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| 18:35 Uhr

Schlafen & Träumen
Sie machen die Nacht zum Tag

Cottbus. Während die meisten von uns im Bett liegen und selig schlummern, sorgen andere Menschen für unsere Sicherheit, stehen in Fabriken am Band oder pflegen unsere Angehörige. Doch die Arbeit gegen die Innere Uhr hat ihren Preis. Von Daniel Roßbach, Beate Möschl, Frank Claus, Anja Hummel, Theres Philipp und Jenny Theiler

Charlotte Loch ist Krankenpflegerin. Seit 2006 arbeitet die Senftenbergerin in diesem Beruf und genauso lange gehören dazu Nachtschichten. Schließlich verlangt gerade intensiv-medizinische Behandlung von Patienten Sorge zu jeder Tages- und Nachtzeit. Allerdings macht die 36-Jährige „mit zunehmendem Alter inzwischen seltener Nachtdienste.“ Das liegt vor allem an einem veränderten Aufgabenprofil und daran, dass Charlotte Loch aus der Nachtschicht kommend nicht mehr ganz ohne Schlaf in den  nächsten Tag gehen kann.

Müdigkeit geht damit zwangsläufig einher. Aber gerade in einer Tätigkeit, bei der Fehler gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen haben können, stellt sich die Frage, ob Nachtschichten ein gesteigertes Risiko von solchen Fehlern mit sich bringen.

Krankenpflegerin Charlotte Loch auf ihrer Station.
Krankenpflegerin Charlotte Loch auf ihrer Station. FOTO: LR / Daniel Roßbach

Das sei aber nicht wirklich ein Problem, sagt Charlotte Loch: „Ja, man ist müder in der Nachtschicht. Und man merkt das auch, wenn beim Schreiben von Dokumentation manchmal mit einem Moment die Gedanken weg sind oder man einen Weg zweimal geht. Aber in der Patientenversorgung ist das kein Risiko, weil man dann konzentriert ist.“ Vor allem in Notfall-Situationen, aber auch bei Routinearbeiten, sei sie „so in Action, da ist man nicht müde. Das Problem sind ruhigere Phasen.“

Ohnehin seien geregelte Nachtschichten viel einfacher zu verkraften als Bereitschaftszeiten über Nacht. Die kennt sie von ihrem Mann, der ebenfalls Krankenpfleger ist und in einer Station für Anästhesie arbeitet. „Immer im Hinterkopf zu haben, ich könnte jederzeit angerufen und müsste dann schnell los, das könnte ich nicht.“

Arnulf Pieschek  bei einer Abstimmung mit   Industriemeister René Glücklich  vom Bereich Reisezugwagen der DB Regio Werkstatt Cottbus und  Fahrzeugingenieur Christian Sonnenberg (v.li.).
Arnulf Pieschek bei einer Abstimmung mit Industriemeister René Glücklich vom Bereich Reisezugwagen der DB Regio Werkstatt Cottbus und Fahrzeugingenieur Christian Sonnenberg (v.li.). FOTO: LR / LR Beate Möschl

In unserem Beruf ist Schichtarbeit normal, sagt Fahrzeugelektriker Arnulf Pieschek. Er arbeitet in der DB Regio Werkstatt in Cottbus. 101  Mitarbeiter sind dort im Einsatz  für die turnusmäßige Instandhaltung von E-Loks und Reisezugwagen des Personennahverkehrs der Bahn. Sie arbeiten rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr.  Pieschek hat hier gelernt,  ist seit 1976 dabei und hat 23 Jahre lang im Lokschuppen im Vier-Schicht-System gearbeitet. Bis Leute gesucht wurden, die bereit waren, nur Frühschicht zu arbeiten und Sonderaufgaben zu übernehmen, etwa die Umrüstung der Funkanlagen in den Loks auf Digital-Standard.  Pieschek meldete sich und blieb dabei. Er steht auf, wenn alles schläft,  um 3.30 Uhr. Um  5 Uhr  ist Arbeitsbeginn.

