ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:45 Uhr

Aktives Hirn im Schlummer
Wer seine Träume verliert, verliert den Verstand

Cottbus. Jeder Mensch tut es. Egal ob jung oder alt, egal ob Mann oder Frau. Wir tun es jede Nacht oder immer dann, wenn wir fest schlafen – wir träumen. Unser Gehirn ist hochaktiv, allerdings ganz anders als im Wachzustand. Aber warum ist das so? Was passiert mit uns wenn wir träumen? Und vor allem: Was haben diese Träume zu bedeuten? Von Bettina Friedenberg

Ruhig ist es im Labor von Dr. Frank Käßner (57). Sehr ruhig sogar. Zum Einschlafen ruhig, traumhaft friedlich. An den Wänden viel Kunst, beinahe wie in einer Gemäldegalerie, die sich auf Kunst spezialisiert hat, die ausschließlich Schlafende zeigt oder beschreibt. Und so soll es auch sein. Dr. Käßner ist Facharzt für Lungenheilkunde, Schlafmediziner und Leiter des Cottbuser Schlaflabors. Es ist das größte seiner Art in Brandenburg, wurde vor einem Jahr eröffnet und hat zehn Schlaf-Zimmer. Jetzt, um kurz nach 21 Uhr, ist jeder dieser Räume belegt. Männer und Frauen haben sich ins Bett gelegt, bald wohl werden die meisten eingeschlafen sein. Und jede ihrer Bewegungen und Regungen wird aufgezeichnet. Hirnströme, Augenbewegungen, Herzfrequenz, Muskelbewegungen, Schnarchen, Bewegungen von Brust, Bauch und Beinen, nichts bleibt unbemerkt.

Wer hierher zum Schlafen kommt, will aber kein Nickerchen machen, sondern hat ernsthafte Probleme. Schlafprobleme. Etwa 1200 Patienten kommen jährlich ins Interdisziplinäre Schlaflabor Cottbus ( ISMZ) Durchschnittlich zwei Nächte lang lässt jeder von ihnen seinen Schlaf überwachen und ggf. behandeln, in der Regel auf dringenden ärztlichen Rat. Denn immer mehr Menschen leiden unter Schlafproblemen.

88 unterschiedliche Schlafstörungen haben Mediziner bislang identifiziert und in sechs Gruppen aufgeteilt: Es gibt die Gruppe der Einschlaf- und Durchschlafstörungen (Insomnien), die schlafbezogenen Atemstörungen (z.B.: Schlafapnoe-Syndrom), Hypersomnien (wie Narkolepsie, plötzlicher Schlaf am Tag), zirkadiane Rhythmus-Störungen (darunter leiden oft Schichtarbeiter oder Jetlag), Parasomnien (Fehlverhalten im Schlaf wie Schlafwandeln oder Albträume) und schließlich die Gruppe der Bewegungsstörungen (darunter Restless Legs Syndrom, Zähneknirschen).

„Laut einer Studie der DAK leiden 80 Prozent aller Erwerbstätigen unter Schlafstörungen“, sagt Dr. Käßner. „Das sollte uns wachrütteln.“ Denn der gestörte Schlaf ist kreuzgefährlich. Bei etwa 20 Prozent aller Verkehrsunfälle sei Unausgeruhtheit eine wahrscheinliche Ursache, sagt Dr. Käßner. Oder der Sekundenschlaf.

Zudem nehmen die Schlafstörungen zu. Reizüberflutung, gesellschaftlicher Druck, der Einfluss visueller Medien sind nur einige Gründe, warum der moderne Mensch immer weniger zur Ruhe kommt. Zwar ist Schlafbedürfnis eine ganz individuelle Angelegenheit, und es gibt tatsächlich die Lerchen (morgens aktiv), Eulen (nachtaktiv) und sogar Goldammern (die sind mittags am fittesten). Dennoch hat sich die durchschnittliche Schlafdauer in den vergangenen 150 Jahren deutlich reduziert. Waren es damals noch acht bis neun Stunden, gönnen wir uns heute nur noch sechs bis sieben Stunden Schlaf.

Ohne Schlaf gibt es aber auch keine Träume. Und das ist fatal. „Loose your dreams und you will loose your mind“, singen die Rolling Stones (Verliere deine Träume, und du verlierst deinen Verstand). „Während der Tiefschlaf wichtig ist für die körperliche Erholung, ist der Traumschlaf wichtig für die geistige Erholung“, sagt Dr. Käßner.

Nur wer ausreichend träumt, fühlt sich auch richtig wohl. Im Traum verarbeitet das Bewusstsein im Unterbewusstsein Erfahrungen. Klingt kompliziert. Ist es auch. „Träume geben uns ein Bild zwischen Körper und Psyche, das wir noch nicht komplett verstehen“, sagt Dr. Käßner. Zwar ist es inzwischen möglich, die beim Träumen aktiven Hirnregionen bildhaft darzustellen. Seither wissen die Experten, wo im Gehirn die Träume entstehen. Aber was genau sie bedeuten, das bleibt Interpretationssache. „Und bei Interpretationen, da kann man viel Falsches sagen“, sagt Dr. Käßner.

Fakt ist: Traumdeutung beschäftigt die Menschheit, seit sie sich ihrer Träume bewusst ist. Träume spielen in der Bibel eine Rolle, Odysseus träumte vom Trojanischen Pferd, und Einstein soll beim Erzählen seiner Träume auf den richtigen Weg zur Relativitätstheorie gekommen sein. Aber selbst die Erkenntnisse des Pioniers der Traumdeutung, Sigmund Freud, halten vor den heutigen Erkenntnissen der Forschung nicht stand.Sexualität ist zweifellos eine unserer wichtigeren Triebfedern. Aber nicht Dreh- und Angelpunkt für alles. Als ganz sicher kann gelten, dass Träume Inspiration liefern, sie sind Anlagen für Kreativität und emotionale Leistungsfähigkeit. „Viele Künstler haben davon gelebt, dass sie ihre Träume auf Leinwand gebracht haben, auf Papier oder zu Noten.“

Vier Phasen durchleben wir in einer durchschnittlichen Nacht: Tiefschlaf und Traumschlaf (REM-Schlaf) wechseln sich ab (siehe Grafik). „In der REM-Phase wird das vegetative Nervensystem aktiviert“, sagt Dr. Käßner. Die Muskulatur hingegen erschlafft. Inzwischen weiß man, dass der Mensch auch in der Tiefschlafphase träumen kann, selbst unter Narkose und im Koma ist das nicht ausgeschlossen.

Ebenfalls fest steht: Auch beim Träumen gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen. „Frauen träumen häufiger als Männer“, sagt Dr. Käßner. „Sie träumen anders, ihre Träume spiegeln oft wider, was sie tagsüber erlebt haben. Und sie können sich öfter daran erinnern.“ Der Mannheimer Schlafforscher Michael Schredl hat die Hauptthemen der Geschlechter katalogisiert. Es offenbart sich wenig Tiefgründiges: Viele Männer träumen offenbar gern von Autos, Jagd und Sex. Viele Frauen beschäftigen sich auch im Traum noch mit Haushalt, Kindern und Kleidung.

Wessen Träume jedoch immer wieder gestört werden, etwa durch bestimmte Medikament oder Drogen, der wird das spüren. Die möglichen Folgen reichen von Unkonzentriertheit über Depression bis zur Demenz. Aber was ist mit Albträumen, die möchte in der Regel niemand haben, aber etwa fünf Prozent aller Menschen leiden unter ständigen Albträumen. „Luzide Träume können als Gegenmaßnahme helfen“, sagt Dr. Käßner. Das sind Träume, bei denen sich der Träumende bewusst ist zu träumen, und in denen der Trauminhalt deshalb beeinflusst werden kann. „So kann der Albtraum willentlich übertönt werden.“ Eine Technik, die man lernen kann. Oder eine Gabe, die man hat.

So wie Dr. Käßner. Albträume plagen ihn nicht. Nicht mehr. „Heute kann ich aus unangenehmen Träumen aussteigen“, sagt er. „Ich weiß nicht wie, aber es geht.“ Traumhaft.

Schlafen und Träumen..Aufzeichnung
Schlafen und Träumen..Aufzeichnung FOTO: LR / Bettina Friedenberg
Schlafphasen
Schlafphasen FOTO: LR / Katrin Janetzko