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| 19:17 Uhr

Schlafforscher warnen
Nachtschichten belasten den Körper extrem

Schwester Sigrid, Altenpflegerin, sagt: „Wenn ich ein paar Tage frei habe, schaffe ich es nicht, meinen Rhythmus umzustellen.“
Schwester Sigrid, Altenpflegerin, sagt: „Wenn ich ein paar Tage frei habe, schaffe ich es nicht, meinen Rhythmus umzustellen.“ FOTO: S. Dürmuth
Etwa 80 Prozent der Nachtarbeiter haben Magen-Darm-Probleme. Der Schlafforscher Jürgen Zulley erklärt: Das Risiko für Herzerkrankungen steigt deutlich. Von Simone Dürmuth

Die Gänge sind leer, aber hell erleuchtet, die Lampen tauchen alles in ein gelbliches Licht. Die Türen sind geschlossen, die 64 Bewohner des Altenheims St. Hildegard in Oberdischingen (Alb-Donau-Kreis) sind bereits im Bett oder zumindest in ihren Zimmern. Die Nacht fängt früh an: Nach dem Abendessen ist für die meisten der Tag beendet. Ein wenig später, um viertel nach Acht beginnt die Arbeit für die Nachtschicht. Eine Pflegefachkraft und eine Helferin kümmern sich bis 6.30 Uhr um die Bewohner.

Rund drei Millionen Menschen in Deutschland arbeiten regelmäßig nachts. Darunter Polizisten, Sicherheitsleute und Mitarbeiter im Rettungsdienst. Aber auch in Industriebetrieben, zum Beispiel bei Automobilzulieferern, laufen die Bänder. Die meisten müssen nicht permanent in der Nacht zur Arbeit. Meist gibt es ein Drei-Schicht-Modell: Früh, Spät, Nacht.

In St. Hildegard gibt es ein paar Kolleginnen, die sich für die permanente Nachtschicht entschieden haben: Pflegehelferin Enikö arbeitet seit einem Jahr nachts, Schwester Ida und Schwester Sigrid seit drei und fünf Jahren. Ihre Schicht beginnt mit einem Rundgang: Ab halb neun klopfen sie an jede Tür, geben Medikamente aus und bleiben auch mal auf ein Schwätzchen. Der Umgang mit den Bewohnern sei nachts anders. „Sie kommen mit vielen Sorgen zu uns“, berichtet Schwester Ida. In der Nacht wird die Haut dünner, Gedanken kreisen länger, Ängste nehmen mehr Raum ein. „Und wir sind allein mit den Bewohnern. Am Tag sitzen immer mehrere Leute mit am Tisch“, erklärt Schwester Sigrid. Die 60-Jährige litt unter Schlafstörungen und hat darum in die Nachtschicht gewechselt. Jetzt schläft sie von 8 bis 16 Uhr.

Aber auch dann ist es nicht immer einfach, zur Ruhe zu kommen: „Wir nehmen das mit, wenn etwas in unserer Schicht passiert“, berichtet Schwester Ida. „Etwas passiert“ – das kann der Sturz eines Bewohners sein, der dann ins Krankenhaus muss. Oder wenn sich der Zustand eines Bewohners verschlechtert, wenn er bald sterben könnte. Dann müssen die Pflegerinnen abwägen: Klingeln sie die Angehörigen aus dem Bett? Mitten in der Nacht? „Die Angehörigen sind eigentlich immer dankbar, wenn wir sie anrufen“, berichtet Schwester Ida.

Der verschobene Rhythmus belastet die Pflegerinnen aber auch: „Wenn ich ein paar Tage frei habe, schaffe ich es nicht, den Rhythmus umzustellen. Dann schaue ich oft bis morgens um 5 Uhr blödes Zeug im Fernsehen an“, erzählt Schwester Sigrid. Außerdem vergesse sie, regelmäßig zu essen. Ein Phänomen, das Schlafforscher Jürgen Zulley gut kennt. „Wir haben einen biologischen Rhythmus, und der lässt sich nicht so einfach umdrehen.“ Dazu gehört auch, dass der Körper nachts nicht auf Nahrung eingestellt ist. Die Konsequenz: „80 Prozent der Nachtschichtler haben Magen-Darm-Probleme“, berichtet Zulley.

