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| 20:06 Uhr

Lausitzer Geschichte
Belgier setzten das Cottbuser Schloss unter Dampf

 Dieses Gemälde vom Brand des Cottuser Stadtschlosses, gemalt von Carl Heinrich Vester im Jahr 1857, ist heute im Stadtmuseum Cottbus zu sehen.
Dieses Gemälde vom Brand des Cottuser Stadtschlosses, gemalt von Carl Heinrich Vester im Jahr 1857, ist heute im Stadtmuseum Cottbus zu sehen. FOTO: LR / Nils Ohl
Cottbus. Wo einst Fürsten und Kaiser logierten, stand später die erste Dampfmaschine von Cottbus. Über viele Jahrhunderte war das Cottbuser Stadtschloss Residenz adeliger Herrscher. Nachdem diese den Sitz aufgaben, wurde das leerstehende Schloss zur Keimzelle der industriellen Revolution in Cottbus. Von Nils Ohl

Als der Engländer James Watt 1773 die erste gebrauchsfähige Dampfmaschine konstruierte und damit das Zeitalter der Industrialisierung einläutete, war die Wirtschaft der Niederlausitz noch von mittelalterlichen Zunftzwängen, adeligen Privilegien und kleinbäuerlicher Landwirtschaft geprägt. Selbst der florierende Tuchhandel in Städten wie Cottbus beruhte noch auf reiner Handarbeit. Es dauert fast fünfzig Jahre bis 1818 auch in Cottbus die erste Dampfmaschine aufgestellt wurde - durch eine englischstämmige Unternehmerfamilie aus Belgien. Und die Geschichte dieser ersten Dampfmaschine, die mit Napoleon begann und in einer Brandkatastrophe endete zeigt exemplarisch, wie eng Globalisierung und technologischer Fortschritt schon vor 200 Jahren in Europa zusammenhingen.

Doch zunächst zu Napoleon. Dieser hatte 1806 die Preußen besiegt, die große Teile ihres Territoriums abtreten mussten - darunter auch die Stadt Cottbus an Sachsen. Im Zuge dieser Niederlage modernisierten die preußischen Reformer um Karl Freiherr vom Stein und Karl August von Hardenberg den Staat grundlegend. Ein wesentlicher Teil dieser Reformen war die Einführung der Gewerbefreiheit 1810. Erst damit bekamen die Bürger auch das Recht der freien Berufswahl. Als Cottbus nach dem Sieg über Napoleon 1815 wieder an Preußen fällt, sind damit alle juristischen Voraussetzungen für modernes Gewerbe und neue Fabriken geschaffen.

 Schlossberg mit dem Landgericht Cottbus. An Stelle des Gerichtsgebäudes stand einst das Fürstenhaus des Cottbuser Schlosses, das 1816 zur Spinnereifabrik mit der ersten Dampfmaschine von Cottbus umgebaut wurde.
Schlossberg mit dem Landgericht Cottbus. An Stelle des Gerichtsgebäudes stand einst das Fürstenhaus des Cottbuser Schlosses, das 1816 zur Spinnereifabrik mit der ersten Dampfmaschine von Cottbus umgebaut wurde. FOTO: LR / Nils Ohl

Die Preußen suchen Investoren

Doch noch fehlte es an echten industriellen Investoren. Hier trat nun die Familie Cockerill auf den Plan. Der Stammvater, William Cockerill Senior, ein gebürtiger Engländer, hatte ab 1807 in Belgien ein erfolgreiches Firmenkonglomerat in der Textil- und Eisenindustrie aufgebaut. Die von Napoleon damals verhängte Kontinentalsperre, die ihn vor unliebsamer Konkurrenz aus dem alten Heimatland abschirmte, war dabei bestimmt hilfreich. Belgien war, nach Großbritannien, das zweite europäische Zentrum der Industrialisierung, wozu die Cockerills nicht wenig beitrugen.

Als die Cockerills neue Geschäftsmöglichkeiten in Preußen sondierten, stießen sie in Berlin auf offene Ohren. Die Cockerills engagierten sich zum Beispiel ab 1814 in der Berliner Textilindustrie. Und zwei Söhne des Firmengründers - William Cockerill Junior und John Cockerill - wurden schließlich der Lausitz aktiv und gründeten 1816 in Guben in der Klostermühle und in Cottbus im Stadtschloss neue Spinnereien, die sie 1818 beide mit Dampfmaschinen ausstatteten. Hier soll nun die Geschichte der Cottbuser Dampfmaschine näher beleuchtet werden, weil sie genau da ihren Standort fand, wo einst das politische Zentrum des Cottbuser Adels lag und sie somit nahezu exemplarisch den Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Zeit symbolisiert.

Vom slawischen Burgwall zum Cottbuser Schloss

Der Cottbuser Schlossberg heißt so, weil hier einst der Sitz der Herren von Cottbus war. Ganz ursprünglich befand sich hier ein slawischer Burgwall, später eine deutsche Burg. Die erste urkundliche Erwähnung von Cottbus nennt 1156 einen „Heinricus castellanus de Chotibuz“, als Burggrafen von Cottbus, der von hier aus herrschte. Die Herren von Cottbus errichteten eine nahezu eigenständige Adelsherrschaft. Doch im Laufe der Jahrhunderte sanken sie bis auf das Niveau von Raubrittern ab und mussten schließlich ihre Besitzungen verkaufen — an den Kurfürsten von Brandenburg.

