Eigentlich hatte Barbara S. angekündigt, bei der Urteilsverkündung dabei zu sein. Sie wolle wissen, wie lange ihr Peiniger hinter Gitter muss, nachdem er sie brutal vergewaltigt hatte. Barbara S. aber hat sich am Montagvormittag nicht in den großen Saal des Landgerichts Cottbus getraut. Nach ihrer Aussage, so ihre Anwältin, sei die zierliche junge Frau zusammengebrochen. Zweieinhalb Jahre nach der Tat braucht sie wieder psychologische Hilfe.

Oktober 2012: Barbara S. steht bereit an der Berliner Kurfürstenstraße. Sie arbeitet auf dem Straßenstrich, findet in Benjamin H. einen vermeintlichen Kunden. Sie will mit ihm zum nahen Stundenhotel fahren, aber Benjamin H. fährt weiter, raus aus Berlin und in die "Brandenburger Einsamkeit", wie der Staatsanwalt den Schönefelder Ortsteil Kleinziethen nennt. Benjamin H. erzählt Barbara S, dass er Polizist sei, dass er nur ihre Papiere überprüfen wolle. Sie brauche keine Angst zu haben. Er zeigt ihr einen Dienstausweis, den er hinter der Sonnenblende hervorholt. Und eine Waffe, die er in der Türverkleidung verstaut hat. Barbara S. hat Todesangst.

Auf einem abgelegenen Feldweg im Schönefelder Ortsteil Kleinziethen zwingt Benjamin H. die junge Ungarin zum Sex. Danach fährt er sie zu einer Bushaltestelle und fährt weg. Barbara S. sucht Hilfe bei den Bewohnern eines Einfamilienhauses. Der Bewohner ruft die Polizei, die fahren an den Tatort und finden ein benutztes Kondom. Daran finden die Ermittler später DNA des Täters, außen die DNA der 22-Jährigen. Als die Beamten den Tatort nach weiteren Spuren absuchen, nähert sich ein Auto. Der Fahrer entdeckt die Ermittler und drückt aufs Gas, um nicht gesehen zu werden. Ob Benjamin H. an den Tatort zurückkommen wollte, um seine Spuren zu verwischen, kann bis heute nicht sicher gesagt werden. Wahrscheinlich aber sei es, so der Vorsitzende.

Brille und Tätowierung

Barbara S. sitzt derweil bei der Polizei, zeichnet die auffallend eckige Brille nach, die ihr Vergewaltiger getragen habe. Und eine Tätowierung, die der Mann auf dem rechten Oberarm gehabt habe. Das Auto, mit dem Benjamin H. sein Opfer in Richtung Brandenburg entführt hatte, war zuvor in einem Autohaus in Berlin gestohlen worden. Benjamin H. ist mehrfach vorbestraft, unter anderem auch wegen Autoklaus.

Er könne sich an die Nacht nicht erinnern, hat Benjamin H. während der Verhandlung immer wieder gesagt. Eine reine Schutzbehauptung, schätzt der Vorsitzende ein.

Eine Geiselnahme, die Staatsanwaltschaft und Verteidigerin der Nebenklage in der Tat gesehen haben wollen, erkennt das Gericht nicht. Dafür, so der Vorsitzende, fehle die Todesdrohung. Wohl aber sei die Tat als schwere Vergewaltigung zu werten: Dass der Täter sich eine Ungarin mit schlechten Deutschkenntnissen ausgesucht habe, ihr Geldbörse, Handy und Ausweis weggenommen und sie dazu auch noch in eine Gegend geführt habe, in der sich das Opfer nicht auskannte, habe die 22-Jährige in eine schutzlose Lage versetzt, so das Gericht.

Auch ein Schmerzensgeld wird fällig, kündigt der Vorsitzende an. In welcher Höhe, das müsse das zivilrechtliche Verfahren zeigen. Die Anwältin des Opfers hatte 20 000 Euro gefordert. Dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf Haftbefehl wegen Fluchtgefahr kam der Vorsitzende nach.

Benjamin H. wäre für seine Tat alleine für sechs Jahre und sechs Monate hinter Gitter gegangen. Da aber zwei weitere Haftstrafen aus den vergangenen Jahren noch nicht vollzogen sind, verhängt das Cottbuser Landgericht eine Gesamtstrafe von acht Jahren und neun Monaten. Ein Monat gilt bereits als vollzogen wegen der langen Zeit, die die Tat bereits zurückliegt.