Auch das Risiko für Herzerkrankungen sei deutlich erhöht und fast alle, die nachts arbeiten (95 Prozent) berichten von Schlafstörungen. Selbst wer nach einigen Jahren wieder in den Tagdienst wechselt, leidet darunter: 70 bis 90 Prozent der Schichtarbeiter schlafen auch noch Jahre später nicht gut. „Spätestens nach fünf Jahren sollte man mit der Nachtschicht wieder aufhören“, ist Zulley darum überzeugt.

Schwester Ida ist seit drei Jahren in der Nachtschicht. Die 40-Jährige hat zwei Kinder und kann so die Betreuung am besten organisieren: „Nachts ist mein Mann zu Hause, und ich kann schlafen, während der Kleine im Kindergarten ist.“ Das sind allerdings nur vier Stunden. „Das reicht mir“, sagt Schwester Ida und lacht. Das Arbeiten nachts mache ihr nichts aus. „Aber das kann nicht jeder“, ist sie sich mit Schwester Sigrid einig. Auch die Auszubildenden müssen nachts ran, viele kommen dabei an ihre Grenzen. „Neulich meinte eine, sie sei so müde, dass ihr sogar die Haarspitzen weh tun“, erzählt Schwester Ida und muss dabei kichern. In dem Moment geht die Glocke, ihr Klang bestimmt schon den ganzen Abend den Rhythmus. Eine Zimmernummer steht auf der Anzeige im Flur. Die Pflegerinnen wissen sofort, wer in dem Zimmer wohnt. „Der Herr steht nachts oft auf, dabei kann er nicht richtig stehen“, erklärt Schwester Sigrid. Pflegehelferin Enikö eilt schon den Gang entlang. Der Bewohner hat nicht selbst geklingelt – vor dem Bett liegt eine Matte, die Alarm auslöst, wenn er aufsteht.

Gegen drei Uhr kommt der tote Punkt

Andere klingeln selbst: weil die Knie schmerzen, weil sie schlecht geträumt haben, weil das Kleid schief überm Stuhl hängt. Erst gegen drei Uhr morgens wird es ruhiger. Dann kommt auch für viele Nachteulen langsam der tote Punkt, über den man sich im Dienst retten muss. Manche versuchen mit Kaffee dagegenzuhalten, andere teilen sich die Nacht in Abschnitte ein und hangeln sich von Zigarettenpause zu Zigarettenpause.

In Oberdischingen beginnt die Zeit der Schreibarbeit: Die Geschehnisse der Nacht werden protokolliert, damit der Tagdienst informiert ist. Pausen zu machen fällt den Pflegerinnen schwer. „Man kann sich nicht hinsetzen, sonst kommt man nicht mehr hoch“, sagt Pflegehelferin Enikö. Auch groß gegessen wird nicht. Dafür wird viel genascht. „Das liefert Energie und hebt die Stimmung“, erklärt Schlafforscher Zulley. Besonders in der zweiten Nachthälfte griffen viele zu Süßigkeiten. Denn dann lauert ein kleines Stimmungstief.

Auch der Winter ist in der Hinsicht etwas schwieriger. Vor allem an den Feiertagen. „Weihnachten ist oft traurig“, erzählt Schwester Ida. Manche Bewohner bekommen keinen Besuch. „Dann kaufen wir einfach selbst ein kleines Geschenk“, wirft Schwester Sigrid ein. Dabei bildet sich eine steile Falte auf ihrer Stirn und ihre Stimme bekommt einen fast trotzigen Unterton. In der Nacht rückten alle näher zusammen, die Bewohner seien für sie ein bisschen wie eine Familie. „In diesem Lebensabschnitt sind wir bei vielen näher dran als manche Angehörige“, so die 60-Jährige.

Doch die schlimmste Nacht im Jahr, da sind sich alle einig, ist Silvester. „Es ist laut, es ist unruhig“, sagt Pflegehelferin Enikö. Manch einer fühle sich bei der Knallerei um Mitternacht gar in den Krieg zurückversetzt. Besonders schlimm sei es bei Bewohnern, die unter Demenz leiden. Trotzdem will keine von ihnen mit der Tagschicht tauschen. „Die Nachtschicht, das ist oft eine besondere Clique“, weiß Zulley, „ein exklusiver Kreis.“