wagen prallten neben den Gleisen gegen eine Betonwand und stürzten um, andere Waggons verkeilten sich ineinander. Ein Wagen flog sogar über die Begrenzungsmauer hinweg. dpa