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LR vor Ort in Boblitz
Stimmbänder wie Bockwürste

Boblitz. "Er berührt die Leute", sagt einer der Wegbegleiter von Andreas Schenker, Dirk Dos Santos, über den – ja, wie soll man den Boblitzer bezeichnen – Rocker, Sänger, Musiker, Entertainer. Wie viele Fans sich von ihm berührt fühlen, ist an diesem Donnerstagabend im Boblitzer Schützenhaus zu erleben. Von Hannelore Kuschy

Kein einziger Platz bleibt unbesetzt. Kein Wunder, denn 30 Jahre als Berufsmusiker – das lässt zwei kurzweilige Stunden erwarten. Der Typ, über den seine Gesangslehrerin an der Musikhochschule einst sagte, er habe Stimmbänder wie Bockwürste, strapaziert sie auch diesmal – als Erzähler.

Auf der E-Lok im BKW Jugend fragte der gelernte Schlosser seinen Elektriker-Kumpel Torsten Holler, er war Volkskorrespondent bei der RUNDSCHAU: "Kannste nich mal 'n schönen Artikel über ,Zündholz' schreiben?" In dieser Band begann die Sängerkarriere für Andreas Schenker. Bei der Armee in Niederlehme avancierte er zum Regiments-Kapellchef. Der Titel "Wahnsinn" brachte ihm bei einer Soldatenestrade1982 gleich mal den 1. Platz und 500 DDR-Mark ein.

"Populär bin ich aber erst bei Berluc geworden", erzählt er. Eine der führenden DDR-Bands, die damals schon auch heute noch hochaktuelle Titel wie "No Bomb" sangen. Techniker Uli lässt gleich mal ein Video von einem Konzert1989 in Lettland an der Wand laufen. Darauf erkennen die Fans sofort ihr Idol, den rockenden Frontmann mit langen lockigen Haaren in Glitzerhosen und flatterndem Hemd über die Bühne wuchten. "Die Klamotten hat mir übrigens Simone Brüggemann-Riemer genäht – sowas gab's ja sonst nicht." Er, dessen Idol Freddie Mercury von Queen ist, habe aber nie nur Rockmusik gemacht, sondern auch die Flippers. "Aber wenn er den Mercury macht, dann geht was ab", bescheinigt ihm Ralf David, der Musikschüler bei Andreas Schenker war und mit dem ihn heute noch eine tiefe Freundschaft verbindet.

Bevor es mit der DDR zu Ende ging, durfte der Boblitzer mit Berluc in den Westen – nach Stuttgart und Hamburg. "Ah, da gab's die Bekanntschaft mit Udo Lindenberg", will Moderator Daniel Preikschat das Geheimnis gelüftet wissen. "Nach unserem ersten Auftritt in Hamburg, Große Freiheit 38, rief uns der Bandchef im Hotel an, wir müssten unbedingt in die Freiheit zurück kommen, Lindenberg wolle uns allen die Hand drücken. Ich hab den Lindenberg gar nicht verstanden, der war doch völlig zugedröhnt", erinnert sich Andreas Schenker. Alles lacht.

Bald nach der Wende gründete er seine eigene Band. "Ja, ich weiß noch, ich hab' bei dir angefangen, Boxen zu schleppen", wirft Ralf David ein, der drei Jahre lang mit ihm Musik machte. "Und er ist ja bis heute so unglaublich diszipliniert und pflegt seine Instrumente. Jedes, das bei dir in Rente geht, hat wirklich seinen Job gemacht", richtet er seinen Respekt an den Freund aus dem Spreewald. Zur Disziplin gehöre für Andreas Schenker auch, dass er nicht rauche, bei Auftritten keinen Schluck Alkohol trinke und jeden Morgen Sport mache. Das halte ihn fit. So stelle er heute noch die 83 Kilo auf die Waage, die er schon zu Berluc-Zeiten hatte.

Der durch und durch Live-Musiker hatte 1996 mit "Du bist all die Sünden wert" seinen ersten professionellen und erfolgreichsten Titel. Mit weiteren Songs wie "Träume der Nacht", "Komm lass uns fliegen", "Magie" oder wie jetzt "Ich schreib dir einen Liebesbrief" lässt er bei seinen weiblichen Fans Schmetterlinge im Bauch fliegen. Wie bei Martina Molle. Sie hat sich extra in Tracht geworfen und dem Andreas ein Geschenk mitgebracht. "Zum ersten Mal habe ich ihn vor 16 Jahren erlebt. Da spielte er Saxophon, und ich schmolz dahin", schwärmt sie. Ingrid Schliebner erlebte ihn vor Tagen am Großen Hafen: "Da hat er wieder Stimmung gemacht." Sabine Rücker und Gabi Schüler seien dort die ersten Tänzerinnen gewesen, erzählen sie beide. "Ich habe ihn komplett ins Herz geschlossen", erzählt Sabine Rücker.

Mit seiner Musik tourt Andreas Schenker durch ganz Deutschland und hat bei Schiff-Kreuzfahrten 24 Länder kennengelernt. Aber immer wieder ziehe es ihn heim in den Spreewald, wo den fitten Entertainer wohl mindestens jeder Zweite kennt. " Aber Mutti sagt immer, ich soll bei meinen Auftritten nicht mehr so oft auf den Tisch springen", scherzt er. Die Leute toben. Ob er denn von Kollegen wie Nino de Angelo – kürzlich in Lübbenau – noch was lernen könne, will der Moderator wissen. "Nee."

Applaus für Andreas Schenker, der nie im regionalen Radio zu hören ist, wie die Fans, allen voran Dirk Dos Santos von der gleichnamigen Agentur, bedauern.