| 00:00 Uhr

Bürgermeisterwahl
Die Kandidaten und ihre Visionen

Elsterwerda. Die Stühle reichten am Donnerstagabend im Elsterwerdaer Stadthaus nicht aus. Knapp 250 Interessierte, darunter auch einige aus Nachbarkommunen, waren zu "LR vor Ort" gekommen, das die RUNDSCHAU diesmal mit dem Bürgermeister-Wahlforum verbunden hatte. Von Karsten Bär

Gute zwei Stunden der Veranstaltungen standen den vier anwesenden Bürgermeister-Kandidaten zur Verfügung. Der fünfte Bewerber um den Posten – Werner Voigt (AfD) – hatte kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Doch auch mit nur vier Kandidaten wurde das Zeitbudget knapp. In dem von RUNDSCHAU-Redakteur Frank Claus moderierten Podiumsgespräch nutzten Anja Heinrich (CDU) und Michaela Jahn (SPD) sowie die parteilosen Bewerber Eckart Schmidtchen und Andreas Franke ausgiebig die Gelegenheit, ihre Vorstellungen und Visionen für die Zukunft Elsterwerdas anschaulich zu machen.

Wirtschaft und Innenstadtentwicklung

Anja Heinrich will das Gründerzentrum wieder mehr ins Spiel bringen und es jungen Startups schmackhaft machen. Sie will mit der "Agreda" Regionalprodukten ein Podium geben und örtliche Kreisläufe stärken. Wirtschaftsförderung bezeichnete sie als "Chefsache". Für die Innenstadt sieht sie in der Stärkung des Online-Handels der Geschäfte eine Chance: Sie versprach, als Bürgermeisterin Beispiele aus anderen erfolgreichen Kommunen aufzugreifen und mit Expertenunterstützung für einen Online-Shop aller Elsterwerdaer Geschäfte zu sorgen.

Andreas Franke sieht gute Voraussetzungen, wie die Verkehrsinfrastruktur und die Schullandschaft in Elsterwerda, aber zu wenige Bemühungen, sie zielgerichtet für eine attraktive Stadt einzusetzen. Gemeinsam mit den Bürgern wolle er schauen, welche Ressourcen vorhanden sind, und überlegen, wofür man sie einsetzen könne. Die Innenstadt könne die Stadtverwaltung durch die Umfeldgestaltung attraktiver für Geschäftsleute machen. Er möchte eine Markthalle einrichten, in der saisonale Produkte aus der Region angeboten werden.

Industrie, Gewerbe und Verkehr sind auch aus Michaela Jahns Sicht eine gute Basis, auf die Elsterwerda aufbauen kann. Für die Innenstadt empfahl sie, den Wandel zu gestalten. Auch sie sprach von einem Online-Shop für die Geschäftsleute. Leerstand bedeute auch, dass man Raum für andere Nutzungen gewinne, etwa für altersgerechtes Wohnen in der Innenstadt.

Eckart Schmidtchen gab zu verstehen, dass seine Vision ein wachsendes Elsterwerda sei. Die Stadt müsse so attraktiv sein, dass man auf mittlere Sicht wieder Einwohner gewinne. Hierzu setzt er auf Engagement der Bürger, die sich mit Ideen und auch tatkräftigen Angeboten einbringen können, beispielsweise auch mit kommerziell nicht mehr vorhandenen Dienstleistungsangeboten wie kleineren Reparaturen oder ähnliches. Junge Unternehmen müssten gefördert werden, vorstellbar seien kleine Kredite.

Wohngebiet West

Auf die Entwicklung von Elsterwerda-West angesprochen, zeigte sich Anja Heinrich verärgert über die rot-rote Landesregierung, deren Beschlüsse die Schließung der dort angesiedelten Förderschule zur Folge haben, womit auch ein Verlust für diesen Stadtteil entstehe. Andreas Franke verwies auf die problematische Anbindung des Stadtteils zur Innenstadt für Fußgänger allein durch die Unterführung und auf die Notwendigkeit, die Gehwege zu sanieren. Mit dem Abriss von Wohnraum sei die Chance vertan worden, Eigentumswohnungen anzubieten und die Wohngegend damit zu qualifizieren. Michaela Jahn sieht mit den vorhandenen Schulen und altersgerechten Wohnungen im Prinzip ein großes Potenzial für West, weiß aber, dass die Gegend "nicht das schönste Antlitz" habe und teils die Höhe der Mieten nicht für sich spreche. Eckart Schmidtchen sieht das Fehlen von Nahversorgung als Manko des Stadtteils – eine Einschätzung, die von den Anwesenden nicht geteilt wurde.

Jugend, Feuerwehr und "Fusionen"

Weitere Themen wurden – teils ausgehend von Leser-Fragen, teils von Fragen des Publikums ausgehend – angesprochen. So ging es um die Jugendarbeit und um Bürgerbeteiligung. Letztere wird im Prinzip von allen befürwortet, wobei Michaela Jahn wie auch Anja Heinrich zu verstehen gaben, dass hierfür tatsächlich nur bedeutsame Beschlüsse geeignet seien. Die Arbeit der Feuerwehr schätzen alle vier. Bei der Frage nach der Zusammenarbeit und möglichen Zusammenschlüssen mit Nachbargemeinden sprach sich Andreas Franke dafür aus, zunächst die eigenen Vorstellungen zu formulieren, Michaela Jahn verwies auf die bereits laufenden Kontakte und Eckart Schmidtchen gab Interesse an einer Zusammenarbeit mit dem Schradenland und damit einhergehender Orientierung nach Sachsen zu erkennen. Auf die Notwendigkeit, sich mit absehbaren Gemeindefusionen auseinanderzusetzen, wies Anja Heinrich hin: In wenigen Jahren müssten berlinferne Gemeinden mindestens 8000 Einwohner vorweisen können, um selbstständig bleiben zu dürfen.

Echten Streit hielt die Diskussion nicht bereit, doch die eine oder andere Spitze war durchaus zu hören. So fragte Anja Heinrich ihren Mitbewerber Andreas Franke nach den Elsterwerdaer Unternehmen, die sich in dem von ihm initiierten Verein zur Wirtschaftsförderung engagierten – und sprach anschließend vom "sogenannten Wirtschaftsverein". Einer Publikumsfrage, warum sie sich nicht schon als Landtagsabgeordnete beim Bürgermeister für die von ihr verfolgten Ziele eingesetzt habe, beantwortete Anja Heinrich mit den Worten "Ich lasse mir nicht vorwerfen, ich hätte nichts gemacht" und nannte Beispiele für ihre Initiativen auf Landesebene. Andreas Franke wurde indes auf seine inzwischen aufgegebene AfD-Mitgliedschaft angesprochen und auf die von ihm ausgehende Einladung des umstrittenen Thüringer AfD-Politikers Björn Höcke nach Elsterwerda.

Reaktionen aus dem Publikum

Mario Friedel aus Elsterwerda: "Ein sehr informatives Forum und trotz der Länge nicht langweilig. Ich hätte noch länger zuhören können."

Johannes Berger aus Lausitz, mit mehreren Abgeordneten aus Bad Liebenwerda zu Gast: "Sehr interessant, gut moderiert. Wohltuend, wie wichtig alle Kandidaten die weitere Zusammenarbeit mit Bad Liebenwerda ansehen."

Dieter Keller aus Elsterwerda: "Es war klar zu spüren, wer sich mit der Materie auskennt. Ob sich einige Bewerber nicht überschätzen, wenn sie um das Amt kämpfen?"