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| 21:12 Uhr

Ausgeschlafener Investor in Ortrand
Ein traumhafter Bahnhof

Frank Weser aus Ortrand, hat den Lieblingsort seiner Kindheit – den Bahnhof Ortrand – als Kulturbahnhof mit Wohnungen, deren Mieter direkt am Gleis schlafen, wiederbelebt.
Frank Weser aus Ortrand, hat den Lieblingsort seiner Kindheit – den Bahnhof Ortrand – als Kulturbahnhof mit Wohnungen, deren Mieter direkt am Gleis schlafen, wiederbelebt. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Ortrand. Eine schöne Kindheit mündet in einen Lebenstraum: Frank Weser aus Ortrand hat den geschichtsträchtigen Bahnhof zum Kulturbahnhof ausgebaut. Die Mieter schlafen hervorragend – direkt neben dem Schienenweg. Von Kathleen Weser

An der Bahnstrecke zwischen Dresden und Cottbus liegt die beschauliche Kleinstadt Ort­rand. Die einheimischen Brandenburger tragen das weiche Sächsisch und durchaus auch das Herz auf der Zunge. Frank Weser (56) ist hier aufgewachsen.

Animierte Traumwelten

„Ich hatte eine glückliche Kindheit“, sagt der Bauplaner, den diese Zeit vor allem an die Großeltern erinnert. „Mein Opa Josef Wiesner war Fahrdienstleiter auf dem Ortrander Bahnhof“, erzählt Frank Weser. Im Eisenbahner-Wohnhaus neben dem altehrwürdigen Klinkergebäude, das den Fahrkartenschalter und die Wartehalle beherbergte, hat er deshalb vor allem nach der Schule viel Zeit verbracht. „Auf einem silbernen Tablett durfte ich meinem Opa oft das Essen zur Arbeit bringen, das meine Oma als großartige Köchin liebevoll zubereitet hatte“, sagt er. „Auf dem Bahnsteig hat mich der Großvater dann auch die Kelle heben und den Zug abfahren lassen. Als Junge fand ich das toll. Und die Waldmeisterbrause in der Mitropa habe ich geliebt“, schwelgt der Bau-Ingenieur in Erinnerungen.

Josef Wiesner, der Opa von Frank Weser, ist Fahrdienstleiter auf dem Ortrander Bahnhof gewesen. Die traumhafte Kindheit ließ den Enkel zum Retter des Ensembles werden.
Josef Wiesner, der Opa von Frank Weser, ist Fahrdienstleiter auf dem Ortrander Bahnhof gewesen. Die traumhafte Kindheit ließ den Enkel zum Retter des Ensembles werden. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche

Auch deshalb tat es ihm in der Seele weh, als das alte Eisenbahner-Wohnhaus in den 90er-Jahren nach und nach leergezogen wurde und verfiel. „Um die Jahrtausendwende wurde es versteigert, und ich konnte nicht anders: Ich habe es gekauft, saniert, das Dachgeschoss ausgebaut und Wohnungen vermietet“, erzählt Frank Weser.

 Zehn Jahre später wurde auch das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude geschlossen und zum Verkauf angeboten. Innerhalb eines knappen Jahres hatte Frank Weser das Klinkergebäude an der historischen Verkehrsader zu einem Wohn- und Geschäftshaus mit Arztpraxen umgebaut. Direkt am bis heute viel befahrenen und wichtigen  Schienenweg für die Lausitzer Wirtschaft. Der Bahnhof ist rund um die Uhr in Betrieb.

Kai Voigtländer ist seit sechs Jahren Mieter im Ortrander Bahnhof. Er schläft praktisch neben dem Gleis und das ausgesprochen gut, versichert der Kältetechniker sichtlich zufrieden.
Kai Voigtländer ist seit sechs Jahren Mieter im Ortrander Bahnhof. Er schläft praktisch neben dem Gleis und das ausgesprochen gut, versichert der Kältetechniker sichtlich zufrieden. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche

Kai Voigtländer (41) ist Mieter im Ortrander Bahnhofsgebäude. „Ich schlafe ausgezeichnet praktisch direkt neben dem Gleis“, versichert der Kältetechniker. Im Halbstundentakt passieren Personen- und Güterzüge den Bahnhof. „Eine Uhr braucht hier deshalb niemand“, bestätigt er lachend. So lange alles nach Fahrplan laufe. Jeweils viertel nach und viertel vor der vollen Stunde halten Personenzüge in beiden Fahrtrichtungen. „Ich brauche nur aus dem Fenster schauen, wenn ich wissen will, in welcher Zeit ich lebe“, sagt er. Auf der Schiene seien die Transportmittel der Bahn inzwischen fast flüsterleise unterwegs. „Hier stört mich rein gar nichts. Die Lastkraftwagen auf der Straße vor dem Haus sind viel lauter und manchmal wirklich nervend“, erklärt er. Im Bahnhof zu leben, habe er sich früher nicht vorstellen können. Die Wahl der Wohnung sei damals eher dem Zufall geschuldet gewesen. „Aber mir gefällt es super“, sagt der 41-Jährige.

Das Schlafen auf dem Bahnhof ist schon früher ein Thema gewesen, berichtet Frank Weser. Der Ort­ran­der verweist auf den „Grünen Ferdinand“. Wie alle Beförderungsmittel der Bahn hat der Bahnhof-Eigentümer auch dem alten Schlafwagen der Gleisarbeiter einen Namen verpasst. Nachdem das Gefährt auf dem Abstellgleis einen frischen grünen Anstrich erhalten hatte und fertig restauriert war, hatte ein Freund die zündende Namensidee: Den gebürtigen Ossi erinnerte der Arbeitswagen an den Fernseh-Clown aus Kindertagen, der genau mit einem solchen grünen Wagen des Weges kam. Der Songtext von Neumis Rock Circus ist den Menschen noch gut vertraut.

Der Grüne Ferdinand von Ort­rand wird als Künstlergarderobe genutzt. Denn auch den alten Güterschuppen hat Frank Weser erworben und zur beliebten Konzertstätte gemacht, in der vor allem junge und altbekannte Ostbands zu erleben sind.

Historische Postkarten-Ansicht des Ortrander Bahnhofes.
Historische Postkarten-Ansicht des Ortrander Bahnhofes. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche

Im Güterschuppen war früher die Schmierwerkstatt des Bahnhofes untergebracht. Vor allem Petroleum wurde dort aufgefüllt. „Den Gestank aus dem Gebäude zu bekommen, war schon eine Herausforderung“, erzählt der Bauingenieur. Immer wenn auf einer Bahnhof-Baustelle die Säge klemmte, ist hier Hand angelegt worden. „Das Putzgeschwader war gerade raus, da wurde das Schlagzeug vor dem ersten Konzert noch schnell reingetragen“, berichtet Frank Weser.

Im „Kleinen Sachsenbad“ des Bahnhofes steht jetzt die 2,5 Tonnen schwere Weichenstellanlage, ein  technisches Denkmal. „Die Eisenbahner-Häuser waren modern damals, sie hatten Innentoiletten, aber keine Wannen. Deshalb wurde das Badehaus für die Familien gebaut“, erklärt der Besitzer.

Und im Keller des Bahnhofsgebäudes hat er den Nostalgiekeller „Zum Abstellgleis“ eingerichtet. Dort hatten 150 Jahre lang Kohle und Unrat gelagert. „Zwei Monate habe ich allein täglich geheizt und gelüftet, um ein Raumklima zum Überleben während der Arbeit zu schaffen“, sagt der stolze Inhaber. Der Nostalgiekeller wird für runde Geburtstage, Betriebsfeiern und von Vereinen gern genutzt, weil er urig ist und Bahngeschichte und –geschichten erzählt. Selbst die Eisenbahnsitze sind echt. Denn: „Kein zu verschrottender Waggon weit und breit ist vor mir sicher gewesen“, bestätigt der Ortrander, dessen Kulturbahnhof längst zum Pilgerort für Eisenbahner aus ganz Deutschland geworden ist. „Die sehr interessierten alten Eisenbahner haben auch Andenken, die sie sich vor dem Ruhestand an ihren Arbeitsorten gesichert hatten, von den Dachböden und aus den Garagen mitgebracht“, bestätigt Frank Weser, der alle Ausstellungsstücke und Leihgaben vom Bahn-Telefon bis zur DDR-Kinderfahrkarte liebevoll präsentiert und behütet.

Und der Ortrander baut weiter an seinem Traum-Bahnhof: Im ausgedienten roten Reisewagen, dem „Stillen Hannes“ mit einst 58 Sitzplätzen sollen nun vier Ferienzimmer entstehen. Für die Gute Nacht direkt neben dem Gleis.

Der Bahnhof Ortrand liegt am Schienenweg zwischen Dresden und Cottbus, bis heute eine wichtige Lebensader für die Lausitz. Das Bahnhofsgebäude wird als Wohn- und Geschäftshaus genutzt. Der alte Schlafwagen der Gleisarbeiter, „Grüner Ferdinand“ genannt, ist restauriert.
Der Bahnhof Ortrand liegt am Schienenweg zwischen Dresden und Cottbus, bis heute eine wichtige Lebensader für die Lausitz. Das Bahnhofsgebäude wird als Wohn- und Geschäftshaus genutzt. Der alte Schlafwagen der Gleisarbeiter, „Grüner Ferdinand“ genannt, ist restauriert. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche