Von Bodo Baumert

„Bliev do, wo de bess,

Halt dich irjendwo fess

Un bliev su, wie de wohrs: Jraaduss.“

Mit solchen Liedzeilen hat sich die Gruppe BAP in den 80er-Jahren in der DDR viele Freunde gemacht (die übersetzten Liedtexte finden Sie auf www.lr-online.de/geschichte). Dass die Texte der Kölner Mundart-Rocker auf Kölsch gesungen sind, stört da wenig. Dass sie eigentlich auch gar nichts mit dem DDR-Alltag zu tun haben, ebenso wenig. BAP ist gerade auf dem aufsteigenden Ast in West-Deutschland. Die von der Phonoakademie als  „Entdeckung des Jahres“ gepriesene Band hat sich in der Friedensbewegung und den Protesten gegen den Nato-Doppelbeschluss viele Freunde gemacht. Dem ZK der SED kommen sie deshalb als „im besten Sinne Bündnispartner“ vor. 1983 wird die aktuelle Platte „Vun drinne noh drusse“ über Amiga offiziell im Osten verbreitet.

Und es soll noch besser kommen aus Sicht der BAP-Fans diesseits der Mauer. Ende 1983 ist eine TV-Sendung mit den West-Rockern geplant. Anfang 1984 sollen sie dann bei „Rock für den Frieden“ in Ost-Berlin auftreten und anschließend eine Tour durch die DDR starten. Insgesamt 14 Konzerte sind von Leipzig bis Jena geplant. Am 25. Januar steht Bautzen auf dem Plan. Die Karten sind – soweit erhältlich – in Windeseile vergriffen, die Vorfreude auch in der Lausitz groß. Doch es kommt anders.

„’84, unger Linde,

Winterohvend, Januar.

Ostberlin, die Muhr vun hinge,

Showdown enn ’ner Hotelbar.

Funktionäre, Diplomate, wäm vertraut mer un wäm nit?

En Handvoll nötzliche Idiote,

die dä Wald vüür lauter Bäum nit sieht.“

So hat Sänger Wolfgang Niedecken – damals wie heute Sänger und Gesicht der Band – die Ereignisse von vor 35 Jahren später in einem Lied zusammengefasst. Dem „Showdown“ in Ostberlin ging ein Fernsehauftritt Ende 1983 in Magdeburg voraus. In Probe-Interviews mit dem Moderator merkt Wolfgang Niedecken schnell, wie es um die Meinungsfreiheit im Osten des Landes steht. „Immer, wenn ich eine Antwort gegeben habe, kam die Frage nochmal andersherum, weil ich anscheinend nicht die richtige Antwort gegeben hatte, also nicht die, die in den Kram passte“, erinnert er sich im RUNDSCHAU-Interview. Russische SS20 als Friedensraketen, amerikanische Pershings als Kriegswaffen – „vor diesen Karren“ will sich BAP nicht spannen lassen. Im Fernsehen ist schließlich gar kein Wort der Gäste zu hören.

BAP reagiert mit den eigenen Mitteln. Mit „Deshalv spill mer he“ schreibt Wolfgang Niedecken ein eigenes Lied für die DDR-Tour.

„Hey, du do un du, wann ess et he su wigg,

Dat mer de Muhl opmaache darf, wemmer jet saare will?

Weed höchste Zick“

Bei einigen Auftritten auf dem Weg nach Osten spielt BAP die provokante Nummer. Die dabei anwesenden Gesandten der DDR-Künstleragentur  bleiben aber ruhig – wahrscheinlich, weil sie kein Wort verstehen. Als BAP dann aber in Berlin eintrifft, wollen die Ost-Verantwortlichen doch mal bitte auf den Text schauen. Die Musiker, schon reichlich frustriert, weil man ihnen im Vertrag für die Tour auch vorschreiben wollte, was sie spielen, reagieren patzig. Erst nach stundenlangen Gesprächen rücken sie eine handschriftliche Version des Textes raus. Was die Verhandler der Gegenseite da lesen, sorgt für ziemlichen Ärger.

„Un noch jet, falls et nit schon ohnehin bekannt,

Dat ahn die Clique, die sich „Volksvertreter“ nennt:

Uns kritt ihr vüür kein offizielle Kaar jespannt,

He, wo jet andres unger unsre Näjel brennt.

