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| 14:36 Uhr

RUNDSCHAU-Serie: Schlafen & Träumen
Das andere Wachen

Animierte Traumwelten
Cottbus. Etwa ein Drittel unseres Lebens verschlafen wir. Und das ist gut so. Denn Schlaf ist Wellness für unser Immunsystem und Weiterbildung fürs Gehirn. Von Iris Humpenöder

Der Schlaf ist für den ganzen Menschen, was das Aufziehen für die Uhr, soll Arthur Schopenhauer vor gut 200 Jahren philosophiert haben. Prof. Jan Born, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie am Uniklinikum Tübingen, drückt es so aus: „Schlaf betrifft den gesamten Organismus.“

Wir verschlafen durchschnittlich ein Drittel unseres Lebens. Doch was passiert in dieser Zeit? Wir wissen es nicht wirklich, denn wir haben während des Schlafs kein Bewusstsein. Völlig bewusstlos sind wir allerdings auch nicht, „denn wir schließen nicht alle Reize aus“, sagt Born. Werde etwa der eigene Name genannt, weckt uns das auch dann auf, wenn dies nicht besonders laut geschieht.

Schlaf ist ein anderes Wachen. Wir legen uns dafür zur Ruhe. Der Atem wird langsamer und regelmäßiger, ebenso der Herzschlag, die Augen sind geschlossen, die Muskulatur erschlafft. „Allerdings trifft das nicht auf jedes Schlafstadium zu“, sagt Born.

Obwohl es scheint, als wäre der Schlafende die Ruhe selbst, durchläuft sein Körper verschiedene Stadien. Grundsätzlich unterscheide man den orthodoxen und den paradoxen Schlaf, sagt Born. Forscher leiten durch Elektroden am Kopf die Gehirnströme ab und beobachten weitere Körperfunktionen – etwa die Augenbewegungen. Während des orthodoxen Schlafs misst die Elektroenzephalografie (EEG) langsame Delta-Wellen, weshalb diese Phase auch Tiefschlaf oder Delta-Schlaf genannt wird. Der Blutdruck sinkt, ebenso die Körpertemperatur um bis zu ein Grad.

Anders im paradoxen Schlaf: Die – geschlossenen – Augen bewegen sich schnell hin und her, weshalb diese Phase auch REM-Schlaf genannt wird (abgeleitet von „Rapid Eye Movement“ = schnelle Augenbewegung). Das EEG-Muster ähnelt dabei dem des Wachseins, das Herz schlägt schneller, allerdings ist die Muskulatur völlig inaktiv. Die Forscher vermuten, dass so verhindert werden soll, dass wir Träume „körperlich“ ausleben. Vier bis fünf REM- und Non-REM-Phasen wechseln sich pro Nacht ab, ein Zyklus dauert rund 100 Minuten.

„Es ist nicht normal, dass man durchschläft“, betont der langjährige Schlafforscher Jürgen Zulley, Professor für Biologische Psychologie an der Uni Regensburg. Man werde immer mal wieder wach, manchmal so kurz, dass man sich daran nicht erinnert, es also gar nicht bemerkt. Etliche Menschen wachten gegen drei Uhr früh auf, so Zulley, der dies „die Stunde des Wolfs“ nennt, wenn Blutdruck und Körpertemperatur die tiefsten Werte erreichen und der Körper zur Vorbereitung der Wachphase beginnt, Stresshormone auszuschütten. Sein Tipp: „Wenn Sie das nächste Mal nachts wach werden, denken Sie daran, dass das in Ordnung ist, drehen sich um und schlafen weiter.“

„Ab 40 Jahren nimmt der Delta-Schlaf deutlich ab“, sagt Born. „Ein 80-Jähriger hat fast keine Tiefschlafphasen mehr.“ Dennoch könnten sich auch Ältere morgens frisch und ausgeschlafen fühlen. Allerdings funktioniere womöglich ihr Langzeitgedächtnis nicht mehr so gut wie in jungen Jahren. Denn eine der wichtigsten Aufgaben des Schlafs ist es, dass dabei jene Informationen gespeichert werden, die tagsüber eingegangen sind. „Nur mit dieser Gedächtnis bildenden Funktion des Schlafs könnte erklärt werden, warum wir im Schlaf das Bewusstsein ausschalten“, sagt Born. „Denn die neuronalen Netzwerke im Gehirn können nicht gleichzeitig akute Informationen aufnehmen und andere langfristig abspeichern.“

In Versuchen haben er und sein Team festgestellt, dass Gelerntes besser im Gedächtnis bleibt, wenn man gut schläft, nachdem man gelernt hat. „Das weiß man schon seit gut hundert Jahren, aber wir wollten den Mechanismus, der dafür verantwortlich ist, verstehen“, sagt Born. Vor 15 Jahren habe man noch geglaubt, Schlaf wirke vor allem passiv, er schütze quasi das Gehirn davor, nachts noch mehr Informationen draufzupacken. Heute wisse man aber, dass das Gehirn im Schlaf keineswegs passiv bleibt, sondern die Informationen des Tages reaktiviert und verfestigt. „Wobei die Informationen nicht eins zu eins kopiert, sondern geordnet und wichtige Dinge herausgefiltert werden.“

Neben der Verarbeitung von Informationen im Gehirn sorgt der Schlaf aber auch für physiologische Regeneration. Die Körperzellen reparieren sich, im Tiefschlaf werden Wachstums- und Schilddrüsenhormone ausgeschüttet sowie Interleukine – das sind Botenstoffe, die das Immunsystem steuern.

Im Schnitt schlafen wir sieben bis acht Stunden pro Nacht. Säuglinge brauchen deutlich mehr Schlaf. Der Grund: Sie müssen täglich ungeheuer viele Informationen aufnehmen, zum Beispiel Sprechen lernen.

Das individuelle Schlafbedürfnis sei allerdings nicht so leicht zu bestimmen, sagt Born. Die beste Methode: Im Urlaub zwei, drei Wochen lang versuchen, so lange zu schlafen, bis man von selbst aufwacht. Und dann wirklich aufstehen und nicht noch einen „Luxusschlaf“ dranhängen. „Nach zwei Wochen müsste man dann eigentlich wissen, wie viele Stunden Schlaf man idealerweise benötigt.“

Dass jemand mit wesentlich weniger als sieben Stunden auskommt, glaubt der Wissenschaftler nicht. „Manche gewöhnen sich an, nur fünf Stunden zu schlafen und sind dann überzeugt, nicht mehr zu brauchen.“ Doch das Gehirn könne tagsüber durchaus eine Zeitlang in eine Art automatischen Modus verfallen. „So kommen beispielsweise Unfälle dadurch zustande, dass die Menschen gar nicht erkennen, wie müde sie eigentlich sind“, sagt Born.

Nicht nur die Schlafdauer, auch der Einschlafzeitpunkt ist individuell. Physiologisch gesehen ist die beste Einschlafzeit, wenn die Körpertemperaturkurve am steilsten abfällt. Und Mittagsschlaf? Von dem rät Born eher ab – außer bei Kindern. „Schlafen Erwachsene tagsüber, kann sich der Nachtschlaf verflachen.“ 

FOTO: Daniel Nimmervoll - stock.adobe/fotolia / Daniel Nimmervoll