„Da gewöhnt man sich dran, so wie an die Schichtbetrieb. Der macht nur am  Anfang  Probleme. Da ist es ungewohnt, dass man sich tagsüber hinlegen  und schlafen soll.“ Ein halbes Jahr habe er damals gebraucht, dann war alles eingetaktet. So sei es auch gewesen als er später wieder umsattelte  auf  Frühschicht.

Man habe als Schichtarbeiter nicht automatisch mehr Probleme mit dem Schlaf als jeder andere, wohl aber  im Urlaub, sagt der Forster. „Da knurrt dann schon mal der Magen, wenn er nicht wie sonst auf Arbeit versorgt wird. Oder man merkt abends um  halb acht, dass man müde wird. So wie zu Hause nach der Schicht, wenn man seit 3.30 Uhr auf den Beinen ist.“ Oder es gibt den berühmten  toten Punkt. „Wenn man den  überschritten hatte, kann man gleich durchmachen.“

Hobbys, Freizeit, Freunde, Familie? „Das funktioniert, weil man ja weiß, wann man frei hat. Meine Frau und meine Kinder sind damit groß geworden, dass ich an Wochenenden oder Weihnachten arbeiten war. Sie wussten, dafür bin ich wochentags öfter für sie da. Es hat uns nicht geschadet.“  2019 feiert Familie Pieschek  35. Hochzeitstag.

Seine Arbeit oder Probleme nimmt der Forster  nicht mit in den Schlaf. „Nur ganz selten, wenn irgendetwas mal nicht läuft. Aber ich schlafe dann trotzdem einfach ein, weil ich müde bin“, sagt er.

Steffen Heinzmann aus Bad Liebenwerda, bis zum vorigen Jahr Lokführer, jetzt Personaldisponent bei der Bahn
Steffen Heinzmann aus Bad Liebenwerda, bis zum vorigen Jahr Lokführer, jetzt Personaldisponent bei der Bahn FOTO: LR / Frank Claus

Steffen Heinzmann (55) aus Bad Liebenwerda ist Eisenbahner mit Leib und Seele. Seit 1985 ist er bei der Bahn, hat zu DDR-Zeiten sowohl Personen- als auch Güterzüge gefahren. Nach der Aufteilung der Bahn in verschiedene Sparten und Firmen  – Fernverkehr, DB Regional und DB Cargo – kletterte er auf Güterzugloks, war meist im südlichen Teil Ostdeutschlands unterwegs und hat dabei jede Menge Nachtschichten geschrubbt. „Wobei Nachtschichten bei uns etwas anderes sind als in einem Betrieb, wo der Arbeitsbeginn fast immer der gleiche ist. Bei uns richtet sich der Dienstbeginn nach gebuchten Fahrten.“ Eine exakte Abrechnung soll dafür sorgen, dass das Stundenvolumen eingehalten wird.

Nachts raus aus den Federn? „Früher hat mir das nichts ausgemacht. Aber mit zunehmenden Alter merkst Du das schon. Ich war schon manchmal ziemlich kaputt.“ Denn wer in Schichten arbeitet, müsse sein Leben ganz anders organisieren – erst recht, wenn da auch noch Familie, Haus und Grundstück sind.

Vorschlafen, das könne auch nicht jeder. „Ich habe das irgendwie hingekriegt“, sagt er und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Lokführer schlafen nicht, Lokführer ruhen.“ Noch heute steht er zwischen 3 und 3.30 Uhr auf, weil er sich dann ins Auto setzt, um an seinem Einsatzort Leipzig den Dienst als Personaleinsatzdisponent anzutreten. Ab Januar müsse er nach Halle. Nun ist er es, der die Leute einteilt. Keine einfache Sache, denn wie anderswo fehlen  auch bei der Bahn Leute.

