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LR vor Ort
Die Geschichte einer Kirchensanierung

Die sanierte Kirche in Ogrosen soll nicht nur bei Gottesdiensten, sondern als Veranstaltungsort allen Bürgern offen stehen.
Die sanierte Kirche in Ogrosen soll nicht nur bei Gottesdiensten, sondern als Veranstaltungsort allen Bürgern offen stehen. FOTO: Kuschy
„LR vor Ort“ kommt am Donnerstag, 9. November, 16 Uhr, nach Ogrosen und hat liebe Gäste eingeladen.

„Wenn jeder einen Euro gibt…“ Mit diesem Traum hat die Geschichte der Kirchensanierung in Ogrosen begonnen.

  Aber der Reihe nach. Mitte der 1980er-Jahre schon war das Pfarrhaus in Ogrosen, in dem Christel Paulick von der Kirchengemeinde viele Jahre ihrer Kindheit verbracht hatte, mit Spenden und viel freiwilliger Arbeit saniert worden. Die Kirchenfrau ging irgendwann später in den Pfarrgarten und schaute voller Skepsis auf die Kirche, dachte so bei sich: „Das Pfarrhaus haben wir geschafft – die Kirche, nein, die schaffen wir nie.“

  Die Kirchenkassen waren leer. Eine ihr gut bekannte Architektin schätzte für Christel Paulick mal die zu erwartenden Kosten für eine Kirchensanierung auf 250 000 Euro. „Und du wirst noch mehr brauchen“, prophezeite sie der Ogrosenerin. „Mit dieser Zahl habe ich mich immer wieder rumgeschleppt“, erinnert sich Christel Paulick. Eines Nachts träumte sie: In Deutschland leben 80 Millionen Menschen. Wenn nur 250 000 von ihnen jeweils nur einen Euro spenden…

 Das war der Geistesblitz! Die Ogrosenerin besorgte daraufhin 120 Pappschachteln und Banderolen. Hobbymaler Hans Koppe kratzte sich am Kopf, als Christel Paulick ihn um eine schöne Schrift da drauf bat. „Du bist verrückt“, sei sein Kommentar gewesen. „Ich quatschte mir das Maul fusselig“, erinnert sie sich. Aber er tat’s. Und weil Christel Paulick allein 20 Minuten brauchte, um eine einzige Spendenbox  zusammenzubasteln, kamen Helfer. Die Boxen wurden in den Bundestag nach Berlin geschickt, in ganz Deutschland waren sie unterwegs. Freunde haben welche genommen und bis auf drei Haushalte gingen sie auch zu allen Ogrosenern. Gespendet werden sollte für das Nötigste in der Kirche. Niemand sollte mehr beim Weihnachtskonzert bei Minusgraden in der Kirche frieren. Rund 8000 Euro kamen schließlich zusammen. Das war 2006.

  Und das Wunder von Ogrosen ging weiter. Auf dem Kontoauszug waren bald Spenden aus ganz Deutschland zu entdecken und aus dem schweizerischen St. Moritz. Die weiteste Spende kam aus den USA. Konzerte wurden in die Kirche geholt, und die Zuschauer spendeten für die Sanierung. Der Zufall führte schließlich Christel Paulick mit der Mezzosopranistin Carola Fischer vom Staatstheater Cottbus zusammen. „Woll’n Sie nicht mal das Ave Maria bei uns in der Kirche singen?“, fragte die Ogrosenerin. Sie wollte. Noch im selben Jahr war es soweit. Carola Fischer gab das erste Weihnachtskonzert in der damals kalten Kirche.

  „Nich, Frau Paulick, hier wird doch noch geheizt?“ –  Was damals auf die Frage der Sopranistin folgte, erzählt Christel Paulick gern am 9. November. Jedenfalls bekam die Sängerin für ihren Auftritt eine Weihnachtsente. Seit damals steht Carola Fischer nach jedem Konzert mit am Ausgang und nimmt Spenden der Konzertbesucher für die Kirchensanierung entgegen. Weil die Kirche damals noch so traurig aussah, verprach sie den Ogrosenern in die Hand, solange in der Kirche zu singen, bis sie komplett saniert ist. Die Ogrosener sind ja eigentlich froh, dass es noch immer einen Grund gibt für ihre Konzerte.

  Einer, den es genauso seit rund zehn Jahren in die Ogrosener Kirche zieht, ist Kreismusikschulleiter Uli Stein mit 70 Musikern. Anderthalb Stunden lang konzertierten sie unter dem Motto „Musikschulen öffnen Kirchen“. „Anfangs haben wir in einer Ruine gespielt und gesungen“, erinnert er sich. Große sinfonische Literatur gibt es bis heute in der kleinen Kirche zu erleben. Im vorigen Jahr war das schon an der restaurierten Orgel möglich. „So etwas macht nur Sinn, wenn Kontinuität da ist“, begründet er die vielen Besuche in diesem Gotteshaus.

  „In Ogrosen gab und gibt es auch immer Futter. Auch damit haben wir sie alle gefangen“, scherzt Christel Paulick, die, wie einer mal sagte, mit dem Himmel im Bunde sei. Viele Frauen und Männer brennen wie sie für diese Kirche und haben niemals Mühen gescheut, um Hand anzulegen, Schwein am Spieß zu drehen, Kaffee zu kochen, Kuchen zu backen, Stullen zu schmieren, Glühwein zu verkaufen. Die Kirchenbesucher gaben nach den Konzerten gern ihre Euro dafür.