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| 19:57 Uhr

Interview mit Dr. med. Frank Käßner
„Ich warne ausdrücklich vor der ewigen Sommerzeit“

Dr. Frank Käßner
Dr. Frank Käßner FOTO: Dr. Käßner
Cottbus. Der Cottbuser Schlafmediziner Frank Käßner über die Zeitumstellung und übermüdete Pendler

Am Sonnabend treffen sich Schlafmediziner aus Berlin und Brandenburg in Cottbus zu ihrer Jahrestagung. Organisator Dr. Frank Käßner erklärt, was auf der Agenda steht.

Herr Dr. Käßner, mit Blick auf die Tagung: Was treibt Sie und Ihre Kollegen derzeit besonders um?

Dr. Käßner Die Schlafmedizin entwickelt sich sehr stark, und wir gehen mit der Zeit. Telemedizin wird deshalb bei unserem Treffen eine große Rolle spielen. Wie können wir Schlafstörungen noch besser diagnostizieren und behandeln? Zu Hause aufgezeichnete Schlafdaten könnten zum Beispiel per Telemedizin sehr schnell zum Arzt übertragen werden.

Wie steht es um den Schlaf im Pendlerland Brandenburg?

Dr. Käßner Bundesweit klagen sehr viele Berufstätige über Schlafstörungen. Die Situation in Brandenburg ist besonders prekär: Jeder Vierte schläft hier zu wenig, also weniger als fünf Stunden. Das ist auf Dauer nicht gesund. Die Fahrtauglichkeit von Menschen mit Schlafstörungen ist übrigens auch ein Thema unserer Tagung.

Wo ist der Hebel anzusetzen, damit Menschen besser schlafen?

Dr. Käßner Es ist immer noch nicht in allen Köpfen angekommen, dass der Schlaf ein wichtiges Gut ist, Voraussetzung für eine gute Gesundheit. Wir haben rund um die Uhr Fernsehprogramm und Internet, geschlafen wird im Schnitt pro Nacht zwei Stunden weniger als vor 100 Jahren. Das ist keine gute Entwicklung. Mit der Initiative „Deutschland schläft gesund“ wollen führende Schlafmediziner auf dieses nach wie vor unterschätzte Problem aufmerksam machen.

Der heiße Sommer bescherte auch Menschen Schlafstörungen, die sonst damit keine Probleme haben. Wie haben Sie das als Arzt erlebt?

Dr. Käßner Das war für viele unserer Patienten problematisch. In etlichen Schlafzimmern hatten wir auch nachts 25 bis 28 Grad Raumtemperatur, die ideale Schlaftemperatur liegt bei 16 bis 18 Grad. Das wird uns wohl auch in den nächsten Jahren beschäftigen, in meinen Augen ein größeres Problem als die Beschwerden rund um die Zeitumstellung.

Gutes Stichwort: In einer EU-weiten Umfrage hat sich eine große Mehrheit für die Abschaffung der Zeitumstellung und die ewige Sommerzeit ausgesprochen. Wie sehen Sie das?

Dr. Käßner Wir haben sechs Schlaflabore in Brandenburg, und überall klagen die Patienten in den Phasen der Zeitumstellungen über schlechten oder ganz ausbleibenden Schlaf, über Nervosität und Konzentrationsschwierigkeiten. Als Schlafmediziner lehne ich die Zeitumstellung ab, warne allerdings auch vor der ewigen Sommerzeit.

Warum?

Dr. Käßner Die dauerhafte Winterzeit wäre besser, weil sie einfach die richtige, die normale Zeit ist. Bei dauerhafter Sommerzeit würde in den Wintermonaten früh das Licht fehlen. Das erhöht die Gefahr von Depressionen. Schüler, für die um 8 Uhr der Unterricht beginnt, würden keinen Sonnenaufgang erleben. Das wäre ein Fiasko.

Ihr Kollege, der Berliner Schlafmediziner Dieter Kunz, wirbt mit Verweis auf die immense Bedeutung des Tageslichts für eine Beibehaltung der Zeitumstellung.

Dr. Käßner Tja, und ich sehe in der Praxis, dass die Zeitumstellung vielen Menschen Probleme bereitet.

Kunz sagt, dass wir uns der Tageslänge anpassen sollten. Mit dauerhafter Winterzeit würde im Juni morgens um vier Uhr die Sonne aufgehen. Dafür würde im Sommer abends eine Stunde Helligkeit fehlen, in der man zum Beispiel nach einem heißen Tag noch Sport treiben könnte.

Dr. Käßner Ja, das sind durchaus Argumente. Das sollte genauer untersucht und verglichen werden.

Mit Dr. Frank Käßner
sprach Mathias Hausding.