Die Huldigung der Vertreter der Stadt an den neuen Herrn Kurfürst Friedrich II. von Hohenzollern fand 1445 im Fürstenhaus des Schlossen statt. Zwar war das Schloss seitdem keine ständige Residenz mehr, beherbergte aber dennoch zahlreiche hochadelige Gäste: von Kaiser Maximilian II., der hier 1564 übernachtete, bis 1626 zum Herzog Wallenstein. Und natürlich nahmen auch die Brandenburgische Kurfürsten bzw. Preußischen Könige als Landesherren wiederholt hier Aufenthalt. Doch dauerhaft wohnte auf dem Schloss nur noch der jeweilige Amtshauptmann.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts stand das Fürstenhaus als Hauptgebäude des Schlosses dann leer und wurde zeitweise als Armeemagazin, Lagerraum für Salz und für diverse andere Zwecke benutzt. Andere Teile des Schlosses dienten als Gefängnis und Pfarrerwohnung. Erst als die Cockerills per Preußischer Kabinettsordre vom 10. Juni 1816 das Schloss zugewiesen bekamen, zog hier neues Leben ein.

Erste Dampfmaschine von Cottbus

Doch da, wo einst Könige und Kaiser schliefen, standen nun Spinnmaschinen, die von schätzungsweise 250 Arbeiterinnen und Arbeitern bedient wurden. Bis dahin hatte in und um Cottbus das Spinnen von Hand vorgeherrscht. Garn in der benötigten Qualität und Quantität war dadurch zu einem echten Engpass der hiesigen Tuchindustrie geworden. Die Cockerills trafen so auf einen sehr aufnahmebereiten Markt. Zunächst trat John Cockerill als Käufer des Schlossgeländes auf, kurz darauf sein Bruder William Cockerill als Geschäftsführer. Der Kaufpreis soll 90000 Taler betragen haben.

Die Dampfmaschine wurde im Keller installiert und an der Südseite des Fürstenhauses extra ein neuer Schonstein dafür angebaut. Ein gewisses Problem scheint die Wasserversorgung gewesen zu sein, da das Wasser für die Dampfkessel vom Mühlgraben auf den Schlossberg heraufgepumpt werden musste.

Die Dampfmaschinen selbst - und auch die Spinnmaschinen - wurden aus den Cockerillschen Werken in Belgien geliefert. Die Monteure kamen ebenfalls aus dem Ausland. Zum einen, weil es in Cottbus noch nicht genug Kesselschmiede und Fachkräfte für Dampfmaschien gab, zum andern, um der Industriespionage neugieriger Lauzsitzer Konkurrenten zuvorzukommen.

 Seitlicher Schnitt durch das ehemalige Fürstenhaus mit dem Standort der Dampfmaschine im Keller und den Transmissionsriemen in die darüber liegenden Stockwerke.
Seitlicher Schnitt durch das ehemalige Fürstenhaus mit dem Standort der Dampfmaschine im Keller und den Transmissionsriemen in die darüber liegenden Stockwerke. FOTO: Stadtmuseum Cottbus / Zeichnung

Enormer Holzverbrauch der Dampfkessel

Nachdem die Dampfmaschine, die ca. zwölf Pferdestärken lieferte, 1818 moniert war, scheint sie ihren Dienst über Jahre hinweg sehr zuverlässig versehen zu haben - sie wurden erst 1832 modernisiert, die Dampfkessel sogar erst 1851 ausgewechselt. Auch haben die Cockerills offenbar eine eigene Instandsetzungswerkstatt betrieben.

Allerdings muss der Holzverbrauch der Anlage enorm gewesen sein. Da Braunkohle damals als Brennstoff noch nicht zur Verfügung stand, griff man auch auf Steinkohle und Torf zurück. So haben die Cockerills in den Sachsendorfer Wiesen eigene Torfstiche besessen

Das Ende im Feuer

1847 übernahm der Regierungs-Assessor von Bothmer aus Guben die Fabrik. 1852 folgte ihm ein Leutnand von Seydell. 1857 kam es dann zur Katastrophe: Das ehemalige Fürstenhaus brannte ab, genauso wie der Schlossturm. Allerdings nicht infolge einer Explosion der Dampfmaschinen, sondern weil falsch gelagerte Wollreste durch Selbstentzündung Feuer fingen.

Die Fabrik wurde danach nicht wieder in Betrieb genommen. Der zur Hälfte eingestürzte Schlossturm wurde 1876/77 wieder aufgebaut und ist heute noch zu bewundern. An Stelle der Cockerillschen Fabrik befindet sich heute das Landgericht. Dessen Gebäude wurde 1876/77 auf der Fläche des abgerissen Fürstenhauses errichtet.

 Der frühere Pylon vom wieder aufgebauten Turm des Cottbuser Stadtschlosses ist jetzt im Cottbuser Stadtmuseum zu besichtigen – neben weiteren Zeugnissen zur Geschichte des einstigen Schlosses.
Der frühere Pylon vom wieder aufgebauten Turm des Cottbuser Stadtschlosses ist jetzt im Cottbuser Stadtmuseum zu besichtigen – neben weiteren Zeugnissen zur Geschichte des einstigen Schlosses. FOTO: LR / Nils Ohl

Ein Pylon des restaurierten Schlossturmes ist - wie auch mehrere Gemälde und Zeichnungen des ehemaligen Cottbuser Schlosses, heute im Stadtmuseum zu besichtigen.