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| 06:58 Uhr

Schlafwandler
Auf nächtlicher Wanderschaft

FOTO: Milkovasa/Shutterstock.com
Potsdam. Sie verlassen ihr Bett, fangen an zu kochen oder fahren sogar Auto – Schlafwandler können das, ohne bei Bewusstsein zu sein. Bisweilen kann das gefährlich werden. Von Yasemin Gürtanyel

Es war ein ganz normaler Abend auf dem Sofa, der Fernseher lief, die Kinder waren im Bett, Elsa Schmitt (Name geändert) und ihr Mann ließen den Tag ausklingen. „Und dann wurde plötzlich der Hund nervös“, erzählt sie. Er sprang hoch, rannte die Treppe rauf und runter, immer wieder. Schließlich gab er Ruhe. „Als wir nachschauten, lag der Hund am Treppenabsatz“, sagt Schmitt. Direkt vor ihrem vierjährigen Sohn Paul, der sich im Treppenhaus schlafen gelegt hatte. „Der Hund passte offenbar auf, dass Paul nicht die Treppe runterfiel“, vermutet sie.

Allzu viele Gedanken machte sich das Paar über den Vorfall aber nicht. Bis, etwa ein Jahr später, Elsa Schmitt von ihrem Mann geweckt wurde. „Er fragte mich, warum ich die Terrassentür offengelassen habe“, erzählt sie. „Das hatte ich aber nicht, ich war mir da ganz sicher.“ Wenige Tage später das gleiche Spiel. Dass die Kinder, Paul oder sein älterer Bruder, den ziemlich komplizierten Mechanismus der Tür aufbekamen, glaubten die beiden zunächst nicht. Bis am Abend darauf ihr Sohn Paul an ihnen vorbeimarschierte. Er kam aus seinem Schlafzimmer die Treppe herunter, lief zielstrebig zur Terrassentür und machte sich daran, sie zu öffnen, erinnert sich die Mutter. „Wir sprachen ihn an, sagten ,Paul’, ,Paul’, aber er reagierte nicht.“ An diesem Abend blieben Pauls Bemühungen erfolglos, und er lief schnurstracks zurück ins Bett. Den Eltern war klar: Ihr Sohn schlafwandelt.

Unter Kindern ist das Phänomen gar nicht so selten, schätzungsweise zehn bis 30 Prozent sind betroffen. Einiges deutet darauf hin, dass die Neigung zum Schlafwandeln vererbt wird: Die Mehrheit der Betroffenen hat einen weiteren Schlafwandler in der Familie. Auch eine ihrer vier Schwestern sei schlafgewandelt, sagt Elsa Schmitt. „Das war dann allerdings ganz plötzlich weg.“ Sie hält es für möglich, dass das auch bei dem mittlerweile siebenjährigen Paul so sein wird, immerhin gab es seit rund vier Monaten keinen Zwischenfall mehr.

In der Tat zeigen Statistiken, dass das Schlafwandeln nach der Pubertät oft schlagartig aufhört, unter den Erwachsenen geht man nur noch von ein bis zwei Prozent regelmäßigen Schlafwandlern aus. Das liegt vermutlich daran, dass das Gehirn bei Heranwachsenden noch nicht vollständig ausgereift ist, es kann leichter zu Fehlschaltungen kommen. Beim Schlafwandeln befindet es sich in einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen, das Bewusstsein kann seine Kontrollfunktion dabei nicht wahrnehmen.