Denn mir hann Fründe he, die hann kein wieße Duuv op blauem Jrund,

Die hann ’ne Schmied, dä määt e’ Schwert jraad zo ’nem Plooch,

En SS20 zo ’nem Traktor un en Pershing zo ’ner Lok,

Die hann vum Rüstungsschwachsinn su wie mir jenooch.“

Das kann nicht gutgehen. Die Künstleragentur schaltet ihre Vorgesetzten ein. Der BAP-Manager wird schließlich ins Ministerium bestellt. Als auch dort alle Gespräche scheitern, reist BAP noch am Abend ab. In seinem Lied „Unger Linde, enn Berlin“ beschreibt Wolfgang Niedecken später die skurrile Szene des Volkspolizisten, der die Musiker an der Mauer verabschiedet und erzählt, wie sehr er sich auf das Konzert am nächsten Abend freut.

„Ussjecheckt Unger dä Linde,

Moritzplatz, dä Vopo strahlt,

Weiß noch nit, dat mir verschwinde, hätt für morje Naach en Kaat.

Dann die Bletzleechter un die Mikrophone un dä schleimije Applaus,

Sehr, sehr wichtije Persone, die mer langsam jetz durchschaut.“

BAP ist weg, der Eklat perfekt. In einem Brief an den Kulturmister rechtfertigt der Generalsekretär der Künstleragentur den Vorfall. „Der Text des Liedes ist für die DDR nicht akzeptabel. Angesichts des Verhaltens der Gruppe müssen wir davon ausgehen, dass es sich um eine gezielte Provokation handelt.“ Das bestreitet Wolfgang Niedecken im RUNDSCHAU-Interview.

Der Schaden ist dennoch da. Während sich BAP in West-Berlin gegen falsche Schulterklopfer zur Wehr setzt, macht man in Ost-Berlin die Mauer dicht. „Der Vorfall sollte gewaltige Kreise ziehen“, schreibt Michael Rauhut in seinem Buch „Rock in der DDR“. „Schon am 17. Januar verfügte das Politbüro die Ausarbeitung einer Vorlage zum Auftreten von Rockgruppen aus der DDR.“ Die Konsequenz: Gastspiele von Rockgruppen aus dem Westen werden gestrichen. Leidtragender ist unter anderem Udo Lindenberg, der sich seinen „Sonderzug nach Pankow“ nun abschminken kann.

Von all dem erfahren die meisten DDR-Bürger nichts. Auch die RUNDSCHAU berichtet zwar über „Rock für den Frieden“. Dass aber die wichtigste Band gar nicht aufgetreten ist, wird dezent verschwiegen.

Die Fans in Berlin und an den anderen Spielorten der geplanten Tour erfahren erst vor Ort, dass BAP nicht kommt. Stattdessen müssen Ostbands in die Bresche springen. In Berlin sind es die Puhdys. Noch 1999 regt sich Sänger Dieter Birr im RUNDSCHAU-Interview auf: „Ich fand die Reaktion von BAP echt bescheuert und unfair dem Publikum gegenüber.“ Für die Puhdys wurde der Auftritt dennoch zum Erfolg. „Nach einigen Pfiffen zu Anfang wurde es ein gigantisches, umjubeltes Konzert“, so Dieter Birr.

Wolfgang Biermann hingegen lobt die Entscheidung von BAP einige Wochen später im Spiegel: „Die Kulturbonzen der DDR haben eben vor ein paar kölschen Wahrheiten mehr Angst als vor einem Skandal, der entstand, als die BAP-Leute sich entschlossen, keine DDR-Zensur zu dulden. Und auf längere Sicht haben Wolfgang Niedecken und seine Freunde mit guter Nase den besseren Fehler gemacht.“

Für die Fans in der DDR wird es allerdings noch ein paar Jahre dauern, bis sie BAP endlich live erleben. 1989 bei zwei Auftritten in der UdSSR bietet sich für einige die erste Gelegenheit. 1991 spielen BAP dann erstmals in den nun Neuen Ländern. Es folgen zahlreiche weitere Konzerte, 1997 sogar in Cottbus. Nur bis Bautzen haben es Wolfgang Niedecken und seine Musiker nie geschafft.

Interview Wolfgang Niedecken „Doch, das Lied war nötig“

Cottbus

Cottbus/Köln