Man wollte die künftige Bundespräsidentin Barbara Kuster nicht verpassen. Organisiert hatte den Wahlkampfauftakt Karla Dyck, wie seit elf Jahren alle Kabarettveranstaltungen der Reihe ,,Kabarett á la carte" an der Neuen Bühne. Sie verabschiedete sich mit der Veranstaltung vom Publikum.

,,Vergessen Sie Weihnachten, es gibt Wichtigeres", marschiert Barbara Kuster, Schwarz-Rot-Gold umweht, ins Theater als passenden Wahlkampf-Ort, schüttelt jovial Hände und verkündet: ,,Es geht um Deutschland, also um mich!" Ja, der Bundespräsident wird zum ersten Mal direkt gewählt und es wird eine Bundespräsidentin sein, ,,nämlich ICH". Gauck sei doch eher etwas wie ein Heiliger, sie selbst werde kurz, prägnant und konkret Verantwortung übernehmen, denn ,,ich arbeite für Deutschland und bin maßlos begeistert - von mir"! Wohl noch mehr als Gauck von sich begeistert ist, macht sie Horst in der ersten Reihe klar. Denn es gehe nur mit Leuten wie Horst, die ,,an mich glauben".

Als Potsdamer Urgestein mit preußischer Erziehung, gestärkt als Lehrerin, Rocksängerin, Kabarettistin und Weißweinbeauftragte der Evangelischen Kirche und gestählt auf allen einschlägig bekannten Kabarett-Bühnen der Republik will Barbara Kuster nun die bedeutendste Bühne der deutschen Realsatire erobern: das Schloss Bellevue. Sie wird den Stahl noch selbst härten, verspricht sie dem Wahlvolk im Saal. Dann kustert sich die ,,Eiserne Lady" durch zwei Reden an die Deutschen, die klar machen, auch mit ihr im Präsidentenamt wird sich nichts ändern, höchstens mehr Spaß gibt es ab und zu. Mit Wortgewittern, heftiger Gestik und Mimik und vollem imposanten Körpereinsatz (Gauck hat keine Chance!) tritt sie mutig in die ,,Schleimspur der Berufspolitiker", attackiert die ,,Trockenobstfrauen" nicht nur in Führungsfunktionen, will nur ,,unbedingt notwendige Kriege führen" und das Nord-Süd-Gefälle abbauen. Saubere Energie für den Herzschrittmacher könne auch in Süddeutschland jeder auf dem Hometrainer selbst produzieren. Schließlich schöpft Kuster den Schaum vom Sauerkohl, damit in ,,deutschen Auen und Gauen" das Braune nicht durchkommt.

Das Senftenberger Publikum ist seit elf Jahren mit politischem Kabarett verwöhnt. Auf dieser Bühne muss man besonders gut sein. Das gelingt Barbara Kuster nicht durchgängig, zumindest nicht mit den Themen Integration und Muslime, auch nicht als neue Bundespräsidentin in Schwäbisch-Walhalla. Aber wer kann in dem Amt schon voll überzeugen? Reden müssen eben gehalten werden. Dafür punktet Barbara Kuster zur Freude des Publikums mit Bauchtanzeinlage, Rammstein-Wutbürger-Persiflage, rockiger Stimme und gekonnter Inszenierung des präsidialen Jubelfinales. Das ist schon sehr viel für eine Bundespräsidentin. Ach ja, Weihnachten gibt es doch noch. Wenn auch traurig-makaber mit einem Geflügelnachruf. ,,Die Gans liegt schwer und fett in meines Magens Tiefe." Die Reue kommt zu spät - denn ,,lecker war sie trotzdem".

Mit stehendem Applaus verabschiedet das Publikum die Theaterpädagogin und Organisatorin der Lese- und Kabarettreihe an der Neuen Bühne. Karla Dyck, die mit ihren Abschiedsworten die ,,Neue Bühne" als kulturelle Heimat für viele Menschen hervorhebt, wird im Januar das Theater verlassen und in den Ruhestand gehen. Bis zum Juni hat sie noch vier weitere hochkarätige Kabarettabende vorbereitet.