Mehrere Jugendliche sitzen im Verhandlungssaal. Sie wollen Markus Weiß moralisch unterstützen, der sich mit dem abrupten Ende eines beruflichen Lebensabschnitts konfrontiert sieht – und der nun gegen seine Entlassung vorgeht. Der Sozialarbeiter, 20 Jahre bei der Spremberger Lebenshilfe angestellt, erhielt in diesem Jahr seine Kündigung. Der Verein wirft ihm einen Betrugsversuch vor: Markus Weiß habe bei der Vorbereitung einer Gruppenfahrt in die Türkei für einige Mitreisende ein falsches Alter angegeben. So seien acht Teilnehmer älter als 27 Jahre gewesen – er habe nur drei erwähnt. Laut Spremberger Jugendamt handele es sich somit nicht mehr um eine förderfähige Gruppenfahrt mit Jugendlichen.

Zwar räumt Markus Weiß im Prozess ein: „Es war blöd von mir, lediglich ein geschätztes Alter hinzuschreiben.“ Dennoch geht er mit seinem Anwalt gegen die Kündigung vor. Die Gegenseite, der Lebenshilfe-Verein, vertreten von Rechtsanwalt Helge Bayer, will die Klage abschmettern lassen. Er würde Markus Weiß eine Abfindung in Höhe von 5000 Euro anbieten, weil der Verein gemeinnützig arbeitet: „Wir können nicht großartig Vermögen anhäufen.“ Aber Volker Thummerer stellt im Sinne seines Mandanten klar: Unter 21 000 Euro ginge nichts. „Die Tränendrüsen-Geschichte muss ich mir immer anhören“, bemerkt Volker Thummerer spöttisch.

Skeptischer Richter

Aufmerksam hört Richter Klaus Mittelstädt beiden Parteien zu. Dann erläutert er: Die falschen Angaben bei den Plänen für die Gruppenfahrt gälten sicher als Pflichtverletzung – doch dieser Verstoß genüge nicht, um ein 20-jähriges Arbeitsverhältnis zu beenden. „Wir würden der Klage stattgeben, die Abmahnung entfernen und die Kündigung als unwirksam erklären“, sagt der Richter. Falls sich beide Parteien allerdings über das Ende des Arbeitsverhältnisses einig seien, stehe die Frage nach der Höhe der Abfindung im Raum.

Zwar signalisiert der Anwalt des Lebenshilfe-Vereins daraufhin, er würde lieber das Urteil abwarten, als sofort eine Entscheidung zu treffen. Doch dieses Eingeständnis nutzt Volker Thummerer sogleich, um zu einem weiteren Schlag im Sinne seines Mandanten auszuholen: Er erweitert die Klage um den Vorwurf, die Lebenshilfe maßregele seinen Klienten. Im rechtlichen Sinne bedeutet dies, der Arbeitnehmer erleide Nachteile, weil er in zulässiger Weise seine Rechte ausübt. Bereits im April, so führt Sozialarbeiter Markus Weiß aus, habe er um ein klärendes Gespräch mit dem Lebenshilfe-Vorstand gebeten. „Aber niemand wollte mit mir reden – und das ist ja ein Grundproblem bei der Lebenshilfe: dass die Kommunikation total daneben ist.“ Er fürchte angesichts des schwelenden Konflikts um seine Gesundheit.

Nach RUNDSCHAU-Informationen könnte der rechtliche Konflikt noch einen weiteren Hintergrund haben, der beim Vorwurf der Maßregelung eine Rolle spielen dürfte: So sollen mehrere Mitarbeiter der Lebenshilfe, unter ihnen Markus Weiß, versucht haben, einen Betriebsrat zu gründen.

Offener Brief und Facebook-Fans

Neun Sozialarbeiter aus Spremberg protestierten in einem offenen Brief gegen die Entlassung von Markus Weiß. Und eine Facebook-Gruppe mit dem Namen „Markus Weiß muss bleiben“ zählt derzeit 118 Mitglieder.

Zum Prozessauftakt kommen diese Aspekte jedoch nicht zur Sprache. Lebenshilfe-Anwalt Helge Bayer zeigt sich verdutzt angesichts des Vorwurfs der Maßregelung: „Es mag ja eine Sache sein, wenn Sie sich persönlich am Ende einer Sackgasse sehen“, erwidert er. „Aber dieses Ding hier, Ihr Vorwurf, der wird doch sowieso abgewehrt.“

Richter Klaus Mittelstädt äußert sich weit zurückhaltender: „Das weitere Vorgehen in dieser Sache hängt vom Verhalten des Beklagten ab“ – also der Lebenshilfe. Deren Anwalt will sich in den kommenden Wochen erst mal mit dem Vorstand beraten. Dann folgt wohl der nächste Gerichtstermin.