Danny Haschick (41) leistet als Hoyerswerdaer Feuerwehrmann seit mittlerweile 20 Jahren 24-Stunden-Dienste. Als Schnarcher hat er den Ruheraum meistens für sich alleine.
Danny Haschick (41) leistet als Hoyerswerdaer Feuerwehrmann seit mittlerweile 20 Jahren 24-Stunden-Dienste. Als Schnarcher hat er den Ruheraum meistens für sich alleine. FOTO: LR / Anja Hummel

Er kann es immer und überall: schlafen. Es passiert einfach so, auf Knopfdruck: Augen zu, Traumwelt an. Sein Trick: die Macht der Gewohnheit. Seit 2001 ist Danny Haschick als Feuerwehrmann in Hoyerswerda im Einsatz. 2014 hat ein weiterer Posten Einzug in seine Arbeitswelt gehalten: Als Dienstgruppenführer betreut er die Regionalleitstelle Ostsachen, wo alle Notrufe für die Landkreise Bautzen und Görlitz  eingehen. Feuerwache und Leitstelle sind in einem Gebäudekomplex untergebracht. Seine Arbeitszeiten: 6 Uhr bis 6 Uhr. „Ich habe meinen Seelenfrieden mit dem 24-Stunden-Dienst geschlossen“, sagt der 41-Jährige. Gerade deshalb habe er auch keine Probleme, in den Schlaf zu kommen. Egal ob im Bett zu Hause oder im Ruheraum auf der Feuerwache. Das war nicht immer so. Aber nach 17 Jahren im Job, sagt Danny Haschick, ist der unstete Schlafrhythmus zur Normalität geworden. So ist er als Feuerwehrmann in der Nacht immer in Bereitschaftsstellung. „Wenn ich aufstehen muss, bin ich sofort munter“, sagt Haschick, der trotzdem gern ausreichend Koffein in seiner Nähe hat. Seine Regel: „Spätestens ab Mitternacht trinke ich keinen Kaffee mehr.“ Könnte er aber: Hat Danny Haschick Dienst in der Notruf-Leitstelle, muss der Platz von Mitternacht bis sechs Uhr morgens besetzt sein. Nach solch einem Dienst schlummert er zu Hause am liebsten vor dem Fernseher ein und steht gegen Mittag wieder auf.

Und was sagt die Partnerin dazu? „Sie ist selbst aktives Feuerwehrmitglied und versteht das voll und ganz“, sagt Haschick. Was ihm auf der Feuerwache zusätzliche Ruhe beschert: „Ich bin ein Schnarcher.“ So hat er den Drei-Bett-Ruheraum meistens für sich allein. „Neben mir schlafen die Kollegen eher ungern“, sagt er schmunzelnd

Manager on Duty (MoD) im Tropical Islands Kathrin Rothe. Foto: Theres Philipp
Manager on Duty (MoD) im Tropical Islands Kathrin Rothe. Foto: Theres Philipp FOTO: Theres Philipp

Als Manager on Duty (MoD) im Tropical Islands weiß Kathrin Rothe, worauf es in ihrem Job ankommt: soziale Kompetenz, Geduld, schnelle Entscheidungsfähigkeit und Flexibilität. Und das alles nicht nur am Tag, sondern auch nachts.

Seitdem des Tropical Islands 2004 öffnete, ist Kathrin Rothe im Dienst. Was als Praktikum begann, entwickelte sich schnell zu einer Festanstellung im VIP-Gästeservice. Schon damals waren der Krausnickerin Nachtschichten vertraut. „Das ist nur eine Sache der Gewöhnung“ sagt sie. Auch als MoD gehören Nachtschichten zum Dienstplan, denn um die täglichen Prozesse des Tropical Islands zu sichern, ist es nötig, zu jeder Zeit erreichbar zu sein. Das Team um Kathrin Rothe (insgesamt sechs MoDs) ist 365 Tage im Jahr rund um die Uhr als Stellvertretung für den Geschäftsführer und als Ansprechpartner für die Gäste da.

Während das Aufgabengebiet der MoDs zum einen im reibungslosen organisatorischen und technischen Ablauf auf dem gesamten Gelände liegt, konzentriert es sich zum anderen auch auf die Verkehrssicherung. Lichter, Heizungen und Sperrzonen werden kontrolliert, Konflikte zwischen Gästen werden geschlichtet und der nächste Tag wird vorbereitet. Dabei steht der Kontakt zu den Gästen stets im Mittelpunkt.

„Jeder Tag ist interessant, es kommt immer wieder etwas Neues auf uns zu und dadurch wird es nie langweilig,“ sagt Kathrin Rothe. Die Nächte hätten ihren eigenen Charme. Anders als an den turbulenten Tagen kehrt nachts Ruhe in das Tropical Islands ein. Die Arbeitsabläufe sind strukturierter, die die späten Stunden können ideal genutzt werden, um liegengebliebene Aufgaben abzuarbeiten. Doch auch nachts können unerwartete Konflikte auftreten, die die Mitarbeiter auf Trab halten und dann ist es an den MoDs, diese zu lösen.

Auswirkungen auf das Privatleben habe die Nachtschicht nicht. Da Kathrin Rothe seit 13 Jahren im Schichtdienst tätig ist, habe sich Körper und Umfeld damit arrangiert. Probleme mit dem Schlafen kenne sie nicht. Das läge aber auch daran, dass die Einteilung der Dienste konkret geplant sei, sodass mindestens drei Nachtschichten am Stück stattfinden würden. So kann sich der Körper anpassen. Dazu werden wichtige Termine aus dem Privatleben bei der Planung bedacht, um Nachtschichten vor großen, persönlichen Ereignissen zu verhindern.Auch Familie, Freunde und der Partner mussten sich auf den Rhythmus einstellen. Auch dafür hat Kathrin Rothe ein Rezept: „Verständnis und ein gemeinsames Arrangieren“.

Wenn andere schlafen, tritt Polizist Marco Zimmer seinen Dienst an.
Wenn andere schlafen, tritt Polizist Marco Zimmer seinen Dienst an. FOTO: Polizeidirektion Süd

Wenn die meisten Menschen bereits Feierabend haben und es sich zu Hause gemütlich machen oder mit Freunden verabreden, bereitet sich Hauptkommissar Marco Zimmer auf seine Nachtschicht vor. Der 38-Jährige arbeitet seit 18 Jahren bei der Polizei und hat sich an den Schichtdienst gewöhnt. Dennoch ist ein solcher Arbeitsalltag mit Entbehrungen verbunden.

Die ungewöhnliche Arbeitszeiten haben einen massiven Einfluss auf das soziale Leben. „Man braucht einen verständnisvollen Freundeskreis, da man sich nicht so oft sieht, wie man es sich vielleicht wünschen würde“, sagt Marco Zimmer. Von seiner Familie wird er unterstützt. „Ich muss natürlich vorschlafen, wenn ich mich auf die Nachtschicht vorbereite. Meine Frau sorgt dafür, dass ich auch den Schlaf bekomme“, sagt der Familienvater. Eine Spätschicht beginnt 21 Uhr und endet meist um 6 Uhr morgens. Wenn Marco Zimmer den Wachdienstleiter vertritt, arbeitet er entweder am Schreibtisch oder fährt mit seinen Kollegen auf Streife. Er ist für den Bereich Cottbus und Spree-Neiße zuständig.

Wenn es zu einem aufreibenden Einsatz kommt, vertreibt das Adrenalin die Müdigkeit. „Außerdem vergeht eine turbulente Nacht deutlich schneller, als eine Schicht, in der gar nichts passiert“, sagt der Polizist.

Für klassische Schreibtischarbeit greift Marco Zimmer auf bewährte Nervennahrung zurück, um sich wachzuhalten: Schokolade, Nüsse und viel Kaffee helfen dem Nachtschichtler nicht nur den Körper, sondern auch den Geist wachzuhalten. „Ich habe mir mittlerweile einen richtigen Schokoladenvorrat angelegt. Ist natürlich nicht so gesund, aber es funktioniert“, sagt der Polizist. Ansonsten hilft auch ein Spaziergang an der frischen Luft.