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| 17:45 Uhr

Lausitzer Geschichte
Sachsens Glanz und Gloria

 Ein Mitarbeiter des Ausgrabungsteam legt einen Fund frei.
Ein Mitarbeiter des Ausgrabungsteam legt einen Fund frei. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Glaubitz. Das Zeithainer Lustlager ist ein oft thematisiertes Ereignis der preußisch-sächsischen Geschichte. Nun gibt es erstmals archäologische Belege. Von Bodo Baumert und Daniel Roßbach

Was war das Zeithainer Lustlager?

Der Titel führt leicht in die Irre. Tatsächlich handelt es sich bei dem Lustlager um eine Truppenschau, allerdings um eine der Superlative. Als „Spektakel des Jahrhunderts“ wird das Ereignis von 1730 zur damaligen Zeit gefeiert. Denn Gastgeber Sachsen hatte mehr im Sinn, als „nur“ seine neu ausgerüsteten und uniformierten Truppen vorzuführen. August der Starke wollte sein Sachsen vor den Augen des europäischen Adels pompös in Szene setzen.

Für das vierwöchige „Große Campement bei Mühlberg“ – wie das Lustlager auch genannt wird – ließ er deshalb extra ein Palais aus Holz und Zeltbahnen errichten.  Ein gigantisches Feuerwerk, ein Seemanöver auf der Elbe, ein Sieben-Meter-Stollen, Meißner Porzellan und mehr begeisterten die 48 geladenen europäischen Fürsten.

Wie sah das praktisch aus?

Das Zeithainer Lustlager war vor allem eine Zur-Schau-Stellung gigantischen Ausmaßes. Die zweistöckige „Burg“, die extra nur für diesen Zweck vom Architekten Matthäus Pöppelmann erbaut wurde, umfasste eine Fläche von 700 mal 400 Metern. Die größten Zelte waren mit überdachten Gängen verbunden. Die Terrasse bot 4000 Menschen Platz zur Manöverbeobachtung. Es gab sogar ein eigenes Opernhaus. Im Inneren blitzte und blinkte es vor lauter Tafelsilber, Trophäen und kostbaren Gemälden.

 Diese luxuriöse Keramik heißt nach ihrer italienischen Herkunft Fayence.
Diese luxuriöse Keramik heißt nach ihrer italienischen Herkunft Fayence. FOTO: LR / Daniel Roßbach

Ein besonderer Höhepunkt war der Riesenstollen, an den noch heute auf dem Striezelmarkt erinnert wird. Das „Original“ maß sieben mal drei Meter, wog 1800 Kilogramm und musste von Pferden in den eigens erbauten Riesenofen gezogen werden. 24 000 Portionen wurden am Ende an die Besucher verteilt.

Welche neuen Erkenntnisse über Zeithain und die damaligen Ereignisse gibt es jetzt?

Unsere Funde belegen den prächtigen Stil, in dem das Zeithainer Lustlager gehalten wurde“, sagt Robert Ansorg, der Leiter der Ausgrabung. Die teuren und aufwendig herzustellenden Gläser und Keramiken zeigen konkret die Extravaganz  des sächsischen Festes.

 Die Herstellung von Waldglas verbrauchte immense Mengen Holz, das zu Pottasche ausgelaugt wurde.
Die Herstellung von Waldglas verbrauchte immense Mengen Holz, das zu Pottasche ausgelaugt wurde. FOTO: LR / Daniel Roßbach

Die Gegenstände aus dem 18. Jahrhundert sind nicht die einzigen Funde aus Glaubitz. Die Archäologen und Archäologinnen stießen auch auf Überreste der bronzezeitlichen Lausitzer Kultur. „Als wir diese Funde ausgegraben hatten, dachten wir schon, es hat sich erledigt hier in der Fläche“, sagt Robert Ansorg: „Aber weit gefehlt.“

Allerdings sei man zunächst skeptisch über den historischen Status der gefundenen Stücke gewesen: „Eine Kollegin wollte eine der unscheinbaren Scheren fast schon wegwerfen.“ In dem sandigen Boden lagen aber mitnichten nur gewöhnliche alte Flaschen, sondern Reste wertvoller Keramiken italienischen Stils und Waldglas-Flaschen.

Als propagandistische Veranstaltung Augusts des Starken wurde das Lager zeitgenössisch ausgiebig dokumentiert. Die Forscher wissen also recht genau, wo am Elbufer was stattgefunden hat: „Wir haben hier also mal den Vorteil, dass wir eine Karte haben von dem, was wir graben“, sagt dazu Grabungsleiter Ansorg. Natürlich müssen aber auch diese Quellen kritisch gelesen werden. Immerhin kommt es etwa in den Gemälden schon einmal vor, dass die Elbe deutlich näher an einen Teil des Geschehens gerückt wird, als sie in Wirklichkeit ist. So auch in einer Abbildung der Stelle, an der nun Reste des Lagers gefunden wurden – vom Fluss ist dort in der Realität nichts zu sehen.

Die neuen Funde belegen, dass das Lustlager tatsächlich an dieser Stelle aufgeschlagen wurde. Das belegen neben den Artefakten auch Anzeichen für eine Befestigung der, teils prächtigen, Lagerzelte.

Welche Bedeutung hatte das Lustlager für das damalige Sachsen?

Für August den Starken erfüllte Zeithain seinen Zweck. Vor allem der nördliche Nachbar Preußen – in Person des „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I. – zeigte sich beeindruckt. Ins Auge fiel den preußischen Gästen auch der Chef-Organisator des Ganzen, Graf Heinrich von Brühl. Friedrich Wilhelm I. verlieh ihm noch an Ort und Stelle den Adlerorden, Preußens höchste Auszeichnung.

Die Demonstration sächsischer Stärke hielt allerdings nicht lange vor. Preußen konterte Sachsens 30 000 in Dienst gestellte Soldaten mit 80 000 eigenen. 26 Jahre später marschierte Friedrich der Große in Dresden ein.

 Spätestens durch das Pflügen der Felder gingen die Gefäße zu Bruch.
Spätestens durch das Pflügen der Felder gingen die Gefäße zu Bruch. FOTO: LR / Daniel Roßbach

Welche Bedeutung hatten die Tage von Zeithain für Preußen?

Zeithain stellte einen  besonderen Punkt im Generationswechsel an der Spitze des preußischen Staates dar.  Der Konflikt zwischen dem Soldatenkönig und seinem Thronfolger, der später einmal der „Große“ werden sollte eskalierte in Zeithain. Friedrich Wilhelm züchtigte seinen Sohn vor aller Augen. Der versuchte daraufhin, nach Frankreich zu fliehen. Der Plan wurde allerdings verraten – angeblich durch Brühl, dessen Spione von der Flucht Wind bekamen. Friedrichs Freund Hans Hermann von Katte musste dafür büßen und wurde später vom Soldatenkönig hingerichtet, was die Wut des jungen Thronfolgers auf seinen Vater nur noch steigerte – genau wie den auf Sachsen und Brühl.

Wie verhalf das Lustlager Graf Heinrich von Brühl zum Aufstieg?

Als Page ging er ins Lustlager von Zeithain hinein, als Geheimrat kam er wieder heraus. So lässt sich – vereinfacht – die Bedeutung des Lustlagers für Heinrich von Brühl, den späteren Standesherrn von Forst und Ersten Minister Sachsens, zusammenfassen. Brühl meisterte die logistische Herausforderung, erfüllte die Wünsche seines Königs – die andere für undurchführbar hielten – und knüpfte zugleich wertvolle Kontakte in Europas Herrscherhäuser. „Für Brühl sind mit dem Zeithainer Lager Erfahrungen verbunden, die maßgeblich sein weiteres Leben prägen“, schreibt der Historiker Walter Fellmann in seinem Buch „Heinrich Graf Brühl“. Dass den Auftakt seines politischen Erfolges ausgerechnet ein Lustlager bildete, ist für Fellmann typisch: „Wie Politik gemacht wird, das meint er in Zeithain begriffen zu haben.“

 Was blieb vom Zeithainer Lustlager? Vier aus Sandstein erbaute Obelisken stehen bis heute an den Grenzen des damaligen Manövergebietes. Nun haben Archäologen weitere Spuren ausgegraben.  Foto: Daniel Roßbach
Was blieb vom Zeithainer Lustlager? Vier aus Sandstein erbaute Obelisken stehen bis heute an den Grenzen des damaligen Manövergebietes. Nun haben Archäologen weitere Spuren ausgegraben. Foto: Daniel Roßbach FOTO: LR

Welche Bedeutung hat Zeithain für das Verhältnis von Brühl und Friedrich dem Großen?

Das Lustlager bildete aus Sicht Friedrichs die Basis einer wunderbaren Feindschaft. „Friedrich hasste Brühl – sehr, und dies ein Leben lang“, schätzt der Historiker Jürgen Luh ein. Dabei kamen die beiden in Zeithain – bevor sie politische Verantwortung trugen – noch ganz gut miteinander aus. Auslöser des Hasses war dann wohl vor allem die gescheiterte Flucht Friedrichs. Es gab allerdings auch politische Gründe, war es doch Brühls geschickte Außenpolitik, die Friedrich mehrfach an den Rand der Niederlage brachte. „Dass der ihn deswegen hasste, ist menschlich nicht unverständlich“, schätzt der ungarische Historiker Aladar von Boroviczeny ein.

Brühl hingegen reagierte weniger emotional auf seinen Rivalen. „Dass er den preußischen König persönlich gehasst hätte, lässt sich nicht erkennen. Politisch aber wollte Brühl zu Sachsens – und damit auch zu seinen Gunsten – Friedrich schaden“, so Luh.