Im Grunde handelt es sich beim Schlafwandeln um ein missglücktes Aufwachen, erklärt Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Computertomografien zeigen, dass diejenigen Bereiche des Gehirns, die Bewegungen kontrollieren, etwa das Kleinhirn, gut durchblutet sind, sich also im „Wachzustand“ befinden. Die vordere Hirnrinde und der Thalamus im Zwischenhirn, die für das Bewusstsein „zuständig“ sind, sind wenig durchblutet. Daher sprechen viele Wissenschaftler in Bezug auf Schlafwandeln nicht von einer Schlaf- sondern von einer Aufwachstörung. Wie es zu ihr kommt, ist noch nicht vollständig verstanden. Ein Traum steckt meistens nicht hinter dem Phänomen (siehe Box), die Schlafwandler befinden sich vielmehr in einer Tiefschlafphase – weshalb sie schwer aufweckbar sind. Angenommen wird, dass es häufig ein äußerer Reiz ist, der den Aufwachprozess in Gang setzt. Das kann ein Geräusch oder ein Lichtreiz sein. Nicht umsonst  wurde früher der Mond als Verantwortlicher ausgemacht: Eine alte Bezeichnung für Schlafwandeln lautet „Lunatismus“, von dem lateinischen Wort „luna“ für „Mond“; von Schlafwandlern sagte man, sie seien mondsüchtig. Heute geht man davon aus, dass es nicht der Mond als solcher ist, der Schlafwandler anzieht – Schlafwandler laufen heute eher auf Straßenlaternen oder anderes Kunstlicht zu. Aber auch etwa eine volle Blase kann ein Auslöser sein. Paul beispielsweise hatte verhältnismäßig lange Windeln gebraucht, erzählt seine Mutter. „Er hat so tief geschlafen, dass er nicht merkte, dass er pinkeln musste.“ Es könne also durchaus sein, dass seine drückende Blase den Impuls zum Aufstehen gegeben hat. Paul geht allerdings keineswegs auf die Toilette. „Er will unbedingt raus, spazierengehen“, sagt seine Mutter. Es sei zwar auch schon vorgekommen, dass sich Paul zwischen seine fernsehschauenden Eltern gekuschelt hat – ohne dabei ansprechbar gewesen zu sein. In den meisten Fällen ist aber die Terrassentür sein Ziel. Obwohl bei Schlafwandlern das Bewusstsein ausgeschaltet ist, haben sie dennoch Zugang zu im Gehirn abgespeicherten Informationen. Paul etwa versucht nie, die Haustür zu öffnen – er weiß offenbar, dass die Eltern diese nachts abschließen und den Schlüssel nicht stecken lassen.

Auch andere Schlafwandler sind zu äußerst komplexen Handlungen fähig. Es gibt Menschen, die in dem Zustand bügeln, Essen kochen, den Kühlschrank plündern, über Dächer laufen und sogar Auto fahren. Besonders spektakulär war ein Fall in den 1980er-Jahren in Kanada, als der Student Kenneth Parks sich  schlafwandelnd in sein Auto setzte, 23 Kilometer fuhr, um anschließend seine Schwiegermutter umzubringen. Da Untersuchungen belegten, dass er schlafwandelte, wurde er freigesprochen.

Meistens allerdings sind es die Schlafwandler selbst, die in Gefahr sind. Denn auch wenn sie erstaunliche Dinge tun, nehmen sie ihre Umwelt nicht wahr. Sie können über Möbelstücke stolpern, Treppen herunterfallen, aber auch aus dem Fenster oder vom Balkon stürzen. Von Unfällen im Straßenverkehr ganz zu schweigen. Trotz allem: Mit am gefährlichsten ist, die Betreffenden gewaltsam aufzuwecken, warnen Ärzte. Denn wer abrupt aus dem Tiefschlaf hochschreckt, ist derart desorientiert, dass erst recht ein Unfall droht. Man solle stattdessen versuchen, den Schlafwandler sanft ins Bett zurückzubugsieren, ohne ihn aufzuwecken.

Auch Pauls Eltern ist es schon mehr als mulmig geworden angesichts der Aktivitäten ihres Sprösslings. Etwa, als nach einer Winternacht die Terrassentür mal wieder offenstand. Und im Schnee zeichneten sich kleine Fußabdrücke ab, flankiert von den Pfotenabdrücken des Hundes – der offensichtlich seine Beschützerfunktion wahrgenommen hatte. Der Mutter allerdings wurde ganz anders. „Da bekommt man schon Angst“, sagt sie. Zumal sie von dem Fall einer Dreijährigen gelesen hatte, die im Winter die Wohnung verlassen hatte, mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss gefahren war, auf die Straße gelaufen und dort erfroren war.

Nach dem Winter-Ereignis jedenfalls hat die Familie Schmitt einen Warnmelder an der Terrassentür angebracht. Auch auf Urlaubsreisen nehmen sie das Alarmsystem mit, sicher ist sicher.

Erinnern kann sich ihr Sohn, auch das ist typisch für Schlafwandler, an seine nächtlichen Ausflüge nicht. Vielen Schlafwandlern ist ihre Angewohnheit unangenehm, auch wegen der peinlich anmutenden Dinge, die man dabei tun kann. Paul nicht, sagt seine Mutter. „Der findet das lustig.“