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| 10:53 Uhr

Lausitzer Geschichte
Ziegel für die Wehrhaftigkeit der Stadt

Cottbus. Ein archäologischer Fund hat in Cottbus in den vergangenen Tagen für Aufsehen gesorgt. Ein mittelalterlicher Ziegelbrennofen erlaubt neue Einblicke in die Geschichte der Stadtbefestigung. Ob der Fund erhalten bleibt, ist ungewiss. Die RUNDSCHAU dokumentiert deshalb mithilfe der Experten und ordnet ihn in die Geschichte ein. Von Bodo Baumert

Dass Cottbus einst eine Stadtmauer hatte, kann man heute noch im Stadtbild sehen. Der Spremberger Turm, der  Münzturm und die Lindenpforte zeugen von der einstigen Wehrhaftigkeit der Stadt. Über Jahrzehnte haben die Mauern der Stadt ihre Existenz und ihren Einwohnern das Überleben gesichert. Erst im Dreißigjährigen Krieg gelang es Angreifern erstmals – dank neuer Waffentechnik – die Cottbuser Mauern zu überwinden.

Doch zunächst zurück zum Anfang. Die Cottbuser Stadtmauer wurde vermutlich im 13. Jahrhundert, spätestens Anfang des 14. Jahrhunderts aus Stein erbaut. Sie ersetzte damit frühere Schutzanlagen mit Graben, Wall und Palisadenwand. Durch die heutigen Grünanlagen und die noch erhaltenen Teile lässt sich der Mauerverlauf bis heute gut verfolgen.

Die damals errichtete Stadtmauer war rund 1900 Meter lang, etwa  fünf bis sechs Meter hoch und verfügte über 48 Türme. Für Angreifer stellte das ein beeindruckendes Bollwerk dar, wie etwa Zdenko von Sternberg 1461 feststellen muss. Obwohl die Belagerer ihre „große Büchse“ einsetzen – wie es in der Stadtchronik heißt –, gelingt es ihnen nicht, die Mauern zu überwinden.

Diese Erfahrungen haben zuvor bereits die Hussiten machen müssen. 1429 belagern sie Cottbus, nachdem die Stadt zuvor anderen bedrohten Städten in der Region wie Görlitz und Löbau beigestanden hatte. Die Hussitenkriege, in denen sich die Anhänger des auf dem Scheiterhaufen verbrannten Reformators Jan Hus gegen die katholischen Könige Böhmens auflehnten, hinterließen in weiten Teilen der Lausitz verheerende Spuren. Städte, die sich den Angreifern nicht erfolgreich widersetzen konnten, erlebten grausame Zerstörungen, so etwa Guben, das den Angreifern 1429 in die Hände fiel und darauf noch zweimal (1432 und 1434) von den Hussiten geplündert wurde. Spremberg und das Kloster Neuzelle ereilte ein ähnliches Schicksal.

Der Brennofen
Der Brennofen FOTO: LR / Bodo Baumert

Städten, die sich auf ihre Befestigungen verlassen konnten – so etwa auch Luckau – blieb dieses Schicksal erspart. Am 20. Oktober standen die Truppen unter dem Kommando von Andreas Prokop vor den Toren der Cottbuser. Alle Sturm- und Belagerungsversuche scheiterten allerdings, sodass sie schließlich weiterzogen.

Die Cottbuser hatten überlebt, ihre Mauern waren allerdings in Mitleidenschaft gezogen worden. Hier nun kommt der jüngste Fund der Archäologen ins Spiel. „Eine Ausbesserung der Mauern erfolgte zeitnah. Möglicherweise wurde der entdeckte Ofen zu genau diesem Zweck gebaut und betrieben“, ordnet Markus Agthe vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege ein. Ungewöhnlich sei der Fundort der Anlage, innerhalb der mittelalterlichen Stadt. Wegen der akuten Brandgefahr wurden solche Öfen üblicherweise außerhalb von Siedlungen errichtet.

„Es handelt sich um einen außerordentlich gut erhaltenen Teil eines mittelalterlichen Ziegelbrennofens aus dem 14./15. Jahrhundert“, beschreibt Agthe das, was die Archäologen der Cottbuser Firma ABBU, im Boden einer Baustelle entdeckt haben.

Genau lässt sich das Alter der Anlage noch nicht bestimmen. Sie könnte auch erst nach 1429 erreichtet worden sein. Der Fundort unmittelbar am Fuß der Stadtmauer gibt aber wichtige Hinweise für die weiteren Forschungen.

Die Cottbuser Stadtmauer
Die Cottbuser Stadtmauer FOTO: Peggy Kompalla

In vorsichtiger Kleinarbeit wurde die Anlage, die nach ihrer Nutzung im 15. Jahrhundert mit Schuttaufgefüllt und überbaut wurde, nun aus dem Untergrund geborgen. „Der aus Stampflehm und ungebrannten Ziegeln errichtete Bau hat einen Feuerungs- und Brennraum von 5 mal 3,4 Metern Ausdehnung. Die Wände sind noch bis zu 1,6 Meter hoch in originaler Substanz erhalten, ebenso der Boden mit den Lüftungskanälen“, berichtet Agthe.

Wie muss man sich die Arbeit  in dieser Brennerei vorstellen? „In dem Ofen wurden in einem mehrere Tage andauernden Brennprozess Backsteine hergestellt. Allein das Anheizen auf bis zu 1000 Grad dauerte eine Woche. Danach musste kontinuierlich Tag und Nacht das Holzfeuer in Gang gehalten werden und anschließend der Ofen langsam abkühlen“, erläutert Agthe. Noch heute werden in so in anderen Teilen der Welt Ziegel hergestellt.

Die Belüftung und das Befüllen der Öfen erfolgte über drei für die Zeit typische gotische Spitzbogenöffnungen in der Ostwand der Anlage. Nach dem Brennprozess wurden die Ziegel auf dem Werkplatz gelagert und dann zur jeweiligen Baustelle transportiert. Viele Arbeiter waren dafür nicht nötig.

Ziegel stellten im Mittelalter ein kostbares Gut dar. Während Lehm, Holz und Feldstein reichlich als Baumaterial vorhanden waren, mussten gebrannte Ziegel aufwändig hergestellt werden und waren deshalb teuer. Sie wurden daher vorrangig für die Errichtung repräsentativer Bauwerke wie Kirchen oder Rathäuser verwendet. Auch eine Stadtmauer diente im Mittelalter solchen Repräsentationszwecken. Wer sich Cottbus näherte sollte gleich sehen: Hier ist eine Stadt, die sich ihre Verteidigung leisten kann.

Blick auf die Baustelle.
Blick auf die Baustelle. FOTO: Landesamt für Denkmalschutz

Wie lange der Brennofen in Cottbus genutzt wurde, lässt sich noch nicht sagen. Die Forscher gehen von mehreren Wochen oder Monaten aus. „Ausbesserungen mit Lehm im Brennraum lassen auf eine mehrmalige Verwendung schließen“, so Agthe.

Nach der Stilllegung der Anlage wurde der oberirdisch aufgesetzte Ofenschacht abgetragen, der Brennraum mit Schutt bis zum Rand verfüllt und anschließend das Gelände planiert.

Auch die Cottbuser Stadtmauer erlebte ein ähnliches Schicksal. Denn ab Mitte des 15. Jahrhunderts verliert die Stadt zunehmend ihre strategische Bedeutung. 1544 lässt Markgraf Johann von Brandenburg-Küstrin die schweren Geschütz von Cottbus auf seine neu erbaute Festung Küstrin schaffen. Andere Geschütze werden auf die ebenfalls neu errichtete Festung nach Peitz verlegt.

Der Verlust wird spätestens im Dreißigjährigen Krieg deutlich. Am 29. Juni 1631 stehen kaiserliche Truppen vor der Stadt Cottbus. Schon im zweiten Ansturm werden die Mauern dank neuer Kanonen und Belagerungstechnik genommen. Cottbus wird geplündert. „Die Stadt wird von da an regelmäßig eingenommen und ist kaum noch zu verteidigen“, heißt es in der Stadtchronik.

Blick in den Brennraum
Blick in den Brennraum FOTO: Landesamt für Denkmalschutz

Ab dem frühen 18. Jahrhundert verschwindet die Stadtmauer Schritt für Schritt aus dem Stadtbild. Spätestens mit der Industrialisierung wird Platz und Wohnraum benötigt. Die Stadttore werden abgerissen. Einzig die Lindenpforte bleibt. Sie stellte einst den schnellsten Weg zwischen Innenstadt und Synagoge dar. Aus diesem Grund war sie auch auch als „Judenpforte“ oder „Judentor“ bekannt.

Die Stadtmauer wird in den Jahren 1937/38 zu großen Teilen rekonstruiert und wieder aufgebaut. Im Einklang mit dem Münzturm und dem Spremberger Turm ist sie heute eine touristische Besonderheit.

Der Ziegelbrennofen wird es wohl nicht werden. Eine Sicherung des Fundes sei dem Bauherren nicht zuzumuten, sagt Markus Agthe vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege. Auch Stadtarchivar Krestin ist skeptisch: „Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir hier einen solchen bedeutenden Fund auch erhalten könnten, vielleicht sogar zugänglich machen. Aber dazu muss man auch Aufwand und Nutzen sehen und die sicher nicht unerheblichen Kosten berücksichtigten, die eine Bergung oder eine Sicherung erfordern.“