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Wermelskirchener Mutter berichtet
Leben von Hartz IV bedeutet wenig Geld und viele Sorgen

Ein paar Euro-Stücke in einer Geldbörse (Archivbild).
Ein paar Euro-Stücke in einer Geldbörse (Archivbild).
Wermelskirchen. Politik diskutiert, ob Hartz-Empfänger überhaupt mehr Geld brauchen. Betroffene sagen, dass sie jeden Cent dreimal um und ärgern sich über Politiker, die die Grundsicherung auch noch loben: Ein Besuch bei Hartz IV-Empfängern. Theresa Demski

Die Politik diskutiert, ob Hartz-Empfänger überhaupt mehr Geld brauchen. Betroffene sagen, dass sie jeden Cent dreimal um und ärgern sich über Politiker, die die Grundsicherung auch noch loben: Ein Besuch bei Hartz-IV-Empfängern.

Simone Müller* geht abends mit Kopfschmerzen ins Bett. "Eigentlich denke ich immer an unsere Armut", sagt die 42-Jährige, "wenn ich morgens aufstehe, ist mein erster Gedanke der, wie ich uns durchbringe." Gemeinsam mit ihren beiden Söhnen lebt die Wermelskirchnerin auf 70 Quadratmetern. Die Jungs, 17 und 11, teilen sich ein Zimmer. Die Miete von rund 500 Euro übernimmt der Staat. Dazu gibt es Hartz IV, 530 Euro für die kleine Familie. "Ich bin seit zehn Jahr geschieden", erzählt die gelernte Hauswirtschaftlerin, "und seitdem leben wir von der Grundsicherung." Einkalkuliert hatte sie das nie. Aber es sei schwierig, als Mutter einen Job zu finden, sagt sie. Sie könne eben nicht so flexibel einspringen, wie andere.

Ihr Jüngster sei ja erst elf und gesundheitlich angeschlagen. Also bewirbt sie sich, auch in der Pflege, und versucht jede neue Absage nicht zu nah an sich herankommen zu lassen. "Ich rechne jeden Monat durch", sagt sie, "unüberlegte oder spontane Ausgaben gibt es bei uns nicht und ich versuche gleichzeitig, ein bisschen zurückzulegen, falls unser alter Trockner kaputt geht."

Einmal in der Woche geht sie zur Tafel. Früher sind die Jungs mitgegangen, auch mal zum Mittagstisch. "Aber meinen Söhnen ist das peinlich", sagt sie, "und ich verstehe das". Auch sie selber habe mit Scham zu kämpfen, wenn sie ihre Lebensmittel abholt. Aber Stolz könne sie sich eben nicht leisten.

Mittwochs bei der Ausgabe der Tafel trifft sie dann zuweilen auch auf Michael Grün. Er ist 63, lebt alleine und fand nach einem Herzinfarkt und seiner Kündigung vor zehn Jahren keine neue Arbeitsstelle. 336 Euro hat er im Monat zum Leben. " Wenn ich Jens Spahn höre, der meint, das reicht, dann platzt mir die Hutschnur", sagt der Wermelskichener, " der sollte einen Monat lang mal von dem Geld leben, von dem ich lebe, dann wüsste er wovon er redet." Michael Grün ist immer auf der Pirsch nach Angeboten, hat Jahre lang auf einen kleinen Urlaub gespart, den er nächste Woche antreten will. Irgendwann zog er mit einer Frau zusammen. Aber als ihre Hartz IV-Bezüge gegeneinander aufgerechnet wurde, da zog sie wieder aus.

Diese Rechnerei kennt auch Simone Müller. "Und ich empfinde das als ungerecht", sagt sie und denkt zum Beispiel an das Kindergeld. Das werde zwar ausgezahlt, aber angerechnet. Während jeder normale Arbeitnehmer das Kindergeld zusätzlich zum Lohn erhalte, werde es bei Hartz-IV-Empfängern als Einnahme verbucht.

"Mein Sohn hat jetzt einen kleinen Job", erzählt die Wermelskirchenerin. Aber auch seine 300 Euro werden auf die Grundsicherung angerechnet. "Ich bekommen also 200 Euro weniger, die er nun in die Haushaltskasse zahlen muss", sagt die zweifache Mutter, "bleiben für ihn gerade mal 100 Euro." Das sei frustrierend - auch für den Jungen. Der habe genauso wie sein Bruder ohnehin schon damit zu kämpfen, dass sie im Vergleich mit Freunden oft das Nachsehen hätten. "Markenklamotten gibt es bei uns nur, wenn sie runtergesetzt sind. Eine Hose darf nicht mehr als 30 Euro kosten", erklärt sie.

Brigitte Krips, Vorsitzende der Tafel in Wermelskirchen, weiß um die Not vieler Kinder: "Es ist nicht leicht, Armut zu definieren", sagt sie. Natürlich habe die Politik Richtwerte. Aber am Ende gehe es vor allem um ein persönliches Empfinden. Kinder, die zur Einschulung keinen neuen Ranzen, die alte Hosen und kein Handy haben und nie in den Urlaub fahren, die würden das Gefühl der Armut kennen. Das sei auch ein gesellschaftliches Problem, sagt sie. Denn die Statussymbole seien immer vielfältiger und die Schere spiegle sich so in immer Bereichen des Lebens wider.

"Aber", das betont die Vorsitzende der Tafel mit Blick auf die aktuelle politische Diskussion auch, "in Deutschland braucht niemand zu hungern." Allerdings seien die Sätze für die Grundsicherung oft eher theoretisch berechnet: Ein Eis mit dem Enkel, ein Kinobesuch, sei eben nicht drin bei Hartz IV. Und diese knappe Berechnung entdeckt sie auch an anderen Stellen. Ein Beispiel: Inzwischen habe der Staat ein Budget für Schulbedarf eingerichtet: "Aber der ist zu knapp bemessen", sagt sie. Mit 70 Euro zur Einschulung könne nicht einmal ein Ranzen angeschafft werden, stellt Brigitte Krips fest. Geschweige denn eine Schultüte. Also versucht die Tafel einzuspringen und zu helfen.

(*Namen